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Eine Frage des Zusammenlebens Was die Sterberate über die Deutschen verrät

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In Italien sind bislang deutlich mehr Menschen dem Coronavirus erlegen als in Deutschland. Das hat auch soziale Gründe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch immer haben Experten keine abschließende Erklärung für die niedrige Sterblichkeitsrate in Deutschland. Forscher der Uni Bonn vermuten, dass nicht nur das gute Gesundheitssystem hierzulande ausschlaggebend dafür ist - sondern auch die Armut an sozialen Kontakten zwischen den Generationen.

Obwohl Deutschland eine der höchsten Infiziertenzahlen in Europa hat, ist die Sterblichkeitsrate hierzulande weiter niedrig - aktuell liegt sie bei 0,5 Prozent im Vergleich zu rund 9,9 Prozent in Italien. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die gute medizinische Ausstattung der Kliniken und frühe Tests auf das Coronavirus haben laut Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Einfluss auf die geringe Mortalität hierzulande. Das erklärt allerdings nicht, warum sich in Deutschland weniger ältere Menschen anstecken als in anderen europäischen Ländern. Neuere Forschungen der Universität Bonn legen nahe, dass womöglich die Sozialstruktur der Bevölkerung einen Ausschlag für die Sterberate gibt.

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Demnach erkranken besonders viele ältere Menschen in solchen Ländern, in denen das Zusammenleben der Generationen besonders eng ist. "Je mehr Erwerbstätige mit ihren Eltern zusammenleben, desto höher ist der Anteil der Corona-Toten am Anfang der Epidemie", heißt es in einer Mitteilung zu der Studie. Die Bonner Forscher gehen davon aus, dass sich das Virus zunächst vor allem unter den Berufstätigen verbreitet. Vor allem über sie werde das Virus anschließend an Angehörige - darunter die eigenen Eltern oder Großeltern - weitergegeben.

Die Jungen stecken die Alten an. So ist es auch in Deutschland: Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind die Infizierten hierzulande durchschnittlich 45 Jahre alt - und die Verstorbenen 81. Aber: "Wenn sich die arbeitende Bevölkerung in hohem Maß infiziert, ist das für Bevölkerungsstrukturen wie in Deutschland oder Skandinavien, wo wir weniger generationsübergreifende Formen des Zusammenlebens kennen, weniger dramatisch", sagt Ökonom und Studienleiter Moritz Kuhn. "In Ländern wie Italien, in denen Ältere oft mit der gesamten Familie unter einem Dach wohnen, steigt der Anteil der tödlichen Krankheitsverläufe dagegen deutlich."

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Die Forscher der Uni Bonn haben untersucht, wie verbreitet generationsübergreifendes Wohnen weltweit ist.

(Foto: Moritz Kuhn)

Um valide Aussagen über die Art des Zusammenlebens in den einzelnen Ländern treffen zu können, verglichen die Forscher den Anteil der 30- bis 49-Jährigen, die mit ihren Eltern in einem Haushalt wohnen. Dabei zeigte sich, dass auch osteuropäische Länder aufgrund ihrer Sozialstruktur gefährdet sind, eine hohe Infektionsrate in der Risikogruppe und damit eine hohe Sterberate zu bekommen - zumindest dann, wenn sie sich nicht an die von den Wissenschaftlern empfohlene "soziale Distanz" zum Schutz der Älteren halten. Für Menschen, die im gleichen Haushalt leben, ist das denkbar schwierig - aber machbar.

Dass die Sterblichkeit in asiatischen Ländern ebenfalls niedrig ausfällt, obwohl die soziale Interaktion zwischen Jung und Alt dort ebenfalls sehr ausgeprägt ist, erklären sich die Forscher einerseits mit einer insgesamt jüngeren Bevölkerungsstruktur und andererseits mit anderen Begrüßungsritualen - etwa dem Verbeugen statt Händeschütteln. Auch die Gesundheitssysteme in vielen asiatischen Ländern seien allein durch die Erfahrungen während der Sars-Krise 2003 besser auf Epidemien eingestellt.

Quelle: ntv.de, jug