Panorama

Wegen Corona kommt Christa nicht Wenn niemand mehr Oma im Heim besucht

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Die 93-jährige Anna Hardt, Bewohnerin im Heinsberger Altenzentrum, nimmt die Situation gelassen: "Ich kann es ja nicht ändern."

(Foto: picture alliance/dpa)

An Altenheimen geht die Corona-Epidemie nicht vorbei, mit teils tragischen Auswirkungen: In NRW müssen Besuche bei deren Bewohnern auf das Notwendigste beschränkt werden. Auch in anderen Bundesländern sollen sie auf ein Mindestmaß sinken. In Heinsberg wissen Menschen, wie weh das tun kann.

Besonders schlimm ist es für jene Heimbewohner, die nicht verstehen, was das Coronavirus überhaupt ist - warum Enkel, Tochter oder Bruder sie nicht mehr besuchen. Sie sind dement und können sich kaum noch mit Worten ausdrücken. Pflegerin Isabel de Sousa versteht sie trotzdem. Viele alte Menschen, die plötzlich niemand mehr besucht, werden unruhig, klopfen, werden manchmal auch aggressiv. Und die Pflegerin bekommt auch mit, wie auf der anderen Seite die Angehörigen leiden.

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Pflegerin Isabel de Sousa bemerkt, wie manche Heimbewohner und deren Angehörige leiden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Isabel de Sousa wirkt bekümmert, wenn sie auf einem Flur im Heinsberger Altenzentrum der Arbeiterwohlfahrt erzählt. Im Haus haben sie anfangs gehofft, dass die zunächst nur im Kreis Heinsberg bei Aachen eingeschränkte Besucherregelung für ein, zwei, höchstens drei Wochen gilt, um die Bewohner vor dem neuartigen Coronavirus zu schützen. Das war kurz nach der im Kreis entdeckten ersten Infektion in Nordrhein-Westfalen. Drei Wochen sind nun fast vorbei. NRW ist das Bundesland mit den meisten nachgewiesenen Infektionen - und die Zahlen steigen und steigen.

NRW: Besuche aufs Notwendigste beschränkt

Seit Freitag sind nun alle Alten- und Pflegeheime in NRW betroffen: Nach einer Regelung der Landesregierung müssen Besuche auf das Notwendigste beschränkt werden. In der Regel ist ein Besucher pro Bewohner am Tag erlaubt. Er darf maximal eine Stunde bleiben, wie der Erlass vorsieht: "Gemeinschaftsaktivitäten mit Externen sind ab sofort untersagt."

Der Leiter des Altenzentrums, Wilhelm Schmitz, weiß, wie schwer allen die bisherige Einschränkung schon gefallen ist. "Ein oder zwei Wochen kann man das gut machen", meint er. Aber mittlerweile fragten sich vor allem die Verwandten, wie lange das noch gehen solle. Die würden immer weniger Verständnis für die Einschränkung aufbringen.

Die 93-jährige Anna Hardt nimmt es im Heinsberger Altenzentrum gelassen. "Ich kann es ja nicht ändern", sagt sie mit kräftiger Stimme. Sie hat vor Jahren verkraften müssen, dass der Krebs ihr beide Kinder genommen hat. Aber die Enkelin ist noch da, hat sie bis vor Wochen regelmäßig besucht. Jetzt ruft sie an, jeden Abend - "letztens auch zwei Mal", erzählt die agile Frau mit einer Spur Stolz. Sie spricht auch von der Frau auf ihrer Station, die immer wieder fragt: "Wann kommt Christa? Wann kommt Christa?" Frau Hardt erklärt dann, aber die Worte erreichen die demente Frau in ihrem Kummer nicht.

In dem Altenzentrum der Arbeiterwohlfahrt leben rund 130 Menschen. Sie sind betagt oder gesundheitlich angeschlagen wie Käthe Küppers. Sie ist erst 61 Jahre alt, hat aber in den letzten Jahren gesundheitlich viel einstecken müssen. Jeden Freitag kam ihr Bruder Heinrich mit seiner Frau Annemie. Sie waren gemeinsam in der Stadt oder sind auf Käthes Zimmer gegangen.

