Panorama

15,7 Prozent von Armut bedroht Wann ist jemand in Deutschland arm?

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Natürlich gibt es in Deutschland wirklich Arme - doch die Zahlen des Armutsberichts liefern ein verzerrtes Bild.

(Foto: imago/epd)

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenquote sinkt und der private Konsum hierzulande kennt kaum noch Grenzen. Trotzdem soll die Armut so groß sein wie noch nie. Wie ist das möglich?

Fast jeder sechste Deutsche gilt als armutsgefährdet. Laut dem aktuellen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat die relative Armutsquote damit einen Höchstwert erreicht - und das trotz stetig sinkender Arbeitslosenquote und Wirtschaftswachstums. Besonders gefährdet sind Langzeitarbeitslose, Rentner und Alleinerziehende. Mehr als 330.000 Haushalten wurde zuletzt binnen eines Jahres der Strom abgestellt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linke-Bundestagsfraktion hervorgeht. Stromsperrungen gelten als Folge von Armut in Deutschland. Und das in einem reichen Land wie Deutschland.

Doch wann ist jemand arm? Zeigt die Statistik wirklich Armut? Kritiker sehen den reinen Blick aufs Einkommen zu eng. "Wie in Deutschland von offizieller Seite Armut gemessen wird, ist unseriös und schwachsinnig", sagte Wirtschafts- und Sozialforscher Walter Krämer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema befasst, nimmt die offizielle Statistik noch ernst", fügte der renommierte Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund hinzu.

Wer in Deutschland tatsächlich arm ist, weiß niemand. Statistiken messen nicht die Armut, sondern allein die sogenannte Bedrohung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Dabei werden auch viele Menschen erfasst, die sich niemals selbst als arm bezeichnen würden. Die allermeisten Studenten etwa leben unterhalb der Armutsgrenze. Trotzdem fühlen sich die wenigsten von ihnen arm.

Statistiken mit Vorsicht genießen

Als von Armut oder Ausgrenzung bedroht gilt per Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der gesamten Bevölkerung zur Verfügung hat. In Deutschland lag die auf diese Weise festgelegte Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern im Jahr 2015 beispielsweise bei 2017 Euro im Monat. Ob das noch genug ist für ein menschenwürdiges Leben, hängt von vielen Faktoren ab, vor allem von der je nach Wohnort unterschiedlichen Höhe der Miete. Der Armutsbericht jedoch nimmt keine Rücksicht auf regionale und individuelle Unterschiede.

Doch das ist nicht das einzige Problem: In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil der von Armut oder Ausgrenzung Bedrohten kaum verändert. Das liegt schlicht an der Tatsache, dass in Deutschland immer im Bezug zu den anderen entschieden wird, ob jemand als bedroht gilt oder nicht. Selbst wenn alle Bürger plötzlich das doppelte Einkommen auf dem Konto hätten, gäbe es nach wie vor viele von Armut Gefährdete. Und wenn die obere Hälfte der Gesellschaft plötzlich weniger verdienen würde, ginge die Armut zurück. Dieser Relativismus macht die Statistiken angreifbar.

Krämer wirft dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und anderen Sozialverbänden vor, kein Interesse an der tatsächlichen Entwicklung der Armut in Deutschland zu haben. "Dabei käme nämlich heraus, dass Armut seit Jahren sinkt", so Krämer. Wer seriös herausfinden wolle, wie sich Armut entwickle, müsse sie an Notlagen festmachen, betonte der Statistiker. "Mit bloßen Prozentwerten, die sich am allgemeinen Einkommen orientieren, kommt man nicht weiter." Man müsse den Bedarf festlegen, Warenkörbe erstellen und alles regelmäßig aktualisieren. Das sei anstrengend und aufwendig. "Schon deswegen macht das keiner", kritisierte Krämer.

Die Gegenseite weist diesen Vorwurf vehement zurück. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, sagt: "In dem Moment, wo die Ungleichheit ein Maß erreicht, wo die Menschen ausgegrenzt werden, nicht mehr mitmachen können, nicht mehr teilhaben, dann wird die Ungleichheit zu Ausgrenzung, zu Armut, und deshalb sagen wir ja, diese 60 Prozentschwelle ist überhaupt keine Dramatisierung, überhaupt keine Skandalisierung."

Bleibt die Frage: Wann ist ein Mensch arm? Das ist wohl eher eine politische denn eine statistische Frage.

Quelle: ntv.de, mit dpa