Panorama

Janssens über Infektionslage "Wir fischen im Trüben im Moment"

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Die Zahl der Patienten, die wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden müssen, ist zuletzt stark gestiegen.

(Foto: dpa)

Die Daten zu Corona-Neuinfektionen sind wegen der Osterferien derzeit wenig aussagekräftig. Die Zahl der Intensivpatienten spricht aber schon jetzt Bände. Intensivmediziner Uwe Janssens mahnt im ntv-Interview, dass sich die Situation in den Kliniken verschärfen wird.

ntv: Die Zahl der Intensivpatienten steigt wieder deutlich. Wir bewegen uns auf dem Niveau von Ende Januar, und die Hälfte der Intensivpatienten wird auch beatmet. Worauf stellen Sie sich in den nächsten Tagen auf den Intensivstationen ein?

Uwe Janssens: Bedauerlicherweise sehen wir im Moment das, was wir vorausgesagt haben, dass die Zahlen wirklich steigen. Wir hatten gestern einen solchen Sprung: Erstmalig kamen über 200 Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen dazu. Wir nähern uns 4500. Wenn das so weiter geht, werden wir in Kürze auch leider Gottes über 5000 Covid-19-Patienten haben. Manche Regionen in Deutschland haben einen erheblich hohen Anteil von Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Das ist regional natürlich sehr unterschiedlich. Parallel dazu sehen wir, dass der Anteil der freien Betten wieder am Schwinden ist. Zum Beispiel Hamburg: elf Prozent freie Intensivbetten. In Berlin sind es ähnliche Zahlen. Das sind für Großstädte, mit so vielen Menschen, natürlich Zahlen, die uns Sorge machen. Denn wir müssen die Versorgung aller Patienten im Auge behalten. Also auch die, die nicht Covid-19 haben. Wir müssen uns in den nächsten Tagen darauf einstellen, dass die Zahlen zunehmen werden. Wir sind gerüstet, aber die Belastung bleibt weiterhin sehr hoch.

Gehen Sie denn davon aus, dass man verschiebbare Operationen wieder aussetzen muss?

Wenn wir in einen kritischen Bereich eintreten, dann liegen die Pläne in einzelnen Krankenhäusern auf dem Tisch. Man hat im letzten Jahr sehr viel dazu gelernt. Es gibt da Einsatzpläne, Umorganisationspläne. Wenn man feststellen sollte, dass der Anteil der Covid-19-Patienten so stark zunimmt, wird man nicht umhinkommen, geplante Operationen zu verschieben. Das wird dann unumgänglich sein. Wann und wie das eintritt, das kann ich nicht sagen. Aber wenn wir uns auf eine 5000er/6000er Zahl hinbewegen, wird das an dem einen oder anderen Standort unausweichlich sein.

Wir sehen auch immer mehr jüngere Covid-Patienten in Krankenhäusern. Nicht nur auf Intensivstationen, aber generell in stationärer Behandlung. Was sind das für Patienten? Sind das Leute, die Risikofaktoren haben? Wie kann man sich das vorstellen?

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Auch bei jüngeren Menschen kann Covid-19 einen dramatischen Verlauf nehmen, sagt Uwe Janssens.

(Foto: ntv)

Die ganz jungen Patienten, also noch unter 30, die bringen tatsächlich einige Voraussetzungen mit. Aber es gibt auch Fälle - Einzelfälle, das muss man ganz klar sagen - die haben überhaupt keine Begleiterkrankung. Da wissen wir nicht ganz genau, wieso der Krankheitsverlauf dann doch schwerer verläuft. Wir wissen aber von vielen anderen Viruserkrankungen, die die Lunge befallen, dass jüngere Menschen durchaus auch einen etwas dramatischeren Verlauf nehmen können. Nennen wir die H1N1 oder sogar, wenn wir uns dran erinnern, die spanische Grippe, die 1918 vorwiegend sehr junge Patienten betroffen hat. Also das Alter, um es nochmal zu sagen, schützt nicht vor einem schweren Verlauf. Das ist natürlich deutlich seltener - das muss man immer noch betonen - als bei den älteren Patienten.

Sind Sie zuversichtlich, dass bald eine Wende kommen wird? Wenn jetzt sogar Armin Laschet, der jetzt eher als Lockdown-Gegner bekannt war, einen "Brücken-Lockdown" vorschlägt?

Wir haben seit Monaten darauf hingewiesen, dass wir tatsächlich einen Lockdown favorisieren. Wir haben ganz klar gesagt: Die Ausgestaltung des Lockdowns ist Sache der Politik. Wir werden sehen, inwieweit der Vorschlag von Herrn Laschet mit dem "Brücken-Lockdown" allgemeine Akzeptanz findet. Wir sind natürlich ein bisschen beunruhigt, dass es trotzdem immer noch in Deutschland Modellregionen gibt, teilweise ganze Bundesländer. Es ist nicht ganz zu verstehen, dass man das angesichts einer sehr brisanten Gesamtsituation macht - in Unkenntnis der Effektivität von Testungen. Denn da wissen wir noch nicht so ganz genau, inwieweit diese uns in einer etwas höheren Infektionsdynamik helfen und uns tatsächlich in die Lage versetzen, Menschen voreinander, also vor Infektionen zu schützen. Das sind Modellversuche. Ich will hoffen, dass die wirklich gut wissenschaftlich begleitet werden. Dass man wirklich genau nachschaut, und dass vor allem die Gesundheitsämter in die Lage versetzt werden, hier alles nachzuverfolgen. Und in einer hohen Infektionsdynamik wird es den Gesundheitsämtern schwerfallen, die Nachverfolgung so umzusetzen, wie es notwendig wäre. Darauf hat die Vorsitzende Frau Dr. Teichert immer hingewiesen.

Brauchen wir denn noch weitere Verschärfungen?

Mit den Maßnahmen, die bis jetzt getroffen worden sind, haben wir noch keinen nachhaltigen Effekt gesehen. Das werden wir in den nächsten Tagen sehen. Wir fischen im Trüben im Moment. Die Ostertage sind davon geprägt, dass die Messungen nicht übermittelt oder gar nicht vorgenommen werden. Das heißt, wir haben frühestens, schätzen wir, bis Donnerstag verlässliche Infektionszahlen, die auf das Infektionsgeschehen und die Dynamik hinweisen. Wenn das in eine gegenläufige Richtung geht - das heißt, weiter nach oben geht -, dann sind weitere Maßnahmen, nicht nur Kontaktbeschränkungen, sondern Ausgangssperren, wahrscheinlich unumgänglich. Und unser Blick nach Griechenland oder unser Blick nach Portugal zeigt, dass diese und andere sehr, sehr stringente Maßnahmen erfolgreich gewesen sind. Das müssen die Politiker entscheiden. Das können wir nicht entscheiden in der Medizin. Wir wollen aber unsere Patientinnen und Patienten schützen, das ist unsere Aufgabe. Deshalb plädieren wir, auch wenn das vielen Menschen nicht gefällt, für eine Fortführung dieser Lockdown-Maßnahmen.

Mit Uwe Janssens sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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