Panorama

Seit Jahrzehnten rückläufig Was hinter der Betten-Krise in Kinderkliniken steckt

386944493.jpg

Das System der Fallpauschalen wird besonders für Kinderkliniken als großes Problem angesehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine hohe Zahl kranker Kinder trifft derzeit auf Betten-Not in Krankenhäusern. Ein Grund ist akuter Personalmangel. Doch schon lange sinkt die Bettenzahl in den Kinderkliniken, obwohl es mehr Patienten gibt. Wie kann das sein?

Die Kinderkliniken in Deutschland geraten derzeit unter Druck. Betten fehlen, Eltern müssen zum Teil stundenlang in Notaufnahmen warten. Der Großteil der Kinder-Intensivstationen meldet eingeschränkten Betrieb. Eine massive Infektionswelle bei Kindern trifft auf Kliniken, die ihre volle Kapazität wegen Personalmangels derzeit nicht ausnutzen können. Ein Blick auf die Statistik offenbart jedoch, dass seit Jahrzehnten die Zahl der Betten in Kinderkliniken rückläufig ist. Aber warum eigentlich?

Laut von ntv.de ausgewerteten Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) hat die Zahl der Krankenhausbetten in der Kinderheilkunde seit 1995 deutlich abgenommen. Waren es 1995 noch über 25.000 Betten, ist deren Zahl bis 2021 auf unter 18.000 gesunken. Das ist ein Rückgang um etwa 30 Prozent, also fast ein Drittel. Laut der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin stieg jedoch von Anfang der 1990er Jahre bis 2017 die Zahl der pro Jahr behandelten Kinder und Jugendlichen von etwa 900.000 auf mehr als eine Million.

Und zuletzt nimmt auch die Zahl der Geburten in Deutschland wieder zu: Im Jahr 2021 wurden laut Destatis mit 795.492 Neugeborenen rund 22.000 Babys mehr geboren als noch 2020. Es war der erste Anstieg seit 2017.

Das Problem mit der Fallpauschale

Aber warum wurde angesichts mehr kranker Kinder die Zahl der Betten überhaupt reduziert? Als Grund gilt die Einführung der sogenannten Fallpauschale ab 2003. Bei dieser geht es um die Art und Weise, wie Kliniken bezahlt werden. Im Fallpauschalensystem bekommen Kliniken Geld für jeden Patienten je nach seiner Diagnose, berücksichtigt wird aber nicht die Dauer der Behandlung oder wie viel Personal dafür eingesetzt werden muss.

Das ist besonders für Kinderkliniken in mehrerlei Hinsicht problematisch: So ist die Behandlung von Kindern oft aufwändiger - etwa muss nicht nur mit den kleinen Patienten, sondern auch mit deren Eltern kommuniziert werden. Das berücksichtigt die Fallpauschale jedoch nicht. Weiteres Problem: Kinderkliniken sind im Winter voller als im Sommer, weil es bei Kälte mehr Atemwegserkrankungen gibt. "Weil wir über die Fallpauschalen im Sommer weniger Geld bekommen, sind die Kosten für das Personal nicht gedeckt", erklärt Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der "Zeit". "Das Personal im Sommer zu entlassen, führt wiederum zu Engpässen im Winter."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will das System der Fallpauschalen nun abschaffen, welches er als Hauptproblem der Kliniken identifiziert hat. Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern sollen in Zukunft weniger nach wirtschaftlichen und stärker nach medizinischen Gesichtspunkten behandelt werden. Die geplante Reform solle in den kommenden Jahren einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden und stelle "eine Revolution im System" dar, sagte Lauterbach. Doch noch leiden die Kliniken unter dessen Folgen.

"Können nicht alle verfügbaren Betten betreiben"

Verschlimmert wird die Lage in den Kinderkliniken derzeit dadurch, dass in ganz Deutschland ein allgemeiner Mangel an Pflegepersonal herrscht, wie Ursula Federhoff-Müser, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, gegenüber ntv.de erklärte. Das gelte auch für die Kinderklinik der Universitätsmedizin Essen, deren Direktorin sie ist. "Dadurch können die Aufnahmekapazitäten der Kinderklinik derzeit nicht voll ausgeschöpft, das heißt, nicht alle verfügbaren Betten betrieben werden."

Mehr zum Thema

Bundesweit können wegen des akuten Personalmangels sogar nur 60 Prozent der Betten in den Kinderkliniken genutzt werden. Ein Grund für den Personalmangel ist, dass auch viele Beschäftigte derzeit krank sind, unter anderem wegen Corona-Infektionen. Hauptgrund ist laut der Chefin des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, jedoch ein generelles Fachkräfte-Defizit in Pflegeberufen - besonders ausgeprägt sei dieses in der Kinderkrankenpflege.

"Hinzu kommt gerade die starke allgemeine Infektionswelle, die gerade Kinder in den ersten Lebensjahren betrifft", sagt Federhoff-Müser. Ganz Deutschland ist derzeit stärker als in den Vorjahren von Atemwegserkrankungen wie Grippe betroffen - Corona spielt laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) zuletzt nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Respiratorischen Synzytialviren (RSV) treten besonders bei kleinen Kindern bis vier Jahren auf. "Insbesondere bei Kleinkindern unter zwei Jahren sorgt zudem die anhaltende RSV-Aktivität für Arztkonsultationen und Krankenhauseinweisungen", so das RKI.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen