Panorama

Kaum besser als vor einem Jahr Wie sind die hohen Totenzahlen zu erklären?

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Aktuell sterben wieder viele Ältere im Zusammenhang mit Corona-Infektionen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Corona-Infektionszahlen steigen ständig und leider auch wieder die der Menschen, die im Zusammenhang mit einer Infektion sterben. Durch die weitere Lockerung könnte sich der Trend sogar noch verstärken, aber warum ist das so?

Nach mehr als zwei Jahren Pandemie liegt die Gesamtzahl der verzeichneten Corona-Toten in Deutschland inzwischen bei 126.646. Allein am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) den Tod von weiteren 226 weiteren Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Seit Ende Januar steigt die Zahl stetig, nachdem sie seit Mitte Dezember sieben Wochen in Folge rückläufig gewesen war.

Damit werden viele Hoffnungen zunichtegemacht, dass im Frühjahr 2022 deutlich weniger Menschen an Corona sterben müssen. Im Jahresvergleich mit 2021 sieht man zwar, was die Impfungen gebracht haben. Allerdings sterben aktuell trotzdem jeden Tag etwa gleich viele Menschen wie im letzten Jahr um diese Zeit. Damals war nur ein geringer Teil der Bevölkerung geimpft. Die strengeren Maßnahmen sowie eine weniger ansteckende Variante hatten das Infektionsgeschehen zum Frühjahrsbeginn aber beherrschbar gemacht.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach warnte schon vor einer Woche, dass die aktuelle Corona-Lage kritisch sei. In einigen Wochen könnten sogar "noch mehr Menschen daran versterben", befürchtete der SPD-Politiker. Lauterbach nannte auch gleich einen Grund für die anziehenden Totenzahlen. Es sei eine Fehleinschätzung, dass die ansteckendere Omikron-Variante BA.2 ungefährlich sei, so der Minister. Insbesondere für Ungeimpfte sei das Risiko eines schweren, gar tödlichen Krankheitsverlaufs hoch.

Wie Statistiker Christian Hesse im Focus erklärte, liegt das Risiko, an einer Covid-Infektion zu sterben, gegenwärtig bei 0,12 Prozent. In den Vorwochen habe es bei 0,10, beziehungsweise 0,09 Prozent gelegen. Das bedeutet: Einer von 830 symptomatisch Corona-Erkrankten stirbt. Von den 383 verstorbenen symptomatisch Erkrankten, die der RKI-Wochenbericht erfasst hat, waren 209 ungeimpft, 118 geboostert und 56 grundimmunisiert. Das sind aber nur die Fälle, in denen der Impfstatus erfasst war.

Unerwartete Totenzahlen

Ähnliches ist bereits in anderen Ländern zu beobachten, die Deutschland einen Schritt voraus sind. Dänemark beispielsweise hat schon im Februar bei relativ hohen Infektionszahlen die meisten Corona-Maßnahmen aufgehoben. Das Land verließ sich auf seine hohen Impfquoten von über 80 Prozent mit Erst- und Zweitimpfung. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind dort bereits geboostert. Auch die stabile Zahl der Krankenhauseinweisungen ließ hoffen, dass sich die Auswirkungen der Öffnungen in Grenzen halten. Trotzdem gab es nach den Lockerungen einen deutlichen Anstieg der Corona-Todeszahlen.

Das dänische Gesundheitsinstitut SSI erklärt das vor allem mit einer neuen Zählweise, wonach Corona in den meisten Fällen nicht die Haupttodesursache sei, sondern als Nebeneffekt der Krankenhausbehandlung festgestellt wurde. Auch das RKI verweist bei den aktuell steigenden Hospitalisierungsraten darauf, dass darunter auch Menschen sind, die wegen anderer Erkrankungen im Krankenhaus sind und bei denen dann eine Corona-Infektion festgestellt wurde. Allerdings ist unter Experten unstrittig, dass eine Corona-Infektion bestehende Vorerkrankungen verschlimmern kann, was dann zum Tod führt. Die Vorerkrankungen sorgen in der Kombination mit dem Coronavirus dazu, dass mehr stationäre oder intensivmedizinische Behandlungen notwendig werden. Damit steigt das Sterblichkeitsrisiko.

Das legt auch die Einschätzung des RKI im aktuellen Wochenbericht zu den Todesfällen nahe. "Unter allen übermittelten Todesfällen seit KW 10/2020 waren 106.403 Personen, die 70 Jahre oder älter waren", schreiben die RKI-Experten. Das sind 84 Prozent aller Todesfälle. Das Durchschnittsalter der Gestorbenen liegt bei 84 Jahren. Der Anteil der Personen, die 70 Jahre oder älter sind, an der Gesamtzahl der übermittelten Covid-19-Fälle, liegt aber nur bei knapp sieben Prozent. Die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle ist also eng an das Altersprofil der Infizierten gekoppelt. Diese erneute Verschiebung in die älteren Gruppen zeichnet sich bereits seit Wochen ab und wird vermutlich in den kommenden Wochen zu einem weiteren Anstieg der täglichen Todesfälle führen.

Extremfall Hongkong

Die massive Ausbreitung der infektiöseren Omikron-Untervariante BA.2, das zunehmend unvorsichtigere Verhalten in der Bevölkerung und die geringeren Kontaktmaßnahmen treffen in Deutschland zudem auf noch immer unzureichende Impfquoten. Wie das im Extremfall ausgehen kann, lässt sich gerade in Hongkong beobachten. Seit einigen Wochen steckt die Metropole in ihrer schlimmsten Corona-Welle - trotz strenger Abstands- und Quarantäneregeln.

Hatten sich von Pandemie-Beginn bis Ende 2021 nur rund 12.000 Menschen in Hongkong mit dem Coronavirus angesteckt, wurden in der gegenwärtigen Omikron-Welle seit Jahresbeginn nach offiziellen Angaben schon fast eine Million Infektionsfälle nachgewiesen, 4600 Menschen starben im Zusammenhang mit Covid-19. Derzeit hat Hongkong die höchste Corona-Todesrate weltweit.

"Der weitere Verlauf der Pandemie hängt davon ab, ob sich größere Teile der Bevölkerung weiterhin verantwortungsbewusst verhalten bzw. in welchem Umfang mögliche infektionsrelevante Kontakte zunehmen", schreibt das RKI im aktuellen Wochenbericht. Denn wenn die Infektionsfälle weiter steigen, wird zwangsläufig auch die absolute Zahl der Krankenhauseinweisungen und damit auch der Todesfälle steigen, selbst wenn der Anteil der schweren Verläufe stabil bleibt.

Quelle: ntv.de

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