Panorama

Kondakovas "Second Wind"Ukrainische Soldaten besteigen mit Prothesen den Kilimandscharo

22.02.2026, 18:02 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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49th-Cesar-Arrivals-Masha-Kondakova-at-the-49th-Cesar-Film-Awards-at-L-Olympia-on-February-23-2024-in-Paris-France-Photo-by-Franck-Castel-ABACAPRESS
Masha Kondakova ist eine französisch-ukrainische Filmemacherin, die sowohl für Dokumentar- als auch für Spielfilme bekannt ist. Ihr Kurzfilm "November" wurde mit 15 internationalen Preisen ausgezeichnet. Sie gehörte zu den Ersten, die in "Inner Wars" über Frauen im Krieg berichteten, der Film wurde weltweit ausgestrahlt. (Foto: IMAGO/ABACAPRESS)

"Second Wind" dokumentiert die tiefgreifenden inneren Wandlungen von fünf Soldaten, die trotz körperlicher Einschränkungen alles geben, um ihren Schmerz zu überwinden. Mit ntv.de sprechen die Regisseurin Masha Kondakova und der Produzent Gena Gazin über Krieg, Kameraden - und den Kilimandscharo.

Die Verarbeitung des Kriegstraumas gelingt den fünf Helden, die sich aus der Ukraine auf den Weg zum Kilimandscharo machen, sicher nicht immer und nicht dauerhaft. Allein deswegen, weil es eine sehr kurze Reise für ein solch monumentales Unterfangen ist. Auch, weil sie alle wieder in den Krieg zurückmüssen nach dieser Auszeit. Und auch, weil dieser Trip ihnen fast alles abverlangt hat. Aber sie haben es geschafft.

Mit "Second Wind" zeigt Masha Kondakova, wie Menschen in noch so schwierigen Lebenslagen über sich hinauswachsen können. Sowohl durch die Kraft der Kameradschaft als auch durch ihre eigene, enorme Willensstärke. Die Reise von fünf ukrainischen Soldaten mit Amputationen aufgrund des Krieges ist mehr als eine körperliche Leistung - sie ist eine klassische Heldenreise und ein kraftvolles Symbol für den Kampf einer Nation. Die Soldaten und der Film stehen für die Hoffnung, die hoffentlich bald aus der Asche des Krieges erwachsen wird. Es wäre ein universelles Zeugnis der Widerstandsfähigkeit des menschlichen Körpers und Geistes.

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Masha Kondakova und Gena Gazin: Der in der Ukraine geborene, amerikanische Manager und Philanthrop, ist Hauptproduzent von "Second Wind". (Foto: IMAGO/Abdullah Firas/ABACA)

Was man alles schaffen kann

Die Idee zu dem Film entstand, als Gena Gazin, der Produzent, seinen Sohn in Tel Aviv besuchte und er einen Mann am Strand sah, der joggte. Der Jogger kam näher und Gazin realisierte, dass er eine Prothese trug. Er war fasziniert. Es war der Moment, in dem er dachte, dass man mit einer Prothese alles schaffen kann - sogar einen der höchsten Berge der Welt erklimmen. Und so machte er, der in der Ukraine geboren wurde und in den Vereinigten Staaten Karriere gemacht hat, sich auf die Suche nach ukrainischen Soldaten mit Prothesen. Es gibt Zehntausende inzwischen. Im Gegensatz zu den Hauptdarstellern und der Regisseurin ist Gazin ein erfahrener Bergsteiger - mehrere Nahtoderfahrungen in jüngster Zeit haben ihn jedoch dazu gebracht, nochmal neu und anders über das Leben nachzudenken.

Entstanden ist einer der schönsten Filme über die Stärke des menschlichen Willens und die Kraft der Gemeinschaft. Ganz "nebenbei" erfahren die Zuschauer, wie ukrainische Soldaten "ticken". Zu verdanken ist das Masha Kondakova, der Regisseurin von "Second Wind". Preisgekrönt und seit Jahren in Paris ansässig, erzählt sie ntv.de im Rahmen der Sicherheitskonferenz in München, dass sie und Gazin einen Film machen wollten, der den wahrscheinlich Zehntausenden Ukrainern mit Prothesen, zeigen will, dass das Leben weitergeht. Dass es lebenswert ist und dass man sich nicht einschränken muss. "Gena ist der beste Produzent, obwohl das sein erster Film war. Er ist ein immenses Risiko eingegangen, denn niemand gibt in der Ukraine im Moment Geld dafür aus, Filme zu machen", lobt sie ihren Landsmann.

