Panorama

Besser heute als morgen Wir brauchen die Ausgangssperre

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Noch Anfang der Woche: reges Treiben in einem Berliner Park.

(Foto: imago images/Sabine Gudath)

Viele fürchten die Ausgangssperre. Und natürlich ist sie eine Zumutung. Doch im Kampf gegen das Coronavirus wird sie eine Befreiung sein. Noch kann sie etwas bewirken und Leben retten.

"Die Lage ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend. Sie zieht damit die Schlussfolgerung aus alldem, was wir in den letzten Tagen gehört, gelesen und erlebt haben: Autokonzerne stoppen die Produktion, Börsenkurse sind im freien Fall. Theater, Büchereien, Fitnesscenter - dicht gemacht.

"Halten Sie sich an die Regeln", appelliert Merkel. Ihr Problem und auch unser Problem: Wir spüren noch nichts. Das Wetter ist herrlich, es ist Frühling in Deutschland. Vor den Eisdielen: lange, dichte Schlangen, Dreijährige auf dem Laufrad, entspanntes Flanieren. In den Parks: Gruppen mit Soundlink und kühlen Getränken. Corona? Zwei Meter Abstand? Chill mal.

Übersetzt heißt "Chill mal" hier: "Das ist ja wohl meine Entscheidung, meine Freiheit, das zu tun, was ich für richtig halte." Unser Problem gerade ist, dass diese Leute tatsächlich Recht haben. "Halten Sie sich an die Regeln", sagt Merkel. Aber es gibt keine Regeln, sie hat keine aufgestellt. Sie appelliert, das Robert-Koch-Institut fordert, Virologe Christian Drosten mahnt: Händewaschen, zwei Meter Abstand und Kontakte auf das Notwendigste beschränken. Es sind eindringliche Appelle, die man befolgen kann oder nicht. Meine Entscheidung, meine Freiheit, das zu tun, was ich für richtig halte.

Freiheit ist ein hohes Gut

*Datenschutz

Die Freiheit ist zu Recht ein hohes Gut in Deutschland, auch und gerade für die Kanzlerin, die Jahre in Unfreiheit verbrachte. Zwänge lassen wir uns ungern auferlegen. Kein Problem hatten wir aber bislang damit, dass mancher Einzelhändler, manches Kino jetzt gezwungen wird, sehenden Auges in den Konkurs zu gehen. Dass Personal ohne Festanstellung nun gezwungen ist, sich arbeitslos zu melden. Dass Menschen, die sich auf dringende Operationen eingestellt hatten, diese zwangsweise verschieben. Dass Krankenhausbetriebe gezwungen werden, einen logistischen Mammut-Prozess anzuschieben, um die Zahl ihrer Intensiv-Betten mal eben zu verdoppeln.

Hat sich im Namen dieser Menschen, dieser Betriebe irgendjemand beschwert, gab's eine Petition zu unterschreiben, hab ich was verpasst? Ich glaube nicht. Und das lag wohl daran, dass wir von all diesen Landsleuten, denen die Corona-Pandemie wirtschaftlich, auch körperlich "an die Substanz" geht, erwarten, dass sie das akzeptieren. Und zwar zu Recht.

Bloß: Wie müssen sich diese Menschen geohrfeigt fühlen, wenn sie Bilder der Flanierer in der Innenstadt sehen, der Schlangen vor den Eisdielen, der Kindergruppen, die im Hof bolzen, mit Manndeckung, wie immer. Solidarität? Einschränken? Bei dem Wetter? Chill mal.

Wir müssen die "Super-Spreader" stoppen

Wir können uns diese Bilder und dieses Verhalten nicht leisten, und zwar aus drei Gründen: Zum einen hemmt es die Wirkung aller anderen Maßnahmen. Sars-CoV-2 kann bis zu zwei Wochen im Körper lauern, ohne sich bemerkbar zu machen, es ist aber während dieser Zeit schon extrem ansteckend. Das bedeutet, wie der Virologe Timo Ulrich im "ntv Frühstart" sagte, dass diejenigen ohne Symptome, die die Gefahr nicht ernst nehmen, die "Super-Spreader" sind. Sie verbreiten das Virus am allerstärksten. Um unser aller Gesundheit willen müssen wir die "Super-Spreader" stoppen.

