Panorama

Briefe und ErzählungenWas vom Krieg übrig blieb

11.05.2015, 10:14 Uhr
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Bilder wie diese kleben in vielen deutschen Fotoalben. (Foto: n-tv.de/sba(privat))

Wie Erinnerungsfetzen kommen die Kriegsgeschichten der Väter und Großväter bei Kindern und Enkeln an. Noch nach Jahrzehnten prägen sie bei vielen das Bild vom Zweiten Weltkrieg - auch in den Familien der Redakteure von n-tv.de.

Wie Erinnerungsfetzen kommen die Kriegsgeschichten der Väter und Großväter bei Kindern und Enkeln an. Noch nach Jahrzehnten prägen sie bei vielen das Bild vom Zweiten Weltkrieg - auch in den Familien der Redakteure von n-tv.de. Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichten lässt sich kaum mehr überprüfen, weitergetragen werden sie dennoch.

Erich und Ursula

Am 17. September 1946 schreibt Erich an seine Frau Ursula. Eng drängen sich die Buchstaben auf dem rauen Papier der genormten Karte der sowjetischen Kriegsgefangenenlager. "Mein Liebstes", schreibt Erich, "ich will Dir heute noch schnell einige Zeilen schreiben. Wie geht es Dir und meinem Töchterchen?" Doch in den Worten verbirgt sich ein Rätsel. Wer genau hinschaut, findet immer wieder einzelne unterstrichene Buchstaben. Als die Karte nach Wochen im Oderbruch ankommt, beginnt Ursula das Rätsel zu lösen. Im letzten Urlaub hatten sie es genau so miteinander besprochen, für den Tag, an dem Erich nicht schreiben darf, was er schreiben möchte.

Buchstabe für Buchstabe fügt sie aneinander, bis feststeht: Erich ist in einem Kriegsgefangenenlager in Marks an der Wolga. Zwei Jahre später erfährt sie auf die gleiche Weise von seiner Verlegung nach Saratow.

Insgesamt 33 Briefe und Karten von Erich (Jahrgang 1915) sind in staubigen Kisten und Schubladen erhalten geblieben. Sie sind zwischen Januar und Juni 1948 geschrieben. Erich kommt 1948 nach Hause. Er wird den Rest seines Lebens mit Ursula verbringen und versuchen, etwas von der Schuld zu tilgen, die er als Wehrmachtssoldat auf sich geladen hat. (sba)

Saul

Woher er wusste, dass der Krieg vorbei war? Natürlich aus der Zeitung. Wie alle. Aber für sie war der Krieg ohnehin vorbei gewesen, als die Russen im August 1944 in Rumänien einmarschiert waren. Diesen Tag würde er nie vergessen. Der Tag, als er den Mann mit der Balalaika sah.

Die SS-Soldaten hatten nur kurz zuvor die Hauptstraße, die Domneascâ, gesprengt. Einfach Dynamit in die Kanalisation, fertig. Die Wehrmacht, für die sein Vater Uniformen genäht hatte, war schon lange vorher verschwunden. Da tauchte zwischen den Trümmern ein Jeep mit Soldaten auf. Der Beifahrer hielt eine Karte in der Hand, vermutlich den Stadtplan von Galati. Hinten auf dem Jeep stand ein Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Mit rundem Gesicht und ganz schmalen Augen, eine PPSh, eine "Balalaika", im Anschlag. Er starrte ihn an, aber der Soldat bemerkte ihn nicht. Saul rannte nach Hause und rief wie ein kleiner Junge nach seiner Mutter. Zonkele, das ist ein Mongole, hast du denn nichts in der Schule gelernt, lachte sie ihn aus. Offenbar nicht. Eigentlich hatte er in seinen vier Jahren dort nur gelernt, dass er zu Recht von seinen Klassenkameraden in der Pause verprügelt wurde, weil er Jesus umgebracht hatte.