Und während andere vielleicht ins Mittelgebirge oder höchstens in die Alpen fahren würden, um auszuprobieren, wie man mit Beinprothesen einen Berg besteigen kann, sind Kondakova und Gazin mit einem kleinen Team - Kamera, Drohnen, Ärztin - und fünf Soldaten der ukrainischen Armee mit Prothesen auf den Kilimandscharo gestiegen. Eine Aktion, die Menschen gänzlich ohne Beeinträchtigungen enorme Leistungen abverlangt. "Ich war zuvor übrigens noch nie in den Bergen", sagt Masha Kondakova, "aber Gena hat mich überzeugt, den Film zu machen. Er und unsere Casting-Direktorin haben die fünf ausgesucht - und es hätte nicht besser laufen können. Es mussten Soldaten sein, die es wirklich schaffen wollen und können."

Wie anstrengend das ist, zeigt die Regisseurin so eindringlich, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein. Ihre Kameraführung und die Nähe zu den Soldaten, die sich ihrer Tränen nur anfangs schämen, ihre Schmerzen, ihre Freude und das Erstaunen über die eigene Leistung, sind einzigartig. "Es ist für Leute ohne Behinderungen schon hart, einen 6000er zu besteigen", weiß Masha, die den Weg schließlich auch gegangen ist, "man muss sowohl körperlich als auch mental sehr gut aufgestellt sein. Ich kenne einige, die es nicht geschafft habe, allein wegen der Höhe." Die Höhenkrankheit ist es dann auch, die den meisten zu schaffen macht, der Weg selbst ist es nicht unbedingt. Aber auch der ist beschwerlich, vor allem bei extremen Witterungsbedingungen. Einige, die die Gruppe auf ihrem Weg getroffen haben, mussten bei 3000 Metern Höhe aufgeben.

Normalerweise nehmen sich die Leute eine Woche für den Aufstieg. "Wir hatten nur vier Tage. Und zwei für den Abstieg", sagt Kondakova, "weil die Soldaten nicht mehr Zeit hatten." Sie mussten zurück an die Front, um ihre Pflicht zu erfüllen. Zurück in die Ukraine, in das Land, das diese jungen Menschen verteidigen, auch wenn sie dafür fast mit ihrem Leben bezahlt hätten. Es weiterhin tun. Ihr Leben, das am Anfang steht: Einige der Soldaten haben Kinder, hatten Jobs, die sie mochten, lebten in einer Stadt, die schön war. Noch immer schön ist, wenn man Glück hat. "Ich habe viele Aufnahmen aus der Ukraine mit hereingenommen, auch um zu zeigen, wie wundervoll die Ukraine ist", so Kondakova, "sowohl die Landschaft als auch die Architektur."

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"Ich wollte, dass der Zuschauer den Fünfen so nah kommt, dass er sie spürt, das Gefühl hat, mit ihnen zu sein", sagt Kondakova. (Foto: Second wind)

"Second Wind" ist kein üblicher Dokumentarfilm, der zeigt, was bereits Schreckliches passiert ist. Es ist vor allem ein Film über das, was noch möglich ist - im positiven Sinne. Die Kamera kommt den Protagonisten dabei sehr nah. "Ich wollte alles zeigen, ihre Gefühle, ihre Angst, ihren Stolz, ihren Willen, ihre Kraft", sagt Kondakova.

