Panorama

Nazi-Verbrechern auf der Spur "Wer auf einer Uniformliste steht, war da"

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Jens Rommel befasst sich in seinem Berufsalltag mit den Grausamkeiten der NS-Zeit und versucht, noch lebende Täter aufzuspüren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jens Rommel befasst sich täglich mit der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und ermittelt Täter aus der NS-Zeit. Er sorgt dafür, dass sie auch noch heute für ihre Dienste in Konzentrationslagern angeklagt werden können. Ein Gespräch über Archiv-Wühlereien, Verantwortung und den Kampf gegen die Zeit.

n-tv.de: Derzeit steht ein 93-Jähriger in Hamburg vor Gericht, der im KZ Stutthof als Wachmann gearbeitet hat. Wie beurteilen Sie diesen Fall?

Jens Rommel: Nach dem Verfahren gegen John Demanjuk zum Vernichtungslager Sobibor hat die Zentrale Stelle in Ludwigsburg weitere Lager untersucht. So ist auch das KZ Stutthof in den Blick geraten, das eigentlich kaum bekannt ist. Dieses Lager ist im Herbst 1944 systematisch in den Holocaust einbezogen worden. Nun läuft aktuell die Verhandlung in Hamburg. Jetzt müssen wir schauen, wie sich der Angeklagte weiter zu seiner Rolle äußert und welche Beweise das Gericht noch feststellen kann.

Wie kann man denn NS-Verbrechen aufspüren, die Jahrzehnte zurückliegen?

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Die Recherche der Zentralen Stelle ist aufwändig, weil die NS-Dokumente aus der ganzen Welt gesichtet werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zentrale Stelle hat den Auftrag, Verfahren zu nationalsozialistischen Verbrechen vorzubereiten. Das heißt, wir untersuchen in einem ersten Schritt systematisch Verbrechen in einem größeren Zusammenhang. Danach suchen wir nach den Personen, die an den Verbrechen beteiligt waren und heute noch zur Verantwortung gezogen werden können. Derzeit ermitteln wir vor allem zu Personal in Konzentrationslagern in Flossenbürg, Groß-Rosen, Mittelbau-Dora und Natzweiler. Aber wir ermitteln auch weiter zu den Lagern, zu denen wir schon Verfahren an die Staatsanwaltschaften abgegeben haben, wie Auschwitz, Mauthausen und Buchenwald.

Damals waren so viele Menschen involviert - wo fangen Sie an?

Insgesamt gehen wir bei den Konzentrationslagern in drei Schritten vor: Der Erste ist, sich das Lager und die Verbrechen dort noch einmal genau anzuschauen. Was kann als systematischer Mord beschrieben werden? Wo gab es Gaskammern und Hinrichtungen? Und wo waren die Lebensumstände so verheerend, dass man von grausamen, heimtückischen Tötungen aus niedrigen Beweggründen sprechen kann? Im zweiten Schritt schaut man nach den Personen, die dort eingesetzt waren. Dabei arbeiten wir viel mit den Gedenkstätten, den örtlichen Archiven und mit dem Bundesarchiv zusammen und erstellen Personallisten. In einem dritten Schritt prüfen wir, wer von den Personen überhaupt noch lebt und wo sie sich aufhalten. Das ist dann oft frustrierend, weil fast alle Personen dann als verstorben herausfallen.

Welche Art von Dokumenten liefern denn in diesen Fällen den entscheidenden Hinweis?

Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen

Die Behörde befasst sich mit den Vebrechen der Nazi-Zeit und bereitet Strafverfahren gegen die noch lebenden Täter vor. Sie wurde 1958 gegründet und hat ihrern Sitz in Ludwigsburg. Leitender Oberstaatsanwalt ist Jens Rommel. Zur Bewältigung ihrer Aufgabe sind der Zentralen Stelle Richter, Staatsanwälte und Polizeibeamte zugewiesen, die mit ihrer Zustimmung aus den Ländern hierher abgeordnet werden.

Das ist zu jedem KZ anders, es gibt ganz unterschiedliche Überlieferungen, die in diesen Archiven vorhanden sind. In Moskau finden wir beispielsweise Truppenstammrollen, Wehrpässe und Stammbücher. Im Bundesarchiv in Berlin sind ganz viele Dokumente von Wehrmachtsangehörigen oder Parteimitgliedern gesammelt. Bei den KZs kommt es auch darauf an, wie viel Zeit die SS hatte, das Lager zu räumen und Dokumente zu zerstören. Da kann uns aber auch schon der kleinste Hinweis weiterhelfen. Beispielsweise eine Verletzungsliste. Wer auf einer Uniformliste steht, der war zumindest an dem Tag auch an dem Ort. Das beweist noch nicht, dass er an dem Mord beteiligt war. Aber es ist ein erster Hinweis auf den Einsatz dort. Und wenn man einzelne Mosaiksteinchen dieser Art hat, dann kann man so einen ersten Verdacht formulieren, dass diese Person in einen bestimmten Zeitraum dort eingesetzt war.

Was sind die größten Schwierigkeiten bei den Recherchen?