Als die Zeitungen vom Ende berichteten, hatten sie alle schon lange die Judensterne abgenommen. Etwa ein Monat, nachdem Saul den Mongolen mit dem Maschinengewehr gesehen hatte, war sein Vater heimgekehrt. Mehr als vier Wochen hatte dieser gebraucht, um aus dem etwa 100 Kilometer entfernten Arbeitslager in Doaga heimzulaufen. Nur noch 42 Kilogramm schwer, die Füße geschwollen. Im Spätsommer 1945 machte Saul sich mit einem Freund auf den Weg. Nach Palästina. Zum ersten Schiff, das nach der "Exodus" ebenso vergeblich versuchen sollte, die britische Blockade zu durchbrechen. Hätte er seiner Mutter damals erzählt, dass er sich 70 Jahre später ausgerechnet in Deutschland an den Mann mit der "Balalaika" erinnern werde, hätte sie ihn wieder ausgelacht. (sla)

Hans

Der Bote mit dem Marschbefehl kam, aber er kam zu spät. Hans half bei der Ernte, wie viele Wehrmachtsoldaten in deutschen Kasernen, bevor sie in den Einsatz geschickt wurden. Die Nachricht rief ihn an die Ostfront. Er machte sich zu seiner Einheit auf, doch die war bereits ohne ihn ausgerückt. Stattdessen wurde er nach Afrika geschickt, als Mechaniker.

Als die Gefechte dicht ans Feldlager heranrückten, packten er und die verbliebenen Soldaten alles zusammen, was sie konnten und traten den Rückzug mit Lastwagen an. Es gab Straßen, aber der Teer blieb an den Reifen kleben; es war zu heiß. Also fuhren sie nachts, ohne Licht, damit feindliche Aufklärer sie nicht erspähten. Bei Tage versuchten sie im Schatten unter den Transportern etwas Schlaf zu finden.

Dann geriet Hans in Kriegsgefangenschaft. Zu Fuß liefen er und seine Kameraden monatelang bis zur afrikanischen Westküste, von dort brachte ihn ein Schiff in die Vereinigten Staaten. Mehrfach betonte er, wie gut die Amerikaner ihn behandelt hatten. Im Lager seien sie gut ernährt worden, es habe Eiskrem gegeben, sogar bilden durften sich die Insassen. Hans blieb bis zum Kriegsende in den USA. Er machte sogar einen Studienabschluss in Gefangenschaft. Von seiner ursprünglichen Einheit, die an der Ostfront gekämpft hatte, sah Hans nie jemanden wieder. (rpe)

Rudi und Kurt

Als Rudi 1948 in die Marschnerstraße in Berlin-Lichterfelde einbiegt, gekleidet in eine merkwürdig wattierte Jacke und eine Fellmütze, ausgehungert und dreckig, kommt ihm ein neunjähriger Junge entgegengehüpft. Der kleine Bernd bleibt stehen, ruft seinen großen Bruder und sagt: "Papa ist wieder da." Wie Bernd seinen Vater erkannt hat, weiß bis heute kein Mensch. Rudi war bereits seit 1939 im Krieg, da wurde Bernd gerade geboren, und er schaffte es im April 1945 immerhin bis zurück nach Spandau.

Dort, kurz vor dem Ziel, wurde er dann von sowjetischen Truppen gefangen genommen und wieder ins Arbeitslager verschleppt. Rudi sprang dem Tod während des Krieges mehrfach von der Schippe, zuletzt bei seiner Gefangennahme: "Ich versteckte mich während einer Schießerei in einem Keller, bewaffnet bis unter die Zähne, mir gegenüber allerdings ein Russe, ebenfalls bewaffnet. Der klopfte mir auf die Schulter, sagte: 'Kamerad, Krieg kaputt' und brachte mich zum Zug, der mich für drei weitere, lange Jahre in die Ukraine verbannte." Als Rudi sich Ende der 40er-Jahre wieder eingelebt hatte in Berlin, fand er, dass es Zeit wurde, in die Erziehung seiner Söhne einzugreifen; nach Jahren mit Mutter Gerda, Großmüttern und Tanten sollten die Burschen nicht verweichlichen. Die Brüder jedoch quittierten seine erzieherischen Bemühungen nur mit einem: "Bleibt der jetzt etwa für immer da?" Diese Geschichten erzählte Rudi seinen Enkeln meist mit einem Lächeln, die Dämonen des Krieges holten ihn aber, als er ein alter Mann wurde, wieder ein.