Täglich grüßt das Murmeltier

Mishka, Vlad, Roima und Sashko sind junge Männer, die einen Teil ihres Beins verloren haben, ihren Unterschenkel. Olya, die einzige Frau im Bunde, erlitt mehrere schwerwiegende Verletzungen, darunter einen Bauchschuss. Kondakova zeigt, wie sie abseits des Krieges sind: Junge Menschen, die morgens aufstehen und die Welt erobern wollen, auf eine nicht kriegerische Art. Alle fünf sind supersportlich. "Jeden Morgen jedoch festzustellen, dass ein Teil deines Körpers fehlt, ist hart. Auch das wollte ich zeigen. Ich will die Zuschauer in ihre Lage versetzen."

Die Aufnahmen sind intim: Es ist ein sehr privater Vorgang, jemanden dabei zu filmen, wie er seine Prothese anlegt. Das ist der Regisseurin gelungen, man glaubt, den Schmerz mitfühlen zu können. "Ich wollte zeigen, das sind nicht einfach ein paar Krieger, die mal eben einen Berg besteigen und sonst um sich schießen. Es sind Menschen, und sie befinden sich in einem Prozess."

Es gibt Szenen, da merkt man, dass die Helden dieser außergewöhnlichen Reise lieber nicht gefilmt werden würden. Aber das war der Deal. Kondakova erzählt ntv.de, wie sie immer wieder gefragt haben: 'War's das jetzt, sind wir endlich fertig?' "Nach einer Weile haben sie es aber akzeptiert, dass ich ständig mit meiner Kamera dabei bin. Es ist ein schmaler Grat dazwischen, hilfreich zu sein, empathisch, und seinen Job zu machen. Ich war trotzdem oft sehr hin- und hergerissen." Manchmal habe sie sich wie eine Mutter gefühlt, sagt sie, "man will ihnen etwas beibringen, sie fordern und fördern, aber auf der anderen Seite will man sie auch einfach nur in den Arm nehmen. Vor allem, wenn allen kalt ist, sie nass sind bis auf die Knochen und müde." Kondakova hat die richtige Mischung hinbekommen – sie hat echte Emotionen eines außergewöhnlichen Abenteuers eingefangen.

Gena Gazin, der zurückhaltende, stets die Ruhe bewahrende Produzent, ergänzt: "Wir hatten keine Zeit, um jede Szene mehrmals zu filmen, bis sie endlich im Kasten ist, es war eine "One Take"-Angelegenheit, alles Echtzeit." "Bis auf ein paar Szenen", wirft Kondakova lachend ein, "wir waren schließlich ständig alle zusammen. Das war anstrengend, aber nach einer Weile haben alle vergessen, dass die Kamera läuft."

Keine Opfer

Bevor das Team auf den Kilimandscharo steigt, macht es, wie die meisten Touristen, eine Safari – und auch das sind wunderbare Bilder. Der Kontrast, von der Front der Ukraine nach Afrika – mehr geht eigentlich nicht. Kondakova gelingt die Dokumentation, dass Ukrainer keine Opfer sind, sondern dass sie ihr Schicksal in die Hände nehmen. "Das Image der Ukraine ist nicht, dass wir uns geschlagen geben – im Gegenteil! Wir werden zwar bedauert, weil wir der Aggression Russlands ausgesetzt sind, aber wir werden auch wieder zeigen können, dass man uns für die Dinge, die wir tun, bewundern und von uns lernen kann", ist sich Kondakova sicher. Menschen, die ein völlig normales Leben geführt haben, wurden zu Helden - was beweist, dass sehr viel Stärke in jedem Einzelnen liegt. "Wir sind viel stärker, als wir denken. Wir überwinden unsere Angst, gemeinsam", ist sie sich sicher.

Welche Erkenntnisse haben die beiden, Regisseurin und Produzent, vom Kilimandscharo mitgebracht? "Dass das Wichtigste ist, Beziehungen zu Menschen zu haben", sagt Gazin. Und Kondakova ergänzt: "Dass man immer einen Preis zahlt für seine Entscheidungen. Dass ein einziger schlechter Gedanke deine komplette Energie töten kann. Und dass ein einziger, guter Gedanke dir Flügel verleihen kann."

Wer mehr wissen will:

"If Not Now https://ifnotnowua.org/en

Second Wind https://secondwind.film/

Inner Wars https://www.filmdienst.de/film/details/618287/der-innere-krieg

Quelle: ntv.de