Panorama

Friseure öffnen ihre Türen "Urlaub habe ich keinen einzigen Tag mehr"

An einen gewohnten Alltag erinnert am ersten Tag der Öffnung von Friseursalons nur wenig. Ein Berliner Salonbetreiber erzählt ntv.de, was die größte Herausforderung ist und wovor er am meisten Angst hat.

Die "Spielregeln" sind in fetter Schrift und in Großbuchstaben auf ein weißes Plakat gedruckt, das beinahe die gesamte Fläche des Schaufensters des "Ponyclubs Berlin" bedeckt. Unübersehbar für alle Kunden, die den Friseursalon erstmals nach dem Corona-Lockdown vor sechs Wochen wieder betreten. Seit diesem Montag dürfen Friseursalons unter bestimmten Voraussetzungen wieder öffnen. Auf dem Plakat stehen alle Verhaltensregeln aufgelistet: Alleine und nur mit Maske eintreten, danach die Hände desinfizieren, 1,5 Meter Abstand halten, keine Trockenhaarschnitte, Bartrasuren oder Wimpern- und Augenbrauenfärben. Bei Fieber oder Krankheit Eintritt verboten.

"Die größte Herausforderung werden heute die Farbkundinnen", sagt Tim Kreutzfeldt hinter dem Plexiglas an seiner Rezeption. Er ist Besitzer des Salons in Berlin-Friedrichshain und arbeitet seit 35 Jahren als Friseur. Durch die neue Regel, den Kunden immer zuerst die Haare zu waschen, dauern Farbcolorationen besonders lange. "Man geht davon aus, dass Coronaviren auch auf Haaren anhaften", sagt Kreutzfeldt. Statt die Farbe wie gewohnt auf das trockene Haar aufzutragen, muss er sie nun erst waschen und anschließend wieder trocken föhnen, bevor er mit dem Färben beginnen kann. Je nach Haarlänge sei das ein Mehraufwand von 30 Minuten. "Das wird besonders schwierig."

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Die neuen "Spielregeln" des "Ponyclub" Berlin stehen gut lesbar auf einem Plakat am Fenster.

(Foto: Vivian Micks)

Auch für einen Haarschnitt muss nun mehr Zeit eingeplant werden. "In sechs Stunden schaffen wir nur noch fünf statt sechs Haarschnitte, weil wir eine Viertelstunde Karenzzeit einberechnen", so Kreutzfeldt. "Kommt dann noch ein Kunde zu spät oder ein Haarschnitt dauert länger, ist der ganze Tag verschoben." Nach jedem Kunden müssen zudem Stuhl, Spiegel und Handwerkszeug desinfiziert werden. All das frisst Zeit.

"Ich stand jede Sekunde unter Strom"

Kreutzfeldt muss sich an die neue Arbeitsweise selbst erst einmal gewöhnen. "Heute bin ich alleine und empfange nur meine Stammkunden. Montags haben wir normalerweise geschlossen, aber wegen Corona haben wir geöffnet, weil wir gar nicht wissen, wie wir die Kunden sonst unterbringen sollen." Für die nächsten zwei Monate ist der "Ponyclub" bereits ausgebucht. "Vorher hatten wir von 9 bis 20 Uhr geöffnet und mit neun Friseuren gearbeitet", sagt Kreutzfeldt. Jetzt müsse in Teams gearbeitet werden, damit man sich untereinander nicht treffe. Dafür stellt der Betreiber einen strengen Zeitplan auf: Das erste Team mit drei Mitarbeitern arbeitet von 9 bis 15 Uhr, danach wird der Laden einmal komplett desinfiziert und um 15.45 Uhr von allen verlassen. Um 16 Uhr schließt das zweite Team den Laden wieder auf und arbeitet bis 22 Uhr.

Durch die Abstandsregeln könnten nur noch drei Kunden gleichzeitig bedient werden, obwohl es neun Stühle gibt. Dadurch kann der Salon trotz längerer Öffnungszeiten und Preiserhöhungen nicht die gleichen Einnahmen wie vor der Krise erzielen. Für Kreutzfeldt bedeutete das, dass er Schulungen für seine Angestellten absagen musste, weil er sie sich nicht mehr leisten kann. Eigentlich schickt er alle Mitarbeiter zweimal im Jahr zu Weiterbildungen. Auch er selbst muss sich stark einschränken. "Urlaub habe ich dieses Jahr keinen einzigen Tag mehr", sagt Kreutzfeldt. Sechs Wochen Corona-bedingten Urlaub hatte der Saloninhaber bereits, doch entspannen konnte er davon keine Minute. "Die Zeit ist für mich vergangen wie ein Wimpernschlag, ich stand jede Sekunde unter Strom."

Mitarbeiter kaufen extra Arbeitskleidung

Kreutzfeldt hat Angst davor, dass die Regierung seinen Laden erneut schließen könnte, sollte die Zahl der Corona-Infizierten wieder steigen. "Ich habe mein Geschäft seit 20 Jahren, es wäre schade, wenn es daran scheitern würde." Er habe auch mehrere seiner Angestellten entlassen müssen, konnte sie nun aber zur Eröffnung wieder einstellen. Wichtig sei, dass sich alle Mitarbeiter auf die Ehrlichkeit der Kunden verlassen können. Wer sich krank fühlt, dürfe auf keinen Fall trotzdem in den Salon kommen, betont Kreutzfeldt. "Ich hoffe, dass die Kunden das ernst nehmen."

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Die Vorsichtsmaßnahmen dienen nicht nur dem Schutz der Kunden, sondern in erster Linie der Mitarbeiter des "Ponyclubs". "Ab heute bin ich ganz viel mit Menschen zusammen", sagt Kreutzfeldt. "Da habe ich schon Angst." Um keine Viren auf der Kleidung mit nach Hause zu bringen, hat er sich extra Wechselwäsche mitgenommen. Was er auf der Arbeit trägt, zieht er noch im Salon aus und wäscht es dort. Auch seinen Angestellten hat er Geld gegeben, damit sie sich Arbeitskleidung kaufen können, die im Laden bleibt. Dass er den ganzen Tag eine Maske tragen muss, fällt Kreutzfeldt schwer. "Mir wird von der Maske morgens immer schlecht", erzählt er. Lieber hätte er ein Gesichtsvisier, doch das dürften Friseure in Berlin nicht tragen.

Der Aufwand, den die Friseure betreiben müssten, stehe im Vergleich zu Boutiquen und Geschäften in keinem Verhältnis, findet Kreutzfeldt. Neben den Desinfektionsregeln muss jeder Kunde auf einem Papier seinen Namen, Telefonnummer und Uhrzeit der Ankunft notieren und unterschreiben. Das ist von Bund und Ländern so vorgeschrieben. In Geschäften gibt es diese Pflicht nicht. Das findet Kreutzfeldt doch seltsam. "Wir mussten als Letzte schließen, und jetzt sind wir diejenigen, die am offenen Herzen operieren." Zusätzlich zum großen "Spielregel"-Plakat hat der Salon noch eine Klingel bekommen, die Tür ist verriegelt. Sicher ist sicher.

Quelle: ntv.de