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Brückeneinsturz in Genua Unglück oder menschliches Versagen?

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Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli spricht von einer "entsetzlichen Tragödie": Bei Genua stürzt eine vierspurige Autobahnbrücke ein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während eines schweren Unwetters stürzt gestern die sogenannte Morandi-Brücke im italienischen Genua ein. Um die 30 Fahrzeuge werden in die Tiefe gerissen, Dutzende Menschen sterben. Einen Tag nach dem Unglück beginnt die Schuldzuweisung.

Was ist passiert?

Über die italienische Hafenstadt Genua zog gestern ein Unwetter hinweg. Gegen 11.30 Uhr wollen Augenzeugen beobachtet haben, wie ein Blitz in eine vierspurige Autobahnbrücke einschlug - dann stürzte die mehr als 40 Meter hohe Brücke auf einem zwischen 100 und 200 Meter langen Stück in sich zusammen. Am Unglücksort bot sich ein Bild der Verwüstung. Aufnahmen zeigen die Morandi-Brücke, in der eine riesige Lücke klaffte, ungefähr 30 Fahrzeuge wurden in die Tiefe gerissen. Das größte Stück der Brücke ist in den Fluss Polceveras gefallen, einige Teile trafen auch Fabrikhallen. Laut Zivilschutz dürfte in den Hallen aber so gut wie niemand gearbeitet haben. Im August steht Italien wegen der Ferienzeit größtenteils still. In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz trotzdem vorsichtshalber Gebäude evakuiert, da dass Risiko besteht, dass weitere Teile einbrechen. Drei Krankenhäuser in Genua wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Wie viele Menschen sind ums Leben gekommen?

Die Zahl der Toten ist mittlerweile auf mindestens 40 gestiegen. Es gebe 16 Verletzte, der Zustand von 12 sei kritisch, teilte die Präfektur mit. Unter den Opfern sind mindestens auch drei Minderjährige im Alter von 8, 12 und 13 Jahren. Mehr als 200 Rettungskräfte waren im Einsatz.

Gibt es Hoffnung auf weitere Überlebende?

Mit Flutlicht und der Unterstützung von Spürhunden suchten Einsatzkräfte in der Nacht unter den schweren Betonteilen weiter nach Verschütteten. Nach Angaben des Zivilschutzes sind inzwischen insgesamt rund 1000 Einsatzkräfte an den Bergungsarbeiten beteiligt, darunter Beamte von Feuerwehr und Polizei sowie Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Die leicht zugänglichen Bereiche seien bereits durchsucht worden, sagte ein Vertreter der Feuerwehr. Nun würden größere Betontrümmer weggeräumt, um die Suche auch auf schwer erreichbare Orte auszuweiten. Das könne Tage dauern.

Um was für eine Brücke handelt es sich?

Das Polcevera-Viadukt, das umgangssprachlich nach seinem Planer Riccardo Morandi benannt ist, ist eine innerstädtische Autobahnbrücke mit einer Gesamtlänge von 1182 Metern. Sie überquert unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet im Westen von Genua. Die Schrägseilbrücke im Westen der Stadt wurde 1967 fertiggestellt. Sie ist der Beginn der A10 von Genua nach Ventimiglia, die entlang der italienischen Riviera durch Ligurien bis zur französischen Grenze verläuft.

Was ist die Unglücksursache?

Warum die Morandi-Brücke einstürzte, ist abschließend noch nicht geklärt. Im Interview mit der "Faz" äußert Markus Hennecke, Vorstandsmitglied der Bayrischen Ingenieurkammer, seinen Zweifel daran, dass ein Blitzeinschlag an dem Einsturz schuld ist. "So ein Bauwerk hat so viel Stahl in sich, dass der Blitz in den Untergrund abgeleitet wird. Es kann vielleicht zu einem Brand kommen, wenn es Holzelemente gibt." Aber dass ein Bauwerk aufgrund eines Blitzeinschlages einstürzt, halte er für sehr unwahrscheinlich.

Was haben die Bauarbeiten am Fundament der Fahrbahn mit dem Unglück zu tun?

An der eingestürzten Autobahnbrücke bei Genua waren zum Zeitpunkt der Tragödie Bauarbeiten im Gange, um das Fundament zu verstärken. Wie die Betreibergesellschaft Autostrade per l'Italia mitteilte, ist an der Sohle des Polvecera-Viadukts gerade gearbeitet worden. Auf der Brücke habe ein Baukran gestanden. Den Vorwurf der Pflichtverletzung weist das Unternehmen zurück. Man habe die Brücke vierteljährlich entsprechend gesetzlicher Vorgaben kontrolliert. Zusätzlich seien auch Prüfungen unter Nutzung modernster Technologien und der Hinzuziehung eines externen Expertenrates vorgenommen worden. Das Ergebnis dieser Kontrollen zum Zustand der Brücke sei Basis für das von der Regierung abgesegnete Wartungs- und Unterhaltungsprogramm gewesen. Verkehrsminister Danilo Toninelli schloss derweil aus, dass Bauarbeiten an der Brücke Grund für den Einsturz seien.

