Panorama

Vor dem Urteil gegen Hussein K. Warum musste Maria sterben?

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Hussein K. wurde anhand eines Haares überführt.

(Foto: dpa)

Eine Studentin wird vergewaltigt und stirbt hilflos im Fluss Dreisam. Wochen später wird der Täter gefasst, ein junger Flüchtling. Hussein K. wird wohl wegen Mordes verurteilt, die eigentliche Auseinandersetzung mit seiner Tat steht ihm aber noch bevor.

Maria Ladenburger wurde gerade einmal 19 Jahre alt. Sie ertrank am frühen Morgen des 16. Oktober 2016 im Freiburger Fluss Dreisam, nachdem Hussein K. sie vom Fahrrad gestoßen, bewusstlos gewürgt und vergewaltigt hatte. K. hat die Tat am zweiten Prozesstag vor dem Freiburger Landgericht gestanden. "Ich bin Hussein, ich bin 19 Jahre alt und Afghane", sagte er und dass er sich bei der Familie von Maria entschuldigen wolle. Er wisse seit dem Tod seines Vaters, was Verlust und Trauer bedeutet. "Wenn ich Maria wieder auferstehen lassen könnte, würde ich das tun."

Nach insgesamt 24 Verhandlungstagen müssen drei Berufsrichter und zwei ehrenamtliche Schöffen über diesen jungen Mann urteilen. Sein Pflichtverteidiger, Sebastian Glathe, spricht von einem "hochemotionalen Prozess". Auch für Glathe war dieses Mandant möglicherweise eine Herausforderung. Denn im Lauf des Prozesses zeigte sich immer wieder, dass K. alles andere als ein reuiger und wahrheitssuchender Angeklagter ist.

Vielmehr belegen Gutachten, dass K. älter als die von ihm angegebenen 19 Jahre ist. Zwei Rechtsmediziner kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass sein wahrscheinlichstes Alter bei 22 bis 26 Jahren liegt. Das belegen Zahn- und Knochenuntersuchungen. Auch der Verlust des Vaters ist möglicherweise eine Lüge, Richterin Kathrin Schenk erreichte über das Handy von Hussein K. im Iran einen Mann, der behauptete, K.s Vater zu sein. Wahrscheinlich ist der Angeklagte das Kind afghanischer Eltern aus dem Iran.

"Nur eine Frau"

Ermittler und Gutachter widerlegten zudem, was K. zur Tat ausgesagt hat. Er hätte am Boden gesessen und gegen das herannahende Fahrrad getreten, ohne zu wissen, ob sich ein Mann oder eine Frau nähert, so K. Untersuchungen ergaben jedoch, dass Maria im hellen Mondlicht und bei eingeschalteter Straßenbeleuchtung gut zu sehen war und dass K. sie mit einem gezielten Griff in den Lenker gestoppt haben muss. Dann würgte er sie nach der Überzeugung der Ermittler bis zur Bewusstlosigkeit, vergewaltigte sie und ließ sie im Fluss sterben. Zuvor war er auf dem Weg zum Tatort bereits mehreren Frauen unangenehm nahe gekommen, wie Zeugen und Überwachungsbilder belegen: in einer Bar, an einer Haltestelle und schließlich in der Straßenbahn.

Nur 0,5 bis 3 Prozent aller Tötungsdelikte in Deutschland sind sexuell motiviert, sagt Niels Habermann, Professor für Rechtspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg, n-tv.de. Der forensische Psychologe forscht seit Jahren zu heranwachsenden Straftätern, die sexuell motivierte Tötungsdelikte verüben. Seine Studien belegen: Die Täter sind meistens junge Männer zwischen 15 und 27 Jahren, die mit ihren sexuellen Vorstellungen und Bedürfnissen Probleme haben. Oft stammen sie aus gestörten Familienstrukturen mit Erfahrungen von Misshandlung und Vernachlässigung. Viele der späteren Täter fanden sozial nur schwer Anschluss und verpassten so psychosexuelle Entwicklungen, die in der Pubertät normalerweise ablaufen. Mit dem sexuellen Angriff auf eine andere Person versuchen sie, die eigene Angst, Wut oder Einsamkeit zu bekämpfen. Sie erhoffen sich Gefühle wie Macht, Überlegenheit und Stärke. Meist sei die Tat ein "eruptives Geschehen aus der Situation heraus, bei dem sich lange angestaute sexualisierte innere Spannungen entladen".

