Panorama

"Höhlen sind gnadenlos"Wie konnte der Malediven-Tauchgang so schiefgehen?

19.05.2026, 17:53 Uhr
imageVon Sarah Platz
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Mehrere Tage suchten Taucher nach den Leichen von vier Italienern, die zu einer Unterwasser-Expedition aufgebrochen waren. (Foto: picture alliance/dpa/Maldives President’s Media Division)

Fünf Italiener verunglücken bei einem Tauchgang auf den Malediven. Eigentlich sind sie allesamt erfahrene Taucher. Doch möglicherweise unterschätzten sie die "gnadenlosen und gefährlichen" Bedingungen der Unterwasserhöhle, die Experten zufolge einem Labyrinth mit engen Gängen gleicht.

Fünf erfahrene Taucherinnen und Taucher brechen zu einer Expedition im Osten der Malediven auf. Wie bereits zuvor wollen sie Weichkorallen erforschen, haben einen Tauchlehrer bei sich und offenbar auch eine Genehmigung für ihr Vorhaben. Ein zunächst routinierter Tauchgang - bis etwas aus dem Ruder läuft. Alle fünf Gruppenmitglieder kommen bei der Expedition ums Leben. Die Behörden untersuchen noch, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Doch schon jetzt zeigen verschiedene Berichte, dass gleich mehrere Startbedingungen der Taucher nicht optimal waren.

Ein Teil der Gruppe kam als Teil einer Forschungsreise der Universität Genua zur Überwachung der Meeresumwelt auf die Malediven. Die Forschungseinrichtung betonte allerdings, dass der tödliche Tauchgang der fünf Italiener "privat unternommen" wurde. So war neben einer Dozentin für Ökologie, ihrer Tochter, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter und einem weiteren Studenten auch ein Tauchlehrer Teil jener Gruppe, die am vergangenen Donnerstag im Vaavu-Atoll abtauchte.

Der tote Körper von Gianluca Benedetti wurde am vergangenen Donnerstag als erster entdeckt. Laut "Corriere della Sera" wurde die Leiche des Tauchlehrers in der Devana-Kandu-Unterwasserhöhle, südlich der Insel Alimatha im Osten der Malediven gefunden. Die Behörden gingen schnell davon aus, dass die vier weiteren Gruppenmitglieder noch tiefer in der Höhle befinden.

Gesetzliche Maximaltiefe liegt bei 30 Metern

Ihre Leichen wurden erst am Montag gefunden. Auffällig war dem maledivischen Regierungssprecher Ahmed Shaam zufolge vor allem, dass ihre Körper "ziemlich nah beieinander" gelegen haben. Dass sich die Suche nach den vermissten Italienern über drei Tage zog, lag vor allem an der großen Herausforderung für die Rettungstaucher: Die Leichen befanden sich, so Shaam, "tief im Inneren der Höhle, im dritten Abschnitt". Tauchlehrer Benedetti soll sich hingegen in der zweiten Kammer befunden haben, als er entdeckt wurde. Bei dem Versuch, vom zweiten in den dritten Abschnitt der Höhle zu gelangen, um die vermissten Taucher zu finden, kam ein maledivischer Militärtaucher ums Leben.

Danach wurde die Suche kurzzeitig eingestellt. Aufgenommen wurde sie erst wieder durch drei höchst erfahrene finnische Taucher der europäischen Tauchsicherheitsorganisation DAN. Jede Phase dieses Einsatzes wurde sorgfältig geplant, erklärte Laura Marroni, die Geschäftsführerin der Organisation. Vor allem, weil sich der Zugang der Höhle in einer Tiefe von 55 bis 60 Metern befindet.

Eigentlich liegt die gesetzliche Maximaltiefe für Sporttaucher bei 30 Metern. Forschende können allerdings beantragen, tiefer tauchen zu dürfen. Entgegen der Annahme in vielen Medienberichten tat die italienische Gruppe das auch - und erhielt die erforderliche Genehmigung, wie der Sprecher des maledivischen Präsidenten, Mohamed Hussain Shareef, nun mitteilte. Dem Departement für Meeresforschung sei ein Antrag für die Erkundung von Weichkorallen und eine Untersuchung der Zusammensetzung der Riffsysteme vorgelegt worden. "Sie haben grünes Licht erhalten. Sie verfügten über die nötigen Bewilligungen."

Das Unterwasser-Labyrinth

Einen Haken in der Zusammenarbeit mit den Behörden gab es dennoch: "Was wir nicht wussten, war, dass es sich um Höhlentauchen handelte", sagte Shareef. Die Gruppe habe nur die Atolle genannt, nicht aber die konkreten Tauchplätze. Das Detail sei essentiell, da es sich "um eine ganz andere Disziplin mit ganz eigenen Herausforderungen und Risiken" handle.

