Smart, gierig und skrupellosDas System des Menschenfängers Jeffrey Epstein
Von Solveig Bach
Jeffrey Epsteins Freundeskreis war eine Ansammlung von reichen, prominenten und mächtigen Menschen. Es ist ein Netzwerk, das Epstein bewusst gestaltete, weil es ihm finanziell und persönlich nützlich sein sollte, um ihn ebenso reich, prominent und mächtig zu machen.
Nach monatelangem Tauziehen haben die US-Behörden weitere Epstein-Files veröffentlicht: Millionen Aktenseiten, die die Behörden bei den jahrelangen Ermittlungen gegen den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zusammengetragen haben. Seitdem durchforsten Journalistinnen und Journalisten die Seiten nach bekannten Namen. Natürlich ist die Erwähnung im Zusammenhang mit Epstein kein Beweis einer Schuld im juristischen Sinne, und trotzdem wundert man sich, warum so viele reiche, prominente und mächtige Menschen seine Nähe suchten oder zumindest nicht mieden.
Einfache Erklärungen dafür gibt es nicht, Erklärungsansätze aber schon. Epstein wächst in relativ einfachen, aber geordneten Verhältnissen in einer jüdischen Mittelstandsfamilie in Brooklyn auf. Schon früh fällt er durch seinen scharfen Intellekt und seinen sozialen Aufstiegswillen auf. Epstein macht bereits mit 16 Jahren seinen Highschoolabschluss, studiert zunächst am Cooper Union College in New York, und wechselt dann an das Courant Institute of Mathematical Sciences der New York University. Doch er schließt kein Studium ab.
Stattdessen wird er mit 21 Jahren Lehrer an der exklusiven Dalton School in Manhattan, einer Privatschule der reichen New Yorker Oberschicht. Einige frühere Schülerinnen und Schüler erinnern sich nach Epsteins Festnahme 2019 gegenüber NPR an einen fähigen, intelligenten und schlagfertigen jungen Mann, anderen sind seine geringe Qualifikation und sein ungenierter Umgang vor allem mit Schülerinnen in Erinnerung geblieben. Doch einig sind sich alle darin, dass Epstein schon in jungen Jahren extrem charismatisch war.
Verbindungen zahlen sich aus
Als er wegen "mangelhafter Leistungen" entlassen wird, macht er trotzdem karrieretechnisch schnell den nächsten Schritt. Offenbar empfohlen von einem Vater, der ihn aus der Dalton School kennt, kann er bei der Investmentbank Bear Stearns anfangen. Epstein passt Mitte der 1970er Jahre bestens in deren Anforderungsprofil: Er ist arm, smart und fest entschlossen, reich zu werden.
Epstein hat verstanden, wie extrem privilegierte Menschen ticken, welche Umgangsformen sie erwarten, und dass Regeln durchaus verhandelbar sind, wenn man nur die richtigen Beziehungen hat. Er beginnt als Assistent auf dem Börsenparkett, steigt aber schnell zum Optionshändler und Berater vermögender Kunden auf. Dabei ist er so erfolgreich, dass er bei Bear Stearns sogar Partner wird. 1982 gründet er schließlich seine eigene Finanzberater-Firma - J. Epstein & Co, die er später in Financial Trust Co umbenennt.
Nach dem Bekanntwerden seines schwarzen Adressbüchleins beschreibt ein Wall-Street-Insider Epstein als "Massensammler von Menschen, darunter auch Menschen, die er gar nicht kannte". Über die Jahre nutzt Epstein seine Geschäftskontakte nicht nur, um Geld zu verdienen. Sondern er geriert sich zunehmend als Wissenschaftsphilanthrop, spendet an namhafte Wissenschaftler und Bildungseinrichtungen wie Harvard. Es könnte sein Weg gewesen sein, die eigenen Bildungsmankos vergessen zu machen. Es ist aber auch seine Methode, Menschen nicht nur miteinander zu vernetzen, sondern daraus Abhängigkeiten zu erzeugen, auf die er später zurückgreifen kann.
Verschiedene Stufen der Verbundenheit
Die "Washington Post" zeichnet Epsteins Umfeld später als ein ausgeklügeltes Netzwerk. Der engste Kreis sind mutmaßliche Helfer, den nächsten Kreis bilden Freunde und Bekannte, es folgt ein weiterer aus Prominenten und Politikern und ein letzter aus Institutionen wie großen Universitäten und Forschungseinrichtungen, die offenbar gern seine Spendengelder annehmen.