Kurt verlor seine Haare - und es waren viele, prächtige und schwarze Haare - an einem Tag im Zweiten Weltkrieg. Der Werkzeugmacher war nicht "kv"- also nicht kriegsverwendungsfähig. Er arbeitete bei Zeiss Ikon, dem Kamerahersteller, der während des Krieges zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert wurde und der dennoch über eine Abteilung mit 400 jüdischen Mitarbeitern verfügte. Als Kurt an diesem Kriegstag in der Schönleinstraße in Berlin-Kreuzberg um die Ecke bog, war er sicher, dass seine ganze Familie einem Bombenangriff zum Opfer gefallen sei: seine Frau Margarete, seine Tochter Marianne, sein Sohn Klaus und seine Mutter. Doch das Haus, in dem er wohnte, war verschont geblieben. Karstadt am Hermannplatz brannte lichterloh, das Nachbarhaus war dem Erdboden gleich, aber Kurts Familie hatte es rechtzeitig aus dem Haus in einen Bunker geschafft. Seine Haare fielen aufgrund des Schocks trotzdem aus.

Auch seine Enkel kennen ihren Großvater nur als kahlen Mann: keine Wimpern, keine Augenbrauen. Bis zu seinem Tod verlor Kurt nicht den Glauben daran, dass seine Haare eines Tages wieder nachwachsen könnten. Er schmierte sich alles auf den Kopf, was die Natur und die Chemie hergaben, er gewann regelmäßig Föhn, Kamm, Shampoos und Lockenwickler-Sets, wenn er die Lösungswörter der Kreuzworträtselhefte abschickte. Und Grete, seine Frau, die sich gerne die Fotos "von früher" ansah, sagte oft zu ihrer Enkelin: "Kind, ein Mann muss nicht schön sein. Aber er muss seine Familie lieben." (soe)

Karl und August

Karl war Anfang 20, als er eingezogen und nach Russland geschickt wurde. Dort geriet er gegen Ende des Krieges dann auch in Gefangenschaft. Karl selbst erzählte nicht gerne davon. Nur, wenn es beim Mittagessen manchmal darum ging, wer was nicht gerne isst und alle mal wieder feststellten, dass Karl alles isst, kam vielleicht eine kleine Bemerkung zur Gefangenschaft. Vom Töten und den Schwierigkeiten erzählte er nie. Allerdings hatte er Spaß daran, den Kindern russische Schimpfworte beizubringen.

Aber eine Geschichte erzählte Karl doch: dass er die Gefangenschaft beinahe nicht überlebt hätte, wenn nicht eine russisch-jüdische Ärztin ihm geholfen hätte. Er hätte sie gefragt, warum sie ihm helfen würde, obwohl er Deutscher und sie Jüdin sei. Ihre Antwort gab er nicht wieder. Sie half ihm dennoch und stellte ihn sogar in einem Krankenhaus als Helfer ein, so dass er nicht mehr zurück ins Lager musste. Nachdem er pensioniert war, kümmerte er sich als Rentner um den jüdischen Friedhof in seinem Dorf. Einmal kam eine Regionalzeitung und kitzelte aus ihm heraus, warum er sich des verwahrlosten Friedhofs angenommen hat. In der Zeitung stand später nicht sein echter Name, weil es ihm unangenehm war, damit anzugeben.

August stammte aus einer Bauersfamilie, die an der Grenze zum Elsass lebte. Er mochte keine Ausländer und benutzte unschöne Ausdrücke für sie. Vom Krieg erzählte er nur, dass viele seiner Kameraden gestorben waren und wie ungerecht "der Ami" am Ende des Krieges war. August hatte sein Kriegstagebuch und andere Erinnerungsstücke in einem Schrank hinter seinem Sessel. Er nahm es oft heraus und zeigte es jedem, der sich für die alten Fotos und Geschichten interessierte. Als größte Ungerechtigkeit aber empfand er den Tod seines eigenen Vaters, der Bürgermeister dieses Ortes war. In den letzten Tagen des Krieges kam ein Franzose in sein Haus und erschoss ihn. August verließ sein ganzes Leben lang Deutschland nie wieder. Er hätte beim Spazierengehen einfach aus Versehen die grüne Grenze nach Frankreich passieren können; doch er wusste genau, wo sie ist und machte auf dem Absatz kehrt. (sre)