Das bestätigte Shafraz Naeem, ein Berater der maledivischen Verteidigungskräfte im Gespräch mit dem "Maldives Independent". "Höhlen sind sehr gnadenlos und gefährlich. Man braucht eine spezielle Ausbildung." Er selbst führte bereits dutzende Tauchgänge in der Devana-Kandu-Unterwasserhöhle. Naeem beschreibt sie als Hunderte Meter langes Labyrinth mit zahlreichen Kammern und engen Gängen. Der Eingang liege bei 55 Metern "und es wird immer tiefer". Licht dringe nur in die erste Kammer ein. Dann folge eine Art Tunnel, die in die zweite Kammer führt und bei etwa 70 Metern beginne. "Man kann die gesamte Höhle nicht sehen, wenn man keine sehr gute Beleuchtung hat", fügte er hinzu. "Mit einer normalen Tauchlampe sieht man sie nicht."

Wie weit die Gruppe tatsächlich in die Höhle vordrang - und vor allem warum, ist aktuell Teil der Untersuchungen. So rückt auch eine Aussage des Reiseveranstalters jenes Bootes, mit dem die Taucher unterwegs waren, in den Fokus. "Albatros Top Boat" wurde nach der Katastrophe zunächst der Betrieb untersagt, denn den Behörden zufolge fehlte der Firma die nötige Tauchschulgenehmigung, die es braucht, um Taucher auf Expeditionen mitzunehmen.

Mangelnde Ausrüstung?

Man habe sehr wohl eine Genehmigung für Sporttauchen bis zu einer Tiefe von 30 Metern gehabt, entgegnete das Unternehmen laut der italienischen Zeitung "Corriere della Sera". Von den Plänen der Gruppe, tiefer zu tauchen, habe man nichts gewusst. Zumal der Tauchgang weit über das hinausging, was für eine wissenschaftliche Expedition zur Entnahme von Korallenproben in üblichen Tiefen vorgehen war, sagte Orietta Stella, Anwältin von "Albatros Top Boat".

Carlo Sommacal, der Ehemann der bei dem Tauchgang verunglückten Monica Montefalcone hält es für ausgeschlossen, dass ein Fehler der Gruppe in der Vorbereitung oder Planung zu dem Unglück führte. Seine Frau sei "eine der besten Taucherinnen der Welt", sagte er "La Repubblica". Demnach war Montefalcone, die bereits den Tsunami im Jahr 2004 überlebte, sehr gewissenhaft und habe bereits rund 5000 Tauchgänge absolviert." Sommacal geht von einer unvorhersehbaren Wendung unter Wasser aus. "Da unten muss etwas passiert sein. Vielleicht ist einer von ihnen in Schwierigkeiten geraten, vielleicht waren es die Sauerstoffflaschen."

Stella stimmt zwar zu, dass die Verunglückten allesamt erfahrene Taucher waren. Umso auffälliger sei jedoch die Ausrüstung der Gruppe gewesen. Der Reiseveranstalterin zufolge glich die verwendete Ausrüstung eher der üblichen Freizeitausstattung als technischem Equipment für Tiefseetauchgänge.

Die Gefahr der Tiefe

Auch Naeem vermutet im Gespräch mit der Nachrichtenagentur "Ansa", die Taucher könnten über unzureichende Gasvorräte verfügt haben. "Der Gasverbrauch steigt rasch, und in einer Umgebung wie einer Höhle ist der Aufstieg zur Oberfläche sehr komplex." Laut "Corriere della Sera" wurde Benedetti tatsächlich mit einer leeren Flasche gefunden.

Es wäre möglich, sagte Naeem zudem in der australischen ABC, dass die Taucher von einer Stickstoffnarkose betroffen waren. Der sogenannte "Tiefenrausch" droht ab einer Tiefe von etwa 30 Metern. Durch den hohen Druck löst sich mehr Stickstoff im Blut und gelangt ins Nervensystem. Die Wirkung ähnelt der von beispielsweise Lachgas, zu den Symptomen gehören etwa kognitive Einschränkungen, verzögerte Reaktionen, aber auch Übermut. Eigentlich verschwinden die Symptome, sobald der Taucher in eine geringere Tiefe auftaucht - nur ist das in der Höhle eben nicht möglich. Zudem verwenden Taucher bei tieferen Tauchgängen idealerweise spezielle Gasgemische, um der narkotischen Wirkung des Stickstoffs entgegenzuwirken.

Möglich ist also, dass die Taucher unter Wasser stark eingeschränkt waren und die Orientierung verloren. Dabei könnte auch das Wetter eine Rolle gespielt haben: Am Tag des Tauchgangs galt gelber Alarm vom örtlichen Wetterdienst. Gewarnt wurde vor rauer See und starken Strömungen. Letztere können Sedimentwolken verursachen - aufgewirbelte Partikelwolken am Meeresboden, die die Sicht erheblich beeinträchtigen.

Noch ist keine der vermuteten Faktoren als Ursache für die Katastrophe auf den Malediven bestätigt. Um der Todesursache näher zu kommen, müssen die Leichen aller vier Italiener aus der dritten Kammer geborgen werden. Nachdem am Dienstag zwei der Körper aus der Unterwasserhöhle geholt wurden, sollen die zwei übrigen Todesopfer am morgigen Mittwoch geborgen werden.

Quelle: ntv.de

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