Diese Konstruktion ermöglicht es Epstein, sein soziales wie geschäftliches Netzwerk aus Menschen zu bauen, die ausnahmslos über Reichtum, Ruhm, Macht und Einfluss verfügen. Er ist darin gleichermaßen "Kurator wie Bindeglied", wie es der US-Sender CNN beschreibt. All jene Personen, die jetzt in den Akten wieder auftauchen, spielen in Epsteins Netzwerk die Rolle, die er ihnen zuwies. Mit dem Vermögen mancher verdient er Geld, andere müssen ihm zu Diensten sein, indem sie Kontakte vermitteln, andere sollen ihn schmücken, wieder andere beutet er sexuell aus.
Epstein hat offenbar Zeit seines Lebens großes Interesse daran, diese für ihn sozial und finanziell so wertvollen Kontakte zu belegen. Es gibt in den Akten Tausende Fotos. In seinen Häusern hängen sie an den Wänden, zum Teil mit persönlichen Widmungen. Das gibt jenen, die erst dazustoßen, das Gefühl, in guter Gesellschaft zu sein, und verschafft Epstein sozialen Kredit, eine höchst wertvolle Währung. In sein Album zum 50. Geburtstag 2003 schreiben nicht nur der jetzige US-Präsident Donald Trump und der frühere Präsident Bill Clinton, sondern auch Wall-Street-Milliardär Leon Black, der prominente US-Strafverteidiger Alan Dershowitz, Modedesignerin Vera Wang, der Milliardär und Medienunternehmer Mortimer Zuckerman oder der damalige Eigentümer von Victoria's Secret Leslie Wexner.
Der Preis für die Zusammenarbeit
Wexner ist lange Epsteins Mentor, von ihm übernimmt Epstein das größte Privathaus am Central Park, eine siebenstöckige Villa an der Upper West Side in Manhattan. Das Haus wird später zum Tatort für sexuelle Übergriffe auf Mädchen und junge Frauen. 20 Jahre lang vertraut Wexner Epstein auch die Verwaltung seines Vermögens an.
2007 zerbricht die Geschäftsbeziehung. Wexner wirft Epstein vor, Gelder mindestens im zweistelligen Millionenbereich aus seinem Vermögensbereich missbräuchlich verwendet und sich angeeignet zu haben. Eine Veruntreuung wird jedoch nie rechtskräftig festgestellt. Möglich ist Epsteins lockerer Umgang mit Wexners Geld und Vermögenswerten, weil er sich umfassende Vollmachten erteilen lässt. So kann er gleichzeitig Kontrolle ausüben und sich selbst Kontrollen entziehen. Zugutekommt ihm dabei, dass ihm offenbar Gefühle wie Reue oder Scham fremd sind. Hinweise und Vorwürfe, dass weitere Personen und Anleger durch Epsteins Finanzmachenschaften geschädigt wurden, gibt es bis heute. Die Missbrauchsermittlungen überlagern diese Vorwürfe jedoch, sodass es keine strafrechtliche Verurteilung speziell wegen Finanzbetrugs gibt.
Virginia Giuffre wurde als junge Frau Opfer von Epstein und nahm sich 2025 das Leben. Sie beschreibt in ihren posthum erschienenen Memoiren "Nobody´s Girl" Epstein als einen Mann, der die Gabe hatte, die Wünsche anderer Menschen zu lesen. Im Versprechen, sie zu erfüllen, übt er dann Macht und Kontrolle aus und verlangt oder presst den Menschen das ab, was er von ihnen haben will. Das mag bei manchen subtiler und bei anderen brutaler abgelaufen sein, am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass Epstein das skrupellose Spiel der Superreichen erfolgreich mitgespielt hat. Selbst denen, die vermutlich genug Geld hatten, muss er mit seinen privaten Partys und den Kontakten etwas geboten haben, was sie gern annahmen. Kein Wunder, dass heute die meisten der früheren Epstein-Freunde ihre frühere Ergebenheit lieber vergessen würden.
Nachdem er 2008 nach Sex mit einer minderjährigen Prostituierten noch mit einem Deal und einer kurzen Gefängnisstrafe davongekommen ist, wird er 2019 unter anderem wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen erneut festgenommen. Rund einen Monat nach seiner Festnahme wird der 66-Jährige tot in seiner New Yorker Gefängniszelle gefunden, wo er sich das Leben genommen hat.