Panorama

"Dann mache ich es halt allein" Wenn Frauen ohne Männer Kinder bekommen

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Erst der Partner, dann das Kind, diese Reihenfolge ist nicht mehr zwingend.

(Foto: imago/Westend61)

Viele Männer zwischen 30 und 40 fühlen sich noch nicht bereit für eine feste Bindung oder ein Kind. Viele gleichaltrige Frauen haben jedoch einen starken Kinderwunsch. Aus diesem Dilemma finden immer mehr Frauen einen Ausweg.

Im englischsprachigen Raum nennen sie sich "Single-Mothers by choice". Es sind Frauen, die das Projekt "Kinderkriegen" von vornherein ohne Partner angehen. Sie lassen sich künstlich befruchten, einen Vater zum Kind gibt es nicht, sie sind alleinerziehend von Anfang an und freiwillig.

Ärzte, die diese Frauen behandeln, sagen, ihre Zahl nimmt zu. Studien zu dem Phänomen gibt es noch nicht. Aber auch in Internetforen findet man immer häufiger Anfragen zu dem Thema. "Niemand muss mehr auf Teufel komm raus eine unglückliche, vielleicht sogar von vornherein zum Scheitern verurteilte Beziehung eingehen, nur um ein Kind zu bekommen", sagt Christina Mundlos über diese Frauen.

Die Soziologin hat gerade ein Buch zu den freiwillig alleinerziehenden Müttern veröffentlicht. Es heißt: "Dann mache ich es halt allein – Wenn Singlefrauen sich für ein Kind entscheiden und so ihr Glück selbst in die Hand nehmen". Keine der Frauen macht sich diese Entscheidung leicht, so die Erfahrung von Mundlos. "Das sind durch die Bank Frauen, die schon von früh an einen großen Kinderwunsch hatten, also auch schon mit Anfang 20. Für die stand das nie außer Frage, dass sie mal eine Familie gründen wollen", erzählt sie n-tv.de.

"Es ist immer Plan B"

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Das Klischee der Karrierefrau, die kurz vor ihrem 40. Geburtstag merkt, dass sie auch noch ein Kind will, stimme ebenso wenig, wie das der Kampf-Emanze, die jegliche Männlichkeit aus ihrem Leben eliminieren will. Viele der Frauen berichten hingegen, dass sie einfach keinen Partner gefunden haben, dass Partnerschaften sich zum Teil sogar wegen des Kinderwunsches zerschlagen haben, weil die Männer sich noch nicht festlegen konnten oder wollten. "Die Frauen haben dann solange weitergesucht, bis sie langsam am Ende ihrer biologischen Uhr angekommen sind."

Bevor gar nichts mehr geht, verabschieden sich die Frauen von ihrer Idealvorstellung einer Vater-Mutter-Kind-Familie. Das ist oft ein schmerzhafter, über Jahre dauernder Prozess. "Die Single-Mutterschaft ist für all diese Frauen der Plan B, niemals der Plan A", stellt Mundlos klar.

Aber auch der ist nicht unbedingt leicht umzusetzen, denn trotz ihres starken Kinderwunsches lassen es die Frauen nicht einfach so bei einem One-Night-Stand drauf ankommen. Denn sie  sehen durchaus die Nachteile dieser Art der Befruchtung. Beispielsweise, dass sie sich nicht vor Krankheiten schützen können oder dass sie einem Mann ungefragt ein Kind unterjubeln. Das können und wollen viele Frauen moralisch nicht mit sich vereinbaren. Der One-Night-Stand-Partner wäre zudem eben doch ein Vater mit allen Rechten und Pflichten.

Schwierige Umsetzung in Deutschland

Deshalb bevorzugen die werdenden Single-Mütter die künstliche Befruchtung. Diese Methode ist aber in 14 von 16 deutschen Bundesländern für Singlefrauen verboten. Außer in Berlin und Bayern haben alle Landesärztekammern entsprechende Empfehlungen der Bundesärztekammer übernommen. Und selbst wenn es erlaubt ist, fühlen sich manche Ärzte der Bundesempfehlung verpflichtet und weisen Single-Frauen ab. Die ungefähr ein Dutzend Ärzte, an die sich die Frauen wenden können, sind dementsprechend frequentiert. Also reisen die Frauen ins Ausland, denn in den meisten europäischen Ländern ist die Behandlung erlaubt. Gibt es keine weiteren gesundheitlichen Einschränkungen, ist es oft mit der Intrauterinen Insemination (IUI) oder der In-vitro-Fertilisation (IVF), bei der der Befruchtungsvorgang außerhalb des Körpers der Frau stattfindet, getan.

Die Frau ist schwanger und bekommt neun Monate später ihr Kind, einen Vater gibt es nicht. Leicht ist das dennoch nicht. Vielen Frauen wird von ihrem Umfeld vorgeworfen, sie seien egoistisch. Ein Kind brauche schließlich unbedingt Vater und Mutter und eine Mutter dürfe nicht entscheiden, dass das Kind keinen Vater haben wird. Mundlos verweist an dieser Stelle auf Studien, denen zufolge Jugendliche, die in Ein-Eltern-Haushalten aufwachsen, nicht automatisch schlechter gestellt sind. Sie neigen beispielsweise weniger zu stark geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen. Mädchen sind unabhängiger, Jungen sensibler, als in traditionellen Familien. "Außerdem wird der Idealzustand, in dem Eltern permanent genügend Wärme, Zeit und Geduld für die Kinder haben, in keiner Familie erreicht."

Eindeutig positiv seien hingegen die besonders gute Einstellung der Frauen zur Elternschaft und ihre hohe Motivation. Das helfe bei vielen Schwierigkeiten im Alltag. Nicht zuletzt zerbrechen auch viele Partnerschaften mit Kindern. Und längst nicht jedes Elternpaar schafft es, den Nachwuchs anschließend gemeinsam großzuziehen.

Die Frauen, die eine Single-Mutterschaft wählen, zeigen sich jedenfalls immer selbstbewusster. Die Tatsache, dass sie ihre Kinder zunächst allein bekommen, heiße ja nicht, dass sie für immer alleinerziehend und partnerlos bleiben. "Es heißt einfach nur, dass ich die Reihenfolge ändere", sagt Mundlos. "Dass ich zuerst das Kind bekomme, weil es mir sonst vielleicht nicht mehr möglich ist. Und dann den Partner finde, der vielleicht das Kind mit mir großzieht."

Quelle: ntv.de

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