Es könnte um Leben und Tod gehen

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Käthe Küppers ist erst 61 Jahre alt, aber gesundheitlich schwer angeschlagen. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jetzt fährt Käthe freitags in ihrem Rollstuhl raus auf den Parkplatz, wo Bruder und Schwägerin ihr ein Mitbringsel geben. Dann erzählen sie so lange, bis die Schwägerin sagt, dass Käthe reingehen soll: Es werde zu kalt. An diesem Tag dürfen sie ausnahmsweise gemeinsam beim Kaffee drinnen sitzen, um ihre Lage zu schildern. Sie wissen, dass es darum geht, Käthe zu schützen und die anderen Mitbewohner. Falls das Virus eingeschleppt würde, könnte es schlimmstenfalls um Leben und Tod gehen. Potenziell auch für so manchen Besucher, in der Regel auch schon betagt, wie der Heimleiter sagt. Nicht daran zu denken, wenn über ein eingeschlepptes Virus Mitarbeiter infiziert würden.

In einem anderen Seniorenheim in Böblingen bei Stuttgart lautet die Prophylaxe-Strategie, Kontakte zwischen "außen und innen" auf ein Minimum zu reduzieren: Angehörige sollen auf Besuche möglichst verzichten. "Die Bewohner sind sehr gelassen, ich sehe keine Ängste", sagt Direktorin Cosmina Halmageanu. Viele ältere Leute hätten weit Schlimmeres durchgemacht, zum Teil den Krieg erlebt. Verunsicherung gebe es eher bei den Angehörigen der fast 200 Bewohner. Der 89-jährige Siegfried K., der in einem Stuttgarter Heim lebt, bringt es auf den Punkt: "Ich bin in einem Alter, wo ich keine Angst mehr vor dem Tod habe. Ich bedauere aber die anderen Leute, die gesundheitlich oder finanziell leiden müssen." Er hat als Kind die Flucht aus Ostpreußen miterlebt.

"Ich habe mein Leben gelebt"

Eine Bewohnerin eines Pflegeheims im Taunus sieht es ähnlich. "Ich habe von mir aus gesehen keine Angst. Ich habe mein Leben gelebt", sagt die über 80-jährige mehrfache Großmutter. "Auf Besucher verzichte ich derzeit gern. Ich möchte verhindern, dass jemand wegen mir das Virus hier einschleppt." Aus Sicht des Bundesverbandes der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen (BKSB) ist bei einem Ausbruch in einem Heim zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden - vor allem, wenn Pflegepersonal ausfällt, wie Referent Jörg Henneböle erläutert.

Unbedingt aufrechterhalten werden müssten neben der Nahrungsaufnahme die Flüssigkeitszufuhr, die Gabe von Tabletten und Spritzen oder das Anlegen von Kompressionsstrümpfen. Unverzichtbar sei auch die Hilfe beim Aufstehen, Waschen und bei Bettlägerigen die Lagerung. Abstriche seien etwa bei Fußpflege, Baden und Abfassen der Pflegeberichte denkbar. "Die Pflege muss laufen, alles andere ist auf den Prüfstand zu stellen", betont Henneböle.

Problem Personallücken

Deshalb gibt es Szenarien, wie eventuelle Personallücken zu füllen sind. Bei einem Ausfall von 20 Prozent reiche es, Urlaube zu streichen, Teilzeit zu erhöhen und auf Aushilfen zurückzugreifen. Der Experte des Verbands aus 50 Trägern mit 250 Einrichtungen fügt hinzu: "Bei 40 Prozent weniger Beschäftigten müssen wir externe Dienstleister hinzuziehen." Dass solche Prognosen durchaus realistisch sind, zeigt ein Beispiel aus Bad Rappenau bei Heilbronn. Dort hatte sich ein über 80-jähriger Heimbewohner bei einem Pfleger angesteckt, der nach einem Aufenthalt in Mailand erkrankt war. Derzeit sind mindestens 17 Männer und Frauen im Zusammenhang mit dem Pflegeheim positiv auf das Coronavirus getestet worden, darunter acht Bewohner, fünf Personen der Tagespflege und vier Mitarbeiter.

Überdies habe sich die halbe Belegschaft krank gemeldet, sagt eine Sprecherin des Hauses. Der Geschäftsführer hatte kürzlich im Südwestrundfunk (SWR) nicht nur Fachkräfte, sondern auch Studenten, Azubis und Ehrenamtliche zur Unterstützung aufgerufen - mit sehr geringem Erfolg.

Quelle: ntv.de, Elke Silberer und Julia Giertz, dpa