Waren Mängel und Risiken bekannt?

Schon kurz nach ihrer Eröffnung wiesen Experten darauf hin, dass die Morandi-Brücke ein Pflegefall sei, berichtet n-tv Italien-Korrespondentin Andrea Affaticati. Für Settimo Martinello, Generaldirektor des Unternehmens 4 Emme, das im Bereich Inspektionen und Überprüfungen von Brücken tätig ist, ist die Morandi-Brücke kein Einzelfall. "Seit Jahren mache ich darauf aufmerksam, dass es zigtausende Brücken in Italien gibt, die einsturzgefährdet sind." Die meisten seien am Ende ihrer Dienstfähigkeit angelangt, denn sie stammten aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals ummantelte man die Stahlstruktur mit Beton. "Dieser dient aber nur zum Schutz des Stahls und hat ein Ablaufdatum", meinte Martinello.

Gab es Versäumnisse der Regierung?

Seit über 30 Jahren wird über eine Entlastungsstrecke für die in die Jahre gekommene Morandi-Brücke nachgedacht. Doch die Fünf-Sterne-Bewegung sprach sich bislang strikt gegen alle großen Infrastrukturprojekte im Land aus. Erst vor zwei Wochen verkündet Verkehrsminister Toninelli, dass die Notwendigkeit einer neuen Entlastungsstrecke für die Morandi-Brücke geprüft werden müsse, berichtet die "Faz". Dabei hätten sich Kommunen, Provinz, Region und Zentralstaat bis 2004 schon längst auf einen Plan geeinigt. Dabei habe sogar der Chef der Betreibergesellschaft, Giovanni Castellucci, noch vor wenigen Wochen verkündet, sobald die neue vier Milliarden Euro teure Umgehung fertig sei, dürften auf der alten Strecke keine Schwerlastwagen mehr fahren. Der europakritische Innenminister Matteo Salvini hingegen beklagte sich umgehend nach dem Brückeneinsturz über die Stabilitäts- und Schuldenregeln der EU, "die uns daran hindern, das nötige Geld für die Sicherheit unserer Autobahnen auszugeben". Von nun an seien diese Sparvorgaben zweitrangig: Er wolle "die Sicherheit der Italiener an die erste Stelle stellen", sagte der Rechtspopulist. Salvini zeigte sich entschlossen, den Vorschriften der EU zu trotzen und massiv in die Infrastruktur zu investieren.

Müssen die Betreiber der Brücke mit Konsequenzen rechnen?

Verkehrsminister Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung erklärte auf Facebook, dass gegen Autostrade per l'Italia Schritte eingeleitet worden seien, um die Lizenz für die Straße zu entziehen und eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen. Zuallererst müsse aber das Management zurücktreten. Sterne-Chef und Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio machte ebenfalls das Unternehmen für die Tragödie verantwortlich. "Autostrade muss für die Instandhaltung sorgen und hat dies nicht gemacht", sagte er dem Radiosender Radicale. Auch Innenminister Salvini von der rechtspopulistischen Lega sprach sich für einen Entzug der Lizenz aus. Das sei das Mindeste, was man erwarten könne.

Könnte es auch in Deutschland zu solch einem Unglück kommen?

Hierzulande gibt es nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen rund 39.600 Brücken an Autobahnen und anderen Fernstraßen. Ein Großteil der Brücken des Bundes seien 40 Jahre und älter und daher in einem schlechten Zustand, kritisieren Verkehrsexperten. Die Folge: Brücken müssen teilweise für schwere Lastwagen oder sogar komplett gesperrt werden. Nach aktuellen Zahlen des Bundesverkehrsministeriums befinden sich 12,2 Prozent der Brücken in einem "nicht ausreichenden beziehungsweise ungenügenden Bauwerkszustand" - das heißt, gut jede achte Brücke ist marode. Im Jahr 2008 lag der Anteil der maroden Bundesbrücken noch bei 15 Prozent, er sank damit leicht. Wird einer Brücke ein nicht ausreichender Zustand attestiert, muss es in näherer Zukunft Instandsetzungsmaßnahmen geben. Gut jede achte Brücke befindet sich indes in einem sehr guten oder guten Zustand, der Großteil liegt im Mittelfeld.

Quelle: n-tv.de, jki/dpa/AFP/rts

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