Vorlieben und strikte Regeln Butler über Epstein in Paris: "Ein Ballett an jungen Frauen"
Von Sarah Platz
Für Jeffrey Epstein war Frankreich wie eine zweite Heimat. Ähnlich wie in seiner US-Villa gingen in der Pariser Luxuswohnung des verurteilten Sexualstraftäters junge Frauen ein und aus, erinnert sich ein ehemaliger Butler. Dabei präferierte sein Arbeitgeber offenbar einen ganz bestimmten Körpertyp.
Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau steht vor einer Herkulesaufgabe: Die Ermittlerin will französische Staatsbürger, die in die Machenschaften des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein verwickelt sein könnten, zur Verantwortung ziehen. Die französischen Behörden sind zuständig, wenn Täter oder Opfer die französische Staatsbürgerschaft haben. Epstein selbst besaß lediglich den US-amerikanischen Pass. Unter weiteren Tätern sowie unter den Betroffenen vermuten die Behörden jedoch gleich mehrere Franzosen und Französinnen - aus gutem Grund.
Epstein, der 2019 tot in seiner Zelle gefunden wurde, galt als Frankreichliebhaber. Regelmäßig besuchte er Paris, in den Jahren von 1995 bis zu seinem Tod fast 170 Mal. Das belegen Analysen der Flugdaten seines Privatjets, wie das FBI herausfand. Demnach ging auch seine letzte Auslandsreise in die französische Hauptstadt - bei seiner Rückkehr im Juli 2019 wurde er noch am Flughafen in New Jersey unter anderem wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger festgenommen.
Mit dem ehemaligen französischen Modelagenten Jean-Luc Brunel und Frankreichs Ex-Kulturminister Jack Lang hatte Epstein wichtige Verbindungen in das Land. Die nun veröffentlichten Akten zeigen laut "Le Monde" zudem, wie Epstein mehrmals versuchte, sich mit dem früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy zu verbinden und wie er sich 2011 sogar mit dessen Berater Nicolas Princen in Paris traf. Das allein macht Frankreich allerdings noch nicht zur europäischen Zentrale des Straftäters. Immerhin wusste er ein weltweites Netzwerk an prominenten und einflussreichen Personen zu pflegen.
18 Jahre Butler für Epstein
"Frankreich spielt in dieser Angelegenheit eine Schlüsselrolle, da es das einzige Land außerhalb der Vereinigten Staaten ist, in dem Epstein Immobilien besaß", erklärte Homayra Sellier von der Opferschutzorganisation "Innocence en danger" in französischen Medien. Die von Epstein 2001 erworbene Luxuswohnung im 16. Arrondissement von Paris - unweit des Arc de Triomphe - wurde seine zweite Heimat - und offenbar ein wichtiger Stützpunkt für sein Netzwerk, wie die Auswertung der Akten und Befragung der Zeugen zunehmend ans Licht bringt.
So verbrachte Epstein eine beachtliche Zeit in seinem Pariser Wohnsitz. Im Schnitt soll er alle zwei Monate rund zehn Tage dort gelebt haben, berichtete Valdson Vieira C. Der Brasilianer arbeitete 18 Jahre lang als Butler für Epstein. Er lebte in einer der Dienstwohnungen des Gebäudes, bekam also mit, wer in der Wohnung seines Arbeitgebers ein- und ausging. "Es war ein Ballett an jungen Frauen", schilderte C. seine Beobachtungen in einer Vernehmung, über die die französische Zeitung "Libération" berichtet.
Sein Arbeitgeber sei regelmäßig von Frauen besucht worden. C. erinnert sich dem Bericht zufolge an eine große Anzahl oft sehr junger Frauen, von denen viele "wie Models" gewirkt hätten. Von möglichen pädokriminellen Aktivitäten will er jedoch nichts gewusst haben. "Ich habe mir ihre Ausweise nicht angesehen", sagte der Angestellte, aber vom Aussehen hätte der Besuch Epsteins stets volljährig auf ihn gewirkt.
"Monsieur mochte nur sehr schlanke Frauen"
Dass sich das Wissen der Angestellten auf flüchtige Beobachtungen beschränken, scheint angesichts einer strikten Regel von Epstein nicht unwahrscheinlich: "Ich durfte nicht dorthin gehen, wo er sich aufhielt", sagte C. laut dem Bericht. "Wenn er einen Raum betrat, musste ich ihn verlassen." Überhaupt habe er sich nur im Ess- und Wohnzimmer bewegen dürfen, das sei ihm schon bei seiner Einstellung eingetrichtert worden.
Viel Austausch zwischen C. und Epstein gab es demnach nicht. Trotzdem habe er über die Jahre hinweg erschreckende Gewohnheiten bei seinem Arbeitgeber beobachtet, wie C. weiter deutlich macht. Demnach "brauchte man ein bestimmtes Aussehen", um Epstein zu gefallen. Offenbar achtete dieser genau auf die Figur und die Proportionen jener Frauen, die ihn besuchten. "Ich habe bemerkt, dass er manchmal junge Frauen traf, die bereits schlank waren, aber einige Zeit später noch schlanker zurückkamen."