Man kann K. in diesen Beschreibungen wiedererkennen. Über eine Studentin, die er in Griechenland nach einem Raubversuch eine Klippe hinuntergeworfen hatte, sagte K.: "Es war doch nur eine Frau." Die Polizei dort war überrascht von der "Wildheit der Tat" im Sommer 2013, K. wurde wegen versuchten Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt, kam aber schon im Oktober 2015 nach einer Amnestie wieder frei.

"Herr K. weist keinen Resonanzboden für Leid von Dritten auf", hat der psychiatrische Gutachter Hartmut Pleines in Freiburg über den Angeklagten gesagt, als es darum ging, dessen psychische Gesundheit und Schuldfähigkeit einzuschätzen. Auch Habermann weiß aus seiner Forschung, ob eine Tat mit dem Tod des Opfers endet, sei oft reiner Zufall. Täter wie K. sehen die von ihnen angegriffene Person nicht in ihrer Lebendigkeit und Ganzheit. "Sie nehmen nicht wahr, dass diese Person ihr eigenes Leben führt, Freunde und Familie hat, Pläne für den nächsten Tag. Es geht ihnen in dem Moment des Übergriffs nur um die Befriedigung des eigenen Bedürfnisses."

Therapie ist kein Allheilmittel

Die Wurzel für Hussein K.s rechtswidriges Handeln seien weder seine Sucht noch sein Herkunftsraum oder seine Religion, führte Gutachter Pleines weiter aus. Es sei vielmehr der rücksichtslose und egozentrische Charakter des Angeklagten, der die sexuelle Selbstbestimmtheit und die körperliche Unversehrtheit anderer gewissenlos ignoriere. Deshalb halte er ihn auch für massiv rückfallgefährdet, weitere schwere Straftaten gegen junge Frauen seien wahrscheinlich.

Oberstaatsanwalt Eckart Berger hielt K. in seinem Plädoyer vor, er habe nach seiner Ankunft in Freiburg "in paradiesischen Zuständen mit allen Angeboten der Betreuung und allen Möglichkeiten der Integration" gelebt. "Eine Situation, die Sie in ihrem Leben nicht wieder haben werden." Der Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft für K., außerdem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Anordnung der Sicherungsverwahrung. Damit wäre eine vorzeitige Freilassung nach 15 Jahren Haft nahezu ausgeschlossen. K.s Verteidiger sieht keine Grundlage für das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld oder eine Sicherungsverwahrung und will stattdessen eine Therapie für seinen Mandanten.

Habermann hat in Einrichtungen gearbeitet, in denen Täter wie K. therapiert werden. Oft dauere es mehrere Jahre, bis ein Häftling bereit sei, sich auf therapeutische Maßnahmen einzulassen. Dann könne man daran arbeiten, Verantwortung für die Tat zu übernehmen, Risiken für mögliche weitere Taten zu erkennen oder Mitgefühl mit dem Opfer zu entwickeln. Aber der Psychologe weiß auch: "Es gibt keine Erfolgsgarantie für die Ansprechbarkeit durch therapeutische Maßnahmen. Manchmal ist es einfach nicht möglich, Rückfallrisiken zu minimieren, manche Täter bleiben gefährlich, möglicherweise ein Leben lang."

Maria Ladenburger studierte Medizin, in der Tatnacht kam sie von einer Studentenparty, am nächsten Tag wollte sie mit anderen Studenten wandern gehen.

Quelle: ntv.de