Panorama

Kampf den Ökomonstern Venezianer wollen Riesenkreuzer loswerden

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Viele Venezianer sind diesen Anblick leid.

(Foto: picture alliance / Andrea Merola)

Die Mehrheit der Venezianer will Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune verdammen. Venedigs Bürgermeister möchte es sich jedoch mit den großen Schiffsgesellschaften nicht verscherzen. Deshalb liegt ein bereits 2012 erlassenes Dekret noch immer auf Eis.

Die einen träumen von einer romantischen Gondelfahrt auf dem Canal Grande, die anderen von einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, mit einem Abstecher nach Venedig, klar, der gehört absolut dazu. Die einen tuckern langsam und entspannt durch "canali" und "canaletti", die anderen blicken vom Deck eines sechsstöckigen Riesendampfers auf den Markusplatz.

Diese Wünsche möchten erfüllt werden. Doch nur geht das nicht immer, meinen die Aktivisten von "No Grandi Navi", einem Dachverband von Bürgerinitiativen, der seit Jahren darum kämpft, diese "ecomostri", Ökomonster, aus der Lagune zu verbannen. Zu "No Grandi Navi" gehören neben Bürgerinitiativen und kleineren Umweltverbänden auch WWF und Italia Nostra.

Wie kommt es überhaupt dazu, dass in einer so einzigartigen Stadt, deren Überleben vom Klima und den Umweltschäden schon arg bedroht ist, auch noch diese Monster ein- und ausfahren dürfen, fragen sich die Aktivisten. Und nicht nur ein oder zwei im Jahr. Laut Statistiken des "Venezia Terminal"-Portals waren es voriges Jahr 529 Schiffe. "Seit 2007 dürfen sogar über 90.000 Tonnen schwere Schiffe hier durchfahren", erzählt Luciano Mazzolin, einer der Gründer des Dachverbands.

98 Prozent dagegen

Damals beschloss man, sich zusammenzutun, um stärker gegen die Kreuzfahrtschiffe zu kämpfen. Seitdem hat es schon unzählige Aktionen gegeben. Wie die vom vorigen Wochenende. Einheimische, aber auch Studenten an hiesigen Universitäten und Touristen sollten auf folgende Fragen antworten: "Möchtest du, dass den großen Schiffen die Einfahrt in die Lagune verboten wird - und bist du gegen neue Vertiefungen in der Lagune?" Von den 18.000 Menschen, die an der Abstimmung teilnahmen, antworteten 98,7 Prozent mit "Ja".

Doch während die Veranstalter das Ergebnis feierten, wies die Stadtverwaltung darauf hin, dass es nicht rechtskräftig sei, ganz abgesehen davon, dass an der Abstimmung ja nicht nur Venezianer teilgenommen hätten. "Da versucht wieder einmal jemand, seinen Willen durchzusetzen" bemerkte Venedigs Mitte-Rechts-Bürgermeister Luigi Brugnaro gegenüber der Tageszeitung "La Repubblica". Die Aktion habe null mit Umweltschutz zu tun und sei ausschließlich politisch motiviert. Fazit: Die Abstimmung werde die Beschlüsse der Stadtverwaltung kaum beeinflussen.

Wobei es ja eigentlich nicht nur um Volkes Willen geht, sondern auch um einen Regierungsbeschluss. 2012 kenterte vor der toskanischen Insel Giglio der Kreuzer "Costa Concordia", weil der Kapitän ihn zu nahe an die Küste manövrierte. 32 Menschen kamen ums Leben. Um ähnlichen Tragödien vorzubeugen, verabschiedete die Regierung in Rom daraufhin ein Dekret, das Kreuzfahrtschiffen ab 40.000 Tonnen die Durchfahrt des San-Marco-Beckens untersagte. In Kraft treten sollte es, nachdem eine alternative Route gefunden wurde. Vorschläge hierzu gibt es mehrere, doch noch keinen, der die Zustimmung aller hat.

Verquere Logik

"Nicht nur das. Bis vor ein paar Jahren, also nach dem Costa-Concordia-Unglück, durften hier sogar 136.000-Tonnen-Schiffe durchfahren. Verboten wurden sie erst 2015", fügt Mazzolin hinzu. "Das ist doch absurd, wenn man bedenkt, dass der hiesige Städtebauplan es verbietet, im Zentrum Häuser zu bauen, die höher als vier Stockwerke sind. Diese Riesen, die wegen ihrer 40 Meter Breite noch dazu dicht an den Häuserfronten vorbeiziehen, sind aber nicht nur 310 Meter lang, sondern auch 60 Meter hoch. Das sind sechs-, siebenstöckige, schwimmende Hotels."

Und wie soll es weitergehen? Die Stadtverwaltung will sich mit den mächtigen Schiffsgesellschaften natürlich nicht anlegen und diese bestehen darauf, weiter durchs San-Marco-Becken fahren zu dürfen. Eine Kompromisslösung könnten die Kreuzfahrtschiffe neuester Generation darstellen. Sie wiegen zwar mehr als 96 Tausend Tonnen, sind aber weitaus umweltfreundlicher. "Das ist doch Quatsch", meint Mazzolin. "Es geht doch nicht nur um einen nachhaltigeren Treibstoff. Was ist mit den Wassermengen, die diese Riesen verschieben? Die Lagune leidet schon jetzt an einem hydrodynamischen Problem, das nicht ohne ist."

Was würde also "No Navi Grandi" vorschlagen? "Diese Riesen haben weder etwas im San-Marco-Becken noch in der Lagune zu suchen. Die Durchfahrt sollte nur Schiffen bis maximal 40.000 Tonnen erlaubt sein", lautet Mazzolins Antwort. "Für die anderen sollte ein neues Terminal direkt vor der Lagune gebaut werden."

Anfang Juli steht ein Treffen mit Venedigs Stadthaltern und Graziano Delrio im Kalender. Der Minister für Infrastruktur und Transport versicherte unlängst, man sei einer Lösung sehr nahe. Was das wirklich bedeutet, weiß aber keiner.

Quelle: n-tv.de