Trend zu riskantem MischkonsumWarum immer mehr junge Menschen an Drogen sterben
Von Solveig Bach
Immer mehr junge Menschen sterben an Drogen - oft im Verborgenen. Mischkonsum, Onlinehandel und riskante Cocktail-Trends treiben die Zahlen nach oben. Experten warnen: Eine Generation unterschätzt die tödliche Gefahr.
Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 2150 Menschen nach dem Konsum von Drogen, im Jahr zuvor waren es kaum weniger: 2137. Einblick in die Zahl der erfassten Drogentoten und neue Entwicklungen auf dem Drogenmarkt gibt alljährlich der Bundesdrogenbericht.
Und wie 2025 hob der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck bei der Vorstellung der Zahlen besonders die Todesfälle bei den unter 30-Jährigen hervor. 2025 waren 528 Drogentote unter 30 Jahre alt, 106 sogar unter 20. Damit ist inzwischen fast ein Viertel der Drogentoten unter 30, die Zahl in dieser Altersgruppe ist seit 2021 um über 50 Prozent gestiegen, bei unter 20-Jährigen hat sie sich nahezu verdoppelt.
"Diese Gruppe hat tatsächlich zugenommen und das ist schon bemerkenswert, weil man beim problematischen Drogenkonsum seit vielen Jahren eher von einer alternden Szene gesprochen hat", sagt Bernd Werse ntv.de. Er ist Direktor des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. "Die gestiegenen Zahlen bei den jungen Drogentoten deuten wohl darauf hin, dass es mehr Leute gibt, die nicht mehr in den harten sichtbaren Szenen im urbanen Raum unterwegs sind. Offenbar gibt es zusätzlich mehr junge Leute, die im privaten Rahmen harte Konsummuster aufweisen."
Gefährlicher Mischkonsum
Über das Internet, Social Media, private Kanäle und lokale Partyszenen ist der Zugang zu allen diesen Drogen inzwischen erschreckend leicht. Streeck sieht grundlegende Veränderungen des Drogenmarktes: "Drogen, gefälschte Medikamente und hochriskante Mischungen sind heute oft nur wenige Klicks entfernt."
Gleichzeitig wird der Konsum über soziale Medien verharmlost dargestellt oder gar zur Challenge gemacht. Dieser Eventisierung des Drogenkonsums und der einfachen Beschaffung steht oft großes Unwissen über die einzelnen Stoffe und ihre Wirkungen gegenüber.
Die jungen Todesopfer konsumierten dem Drogenbericht zufolge vor allem Medikamente. Überdurchschnittlich oft spielten Benzodiazepine, opioidhaltige Schmerzmittel und andere psychoaktive Arzneimittel eine Rolle. Gleichzeitig wird der Konsum immer riskanter: Mehr als 80 Prozent der Drogentoten starben nach dem Konsum mehrerer Substanzen. "Sie konsumieren aus psychischer Belastung, aus Neugier oder Übermut und mischen Substanzen", sagte Streeck.
"Während früher vor allem Überdosen aufgrund von Opioidkonsum, insbesondere Heroin, zum Tod geführt haben, ist es jetzt der Mischkonsum", sagt auch Werse. "Den Trend beobachten wir schon länger." Besonders häufig treten unbeabsichtigte tödliche Vergiftungen bei der Mischung von Opioiden mit Stimulanzien auf, beispielsweise Heroin oder Fentanyl mit Kokain. Im aktuellen Drogenberichten der Bundesländer fällt auf, dass Kokain sehr oft Teil tödlicher Mischintoxikationen ist. Vor allem bei Jugendlichen sind zudem Cocktails aus Benzodiazepinen, weiteren Medikamenten und Alkohol wiederholt mit tödlichen Verläufen dokumentiert.
Hoffnung auf "besseren Rausch"
"Alles was in Kombination mit Alkohol konsumiert wird, ist grundsätzlich als riskant anzusehen und bei Benzodiazepinen noch in besonderem Maße", betont Werse die gefährliche Wechselwirkung. Er verweist auf das Forschungsprojekt zum Konsum von Benzodiazepinen und Opioiden unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen (BOJE), dessen Ergebnisse 2024 veröffentlicht wurden. Darin schilderten die Befragten insbesondere nach Mischkonsum akute Ausfallerscheinungen, Kreislaufprobleme (13 Prozent), Erbrechen (12 Prozent), aber auch Bewusstlosigkeit, Delirium (jeweils 4 Prozent) und Atemstillstand (1 Prozent). 14 Prozent hätten mindestens einmal Abhängigkeit, Entzug und/oder Craving erlebt.
Die Gründe für Mischkonsum sind recht einfach: Er soll die Wirkungen von einzelnen Drogen verstärken, um einen gewünschten Zustand gezielter zu erzeugen oder Nebenwirkungen einer anderen Substanz abzumildern. Oft kommen auch Gruppendruck, Neugier oder die Hoffnung auf einen "besseren" Rausch hinzu. "Viele dieser jungen Menschen können die Risiken noch nicht oder nicht vollständig überschauen", sagte Streeck.
Das Nichtwissen um verstärkte Wirkungen oder Wechselwirkungen ist dabei ein Teil des Problems, in vielen Fällen sind die Wirkungen jedoch auch völlig unberechenbar. Vor allem bei illegalen Drogen sind die Zusammensetzungen unvorhersehbar und kaum nachzuprüfen. Besonders problematisch sind neue Gemische wie Heroin-Fentanyl- und Heroin-Nitazen-Mischungen, die seit einigen Jahren immer mal wieder gefunden werden.
Hohe Verfügbarkeit und nicht immer die richtige Hilfe
Hier könnte Drugchecking zumindest teilweise Abhilfe schaffen, doch das ist auch nach Gesetzeserleichterungen nicht flächendeckend verbreitet, sondern beschränkt sich auf wenige Modellprojekte in ausgewählten Bundesländern. Dabei können in Beratungsstellen oder auch an mobilen Stationen beispielsweise in Klubs Drogenproben anonym abgegeben werden. Diese werden dann im Labor chemisch analysiert, damit verbunden ist eine obligatorische Beratung. Die begrenzten Kapazitäten und langen Wartezeiten auf die Ergebnisse machen derzeit jedoch meist den Nutzen bei Risikokonsum wieder zunichte.
In einer ersten Reaktion forderten mehrere Fachorganisationen trotzdem den flächendeckenden Ausbau von Drugcheckingprogrammen, ebenso wie die Stärkung kommunaler Frühwarnsysteme, den Ausbau von Drogenkonsumräumen und Substitutionsangeboten sowie eine bessere Verfügbarkeit von Naloxon. Das Notfallmedikament kann – rechtzeitig gegeben – die Folgen einer Opioidüberdosierung abwenden.
"Sucht und Drogenabhängigkeit entstehen selten aus einer einzigen Ursache und so gut wie nie ausschließlich aus der Substanz", sagte Streeck bei der Vorstellung der Zahlen. Ursachen seien fehlende Bindung, Sicherheit oder Perspektive, auch wachsende Einsamkeit. Die Verfügbarkeit aller möglichen Drogen sei hoch. Interventionen kämen oft zu spät.
Werse sieht eine besondere Risikogruppe, "die teilweise auch schon im jungen Alter mit unterschiedlichen Substanzen experimentiert und nicht so genau darüber Bescheid weiß". Aber der Suchtforscher beobachtet auch einen anderen Trend: "Wir sehen, dass unter jungen Leuten eigentlich immer weniger konsumiert wird, sowohl legale als auch illegale Drogen."