Die größte Schwierigkeit ist die Zeit, die seit den Taten vergangen ist. Das verschlechtert die Beweislage in jeder Hinsicht. Nur bei den Dokumenten ist es manchmal etwas besser, weil sie zum Teil digitalisiert wurden und leichter zugänglich sind. Aber die Tatorte haben sich verändert, es leben kaum noch Zeugen oder sind über die ganze Welt verstreut. Und die Beschuldigten sind heute mindestens 92 Jahre alt. Wenn sie überhaupt noch am Leben sind, dann sind sie oft körperlich oder geistig nicht mehr in der Lage, sich so einem Verfahren zu stellen. In unserem Rechtsstaat darf kein Strafprozess durchgeführt werden, wenn jemand nicht mehr verhandlungsfähig ist. Daran scheitern heute die allermeisten Verfahren.

Wie wird das geprüft?

Die Staatsanwaltschaften und Gerichte beauftragen in der Regel medizinische Gutachter, die genau prüfen, ob eine Person wenigstens eingeschränkt oder gar nicht mehr verhandlungsfähig ist. Das sehen wir auch jetzt bei diesem Prozess. Da nimmt man Rücksicht und tagt nur zwei Stunden pro Verhandlungstag. 2013 haben wir beispielsweise 30 Verfahren zu Auschwitz an Staatsanwaltschaften abgegeben und davon sind 25 eingestellt worden, weil der Beschuldigte in der Zwischenzeit gestorben oder verhandlungsunfähig geworden war.

Wie ist das für Sie, wenn Sie diese Verfahren lange vorbereiten und dann so etwas passiert?

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In Ludwigsburg werden Verfahren gegen NS-Verbrecher vorbereitet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist das Schicksal, mit dem wir heute leben müssen. Wir glauben, dass die Arbeit auch dann einen Wert hat, wenn es nicht zur Verurteilung kommt. Es ist das Bemühen, aufzuklären, was damals im Auftrag des deutschen Staates passiert ist. Die Verbrechen waren nur deshalb in diesem Ausmaß möglich, weil so viele an unterschiedlichen Stellen mitgewirkt haben.

Sie lesen schreckliche Berichte über die Gräueltaten in den Lagern - wie verarbeiten Sie das?

Mir persönlich macht es leichter, dass wir keinen direkten Kontakt zu Täter und Opfer haben, sondern das den Staatsanwaltschaften und Gerichten überlassen. Wir haben es nur mit Papieren zu tun. Fotos sind in Schwarz-Weiß, das ist zwar banal, aber auch das schafft einen Abstand. Wir gehen professionell an diese Verbrechen heran, aber natürlich schwankt es, wie sehr uns die Arbeit belastet.

Manche sagen, 90-jährige NS-Täter anzuklagen habe keinen Sinn. Was entgegnen Sie?

Der Bundestag hat sich umfassend mit der Frage beschäftigt, wie lange diese Aufarbeitung eigentlich dauern soll und hat sich dafür entschieden, dass die Mordverbrechen nicht verjähren. Daraus folgt unser Auftrag, die NS-Morde auch bis zum Schluss zu verfolgen.

Warum kommen jetzt mehr Verfahren wegen Beihilfe vor die Gerichte?

Mit den Jahren hat sich der Blick der Rechtsprechung geändert, wo die Verantwortung des Einzelnen in einem verbrecherischen System beginnt. Wir versuchen der Sichtweise Rechnung zu tragen, dass die Arbeit in einem KZ auf so viele Schultern verteilt war, wodurch der Beitrag des Einzelnen gering werden konnte. Um eine Person anzuklagen, reicht heute eine allgemeine Dienstausübung in einer bestimmten Funktion aus, die die Mord-Maschinerie am Laufen gehalten hat. Wir müssen also einem Wachmann nicht nachweisen, was er an einem einzelnen Tag gemacht hat, sondern es genügt, dass er durch seinen Dienst in einer bestimmten Zeit die Massenmorde erleichterte.

Wie werden Opfer des NS-Regimes in die Verfahren eingebunden?

Für die Überlebenden gibt es zwei Rollen, die sie übernehmen können. Zum einen ist es die Rolle als Zeuge, um die eigenen Erlebnisse zu schildern. Es gibt aber auch die Rolle des Nebenklägers. Das heißt, sie sind aktive Verfahrensbeteiligte und werden vom deutschen Staat in einer öffentlichen Verhandlung gehört. Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Aufgabe dieser Prozesse. Überlebende aus Stutthof haben beispielsweise in den Nachrichten gelesen, dass Deutschland ermittelt. Daraufhin haben sich Überlebende aus Cleveland in Ohio bei uns gemeldet und wollten zum Verfahren beitragen. Offenbar war das Vertrauen in die deutsche Justiz wieder so weit gewachsen, dass sie sich an uns gewandt haben. Die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden vom damaligen deutschen Staat organisiert oder geduldet; daraus ergibt sich meiner Meinung nach die Verantwortung des heutigen deutschen Staates, sich dieser Verbrechen anzunehmen.

Mit Jens Rommel sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de