Zum zweiten gibt es in dieser Pandemie bestimmte Zeitfenster für effektive Gegenmaßnahmen. Noch sind vermutlich viele Haushalte in Deutschland nicht befallen. Wenn wir konsequent physischen Abstand halten, können viele gesund erhalten werden, auch wenn - zum Beispiel im selben Haus - andere krank sind. Ist die Pandemie hingegen auf ihrem Höhepunkt, dann ist eine Ausgangssperre in der Bevölkerung leichter durchzusetzen, hat aber viel weniger Effekt. Denn dann wird in vielen Haushalten jemand befallen sein. Die physische Trennung bringt nichts mehr, die Infektion rollt einfach weiter.

Zum dritten sind wir auch an einer anderen Stelle verwundbar, und da geht es um unseren Zusammenhalt. Die Welle kommt, und sie wird das Leben geliebter Menschen kosten, die wir vielleicht nicht einmal gemeinsam begraben können. Um das auszuhalten und alles andere - die Langeweile, die Ungewissheit, Angst um die Lieben und die traurigen Nachrichten - brauchen wir das Gefühl, als Gesellschaft zusammenzustehen. Wir müssen uns freuen können über Initiativen zur Nachbarschaftshilfe, für Sport und Spiel mit Kindern zuhause. Wir müssen lachen über die Gags auf Twitter und das Gefühl haben, wir gehen da gemeinsam durch. Bilder von Eisschlangen in Berlin, von Shisha-Gruppen am Kölner Rheinufer, von Gedränge auf dem Münchner Viktualienmarkt machen uns dieses Gefühl kaputt. Sie spalten und demotivieren. Sie kosten Kraft, die wir für anderes brauchen.

Die Ausgangssperre als Erlösung

"Droht uns die Ausgangssperre?" fragen Journalisten in diesen Tagen immer wieder Politiker. Nein, sie droht uns nicht. Sie wird uns eine Hilfe sein, eine Erlösung. Weil wir, wenn sie klug gestaltet wird, immer noch kurz draußen joggen gehen können, frische Luft atmen und sonntags mit der Familie in den Wald. Weil wir aber gleichzeitig wissen werden, dass wir jetzt wirklich alles tun, alle Register ziehen, und zuversichtlich sein können, dass sich die Wirkung zeigt.

*Datenschutz

Und wir werden etwas in der Hand haben gegen diejenigen, die sich für unverwundbar halten. Die Polizeistreife kann den Corona-Partytänzern den Bußgeld-Bescheid gleich mitgeben und den Soundlink einkassieren. Unseren Nachbarn können wir sagen: "Ihr Lieben, es ist verboten, Kinder zusammen bolzen zu lassen, sie stecken sich an. Richtet bitte eine Doodle-Liste ein, verteilt die Zeiten und geht mit Euren eigenen Kindern spielen." Die erschöpften Ärztinnen und Pfleger werden wissen, dass wir ihnen zuarbeiten, dass wir jetzt wirklich alles tun, um das Virus zu bezwingen. Sie halten dieser Tage Schilder in die Höhe: "Wir bleiben für Euch hier. Bleibt Ihr für uns zu Hause." Wer diese Bitte missachtet, der wird sich außerhalb unserer Gemeinschaft wiederfinden.

Die gefühlte Flut der Berichte über Besserwisser und Zyniker wird zusammenschmelzen und uns nicht mehr beschäftigen. Den Skype-Account haben wir Oma und Opa eh schon eingerichtet, und auch wenn man manchmal über Minuten nur die Heizung im Bild hat, klappt es doch eigentlich hervorragend, und wir sprechen uns öfter als im vergangenen Jahr.

Wir werden wissen, dass es sich lohnt, unseren Kindern Dinge zu verbieten, die wir eigentlich toll finden - draußen toben, Kumpels treffen. Diese blöde Strenge wird plötzlich nicht mehr nur richtig, sondern wirkungsvoll sein, weil es so viele machen: alle Klugen, weil sie wissen, dass es auf jeden ankommt, und viele Dumme, weil sie gezwungen werden. Die Ausgangssperre, diese harte, radikale, im Deutschland von heute eigentlich komplett unvorstellbare Einschränkung, sie wird für diejenigen, die es ernst meinen mit dem Kampf gegen das Virus, auch eine Befreiung sein.

Quelle: ntv.de