Arno und Margot

Feldpostbrief-Arno-Schreyer
Der Feldpostbrief mit der Nachricht vom "Heldentod" Arno Schreyers. (Foto: Andrea Beu)

Beim Durchblättern der alten Fotoalben fiel immer wieder ein schmucker junger Mann in Uniform auf: "Der schöne Arno". Als er 1943 auf Heimaturlaub kam, wollte die Familie ihn nicht mehr an die Front lassen und plante, ihn im Wald zu verstecken. Die Angst vor den drastischen Strafen bei Fahnenflucht war dann doch stärker – Arno zog wieder in den Krieg und fiel im April 1944 in Narwa (Estland).

Erst kam ein Anruf vom Ortsgruppenleiter der NSDAP mit der Todesnachricht, dann der Feldpostbrief (siehe Foto): "Es ist mir eine harte Pflicht, Ihnen mitteilen zu müssen, daß Ihr Sohn, der Obergefreite Arno Schreyer, am 6.4.1944 für den Führer und eine bessere Zukunft seiner geliebten Heimat den Heldentod gestorben ist."

Margot, die Frau von Arnos Bruder Georg, die 1943 Monika und 1944 Helga zur Welt gebracht hatte, war ganz erstaunt, wenn sie von der Enkelin gefragt wurde, wie sie denn um Gottes Willen zu der Zeit Kinder bekommen konnte – bei all dem Hunger und den Zerstörungen. "Wir haben nicht gehungert, uns ging's gut", war ihre Antwort. Sie lebten auf dem Land und konnten sich daher mit vielem selbst versorgen. Ihre Hochzeit 1942 musste zu Hause zwar in eher kleinem Rahmen stattfinden, denn "im Krieg konnte man keine großen Feste feiern". Aber, so schreibt Margot in ihrem Tagebuch, es gab zu diesem Anlass extra Fleisch-und Fettmarken, Mehl, Zucker und Zigaretten für das Brautpaar. (abe)

Bernhard und Marianne

Gerade verheiratet, wurde Bernhard (Jahrgang 1914) im Winter 1943/44 in Russland verwundet und nach seiner Entlassung aus dem Lazarett im Mai 1944 in Budweis (Tschechien) als Ausbilder für Offiziers-Anwärter eingesetzt. Marianne ließ sich als Lehrerin ebenfalls nach Budweis versetzen. Anfang 1945 verstärkten sich die Anfeindungen der Tschechen gegen die Deutschen und so wurden im April alle Deutschen, die mit der Wehrmacht zu tun hatten, in einer Nacht- und Nebelaktion per Bus nach Bayern gefahren.

Dort aus der Wehrmacht entlassen, geriet Bernhard in amerikanische Gefangenschaft, von der er sich aber aus dem Staube machte. Um überleben zu können, arbeitete er ein paar Wochen bei Bad Aibling in Bayern bei Bauern. Irgendwann im Juni oder Juli machte er sich mit seiner Frau auf den Weg in die Heimat nach Ostwestfalen, weil die Geburt des ersten Kindes nahte; gar nicht so einfach, weil es keine planmäßigen Züge gab.

Tagelang waren sie unterwegs, manchmal auch in offenen Güterwaggons. Irgendwann kamen sie wohlbehalten in der Heimatstadt an. Doch Bernhards Eltern wohnten nicht mehr in ihrem Haus, das hatten die Engländer beschlagnahmt. Zufällig fuhr Bernhards Vater gerade mit dem Fahrrad des Wegs, als die beiden ankamen und wäre fast gestürzt, so überrascht und glücklich war er, seinen einzigen Sohn und Schwiegertochter heil wiederzusehen. (nsc)

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Quelle: ntv.de

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