Auch an eine seltene Bemerkung seines Arbeitgebers über dessen Besuch will sich C. erinnern. Demnach kam einmal eine junge Frau zu Besuch, die C. als "etwa 25 Jahre alt, Französin, dunkelhäutig" beschreibt. "Dann sagte er zu mir: Valdson, ich mag sie nicht", soll Epstein anschließend gesagt haben. "Tatsächlich mochte Monsieur nur sehr schlanke Frauen ohne Kurven. Und sie hatte Kurven", fügte C. hinzu.
Einrichtung "knallig und hypersexualisiert"
Eine ehemalige Nachbarin bestätigte den von C. beobachteten exzessiven Besuch junger Frauen bei Epstein. "Wenn er da war, gab es viel Kommen und Gehen" in seinem Haus, zitiert "Le Parisien" eine Frau, die anonym bleiben möchte. Auch sie habe viele Frauen beobachtet - "vor allem Blondinen aus Osteuropa". Epsteins Lebensstil, so die Frau, habe davon gezeugt, dass er "Frauen liebte".
Epsteins Fokus auf Frauen und Sexualität spiegelte sich "Libération" zufolge auch in der Ausstattung seiner fast 800 Quadratmeter großen Pariser Wohnung wider. Die Zeitung beschrieb seine Einrichtung als "knallig und hypersexualisiert". Durch die Zimmer zogen sich etwa Bilder von nackten Frauen, heißt es. Auf den meisten ist nur der Körper der Frauen zu sehen - Brüste, Gesäße, Beine, nur eben keine Köpfe. Selbst im Fitnessraum prangte offenbar ein riesiges Foto einer auf dem Bauch liegenden, vollkommen nackten Frau.
Zudem hatte Epstein ein Faible für ausgestopfte Tiere. So zierte etwa ein Eisbärenfell mitsamt Kopf und Pfoten sowie der Körper eines Elefantenbabys das Pariser Anwesen. Von der extravaganten Dekoration und den auffälligen Bildern war bereits im Zusammenhang mit Epsteins Anwesen in den USA, etwa seiner Wohnung in Manhattan, die Rede. Ebenso zierten auch in Paris etliche Fotos die Wände, auf denen Epstein mit berühmten Personen wie etwa Donald Trump zu sehen ist.
Einflussreicher Besuch
Doch das ist nicht die einzige Parallele. Den veröffentlichten Dokumenten zufolge verfügte auch die Wohnung in Paris über einen Massageraum. Auch in Frankreich soll Epstein diesen Raum für sexuelle Übergriffe genutzt haben, berichtet "Le Parisien" über die Ermittlungsakten. Der Verdacht kam bei der Pariser Polizei bereits 2019 auf. Epsteins Wohnung war damals daraufhin durchsucht worden. "Wer hier hereinkommt, kann die Verfehlungen von Epstein nicht ignorieren", sagte ein damals beteiligter Beamter der französischen Presse.
Laut Epsteins damaligem Angestellten C. kamen etliche berühmte und einflussreiche Personen in die Pariser Wohnung. Zu Epsteins Besuchern Frankreich zählten demnach etwa Woody Allen, Steve Bannon, Bill Gates, der ehemalige Prince Andrew und der ehemalige Kulturminister Lang sowie seine Tochter Caroline, gegen die nun wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Betrug ermittelt wird. Selbstverständlich bedeutet ein einfaches Treffen in Epsteins Wohnung nicht, dass ein Besucher etwas von Epsteins Verbrechen wusste oder etwas mit ihnen zu tun hatte. Ein Besucher löst jedoch zumindest einen starken Verdacht in diese Richtung aus, spielt er doch auch in den Ermittlungsakten eine bedeutende Rolle: der ehemalige berühmte Modelagent Jean-Luc Brunel.
"Ich spürte, dass sie sich sehr nahe standen, sie stritten sich, sie lachten zusammen, erinnert sich der Butler. Fast jedes Mal, wenn Herr Epstein nach Paris kam, besuchte ihn Herr Jean-Luc", erzählte C. dem Bericht zufolge. Tatsächlich war Epstein sowohl freundschaftlich als auch geschäftlich eng verbunden mit dem Franzosen.
Agentur als Rekrutierungsapparat
Gemeinsam gründeten sie die Agentur MC2 - also jene Agentur, die als Rekrutierungsapparat für Epsteins Missbrauchsnetzwerk diente, wie aus den veröffentlichten Akten hervorgeht. Demnach wurden über die französische Agentur junge Frauen in die USA eingeflogen und erhielten ihre Visa. Jean-Luc stand im Verdacht, Teil des Menschenhandel-Netzwerks von Epstein gewesen zu sein. Bereits 2019 hatte die französische Staatsanwaltschaft daher eine Untersuchung Jean-Lucs eingeleitet. Diese wurde jedoch 2023 eingestellt, als der Verdächtige tot in seiner Zelle gefunden wurde.
Staatsanwältin Beccuau kündigte im Zuge der Epstein-Ermittlungen an, auch den Fall und die möglichen Verbindungen von Jean-Luc neu aufzurollen. Die Ermittlerin gab sich entschlossen, ist sich der Herausforderung angesichts der mehr als drei Millionen Seiten in den veröffentlichten Akten und der noch fehlenden Seiten jedoch bewusst. Die französischen Ermittler stünden vor einer "titanischen Arbeit, ohne zu wissen, was dabei herauskommen wird".