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Epidemiologe Timo Ulrichs "Wir sollten impfen, was das Zeug hält"

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Bisher war Impfstoff eher Mangelware in Deutschland. In den kommenden Wochen sollen jedoch viele Millionen Dosen geliefert werden.

(Foto: dpa)

Bund und Länder beraten diese Woche über den Lockdown, die Zeichen stehen auf Öffnung. Helfen soll der breite Einsatz von Schnelltests - und rasche Fortschritte beim Impfen. Der Berliner Timo Epidemiologe Ulrichs sagt ntv, dass dazu auch eine Aufweichung der Impfreihenfolge nicht unbedingt nötig sei.

ntv: Lockerungen sollen jetzt mit Schnell- und Selbsttests flankiert werden. Kann das aus Ihrer Sicht funktionieren?

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Timo Ulrichs ist Epidemiologe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Timo Ulrichs: Es könnte schon funktionieren, wenn wir genug Schnelltests zur Verfügung haben. Wenn ich öffne, soll das ja für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich sein. Bei den Selbsttests muss vorher nochmal zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass diese auch wirklich handhabbar sind für jeden Einzelnen. Wenn das funktionieren soll, müssen wir das sehr vorsichtig machen.

Also, wenn man getestet ist, könnte man einen Tag bedenkenlos shoppen, richtig?

Ja, man könnte den Einzelhandel öffnen und jeder mit einem Schnelltestergebnis vom jeweiligen Tag darf rein. Aber natürlich unter Beibehaltung sämtlicher anderer Vorsichtsmaßnahmen - also Abstand halten und Schutzmaske tragen.

Und in Schulen und Betrieben - können wöchentliche Schnelltests da auch etwas bewirken?

Besser wäre natürlich mehrmals in der Woche - so wie in Österreich. Das sollte gut organisiert werden. Das heißt, dass man es in der Institution in der Schule oder in einem Betrieb professionell durchführt, entweder nach entsprechender Schulung durch das eigene Personal oder eben durch externes Fachpersonal.

Können wir mit den Tests ein gutes Stück Normalität zurückbekommen?

Ich würde angesichts der aktuellen epidemiologischen Lage einen Öffnungsschritt nach dem anderen machen, nicht wie im Frühling letzten Jahres, als wir gleich mehrere Öffnungsschritte parallel gemacht haben. Wir sind jetzt immer noch in einer sehr labilen Lage, die Neuinfiziertenzahlen zeigen das ja. Wir sind immer noch im Winter und haben nicht die guten äußeren Bedingungen wie nach dem letzten Lockdown.

Es gibt Forderungen, die Impfreihenfolge für das Astrazeneca-Präparat zu ändern. Was sagen Sie dazu?

Aus epidemiologischer Sicht ist es absolut sinnvoll, zu impfen, was das Zeug hält. Wir sollten das, was wir haben, so schnell wie möglich in die Oberarme bekommen. Das bedeutet nötigenfalls, wenn es die priorisierten Gruppen nicht annehmen, dass man es der nächstfolgenden Gruppe gibt oder möglicherweise sogar ganz freigibt. Aber das ist, glaube ich, gar nicht erforderlich. Es gibt genug Menschen, die noch darauf warten und sich in den weiteren Priorisierungsgruppen befinden.

Sollte dann eher Astrazeneca auch für die über 65-Jährigen eingesetzt werden?

Die Daten aus Großbritannien, Schottland und anderen Ländern sprechen dafür, dass man es für alle Altersgruppen empfehlen kann. Und man sollte immer betonen, dass dieser Impfstoff wirklich gut ist und auch eine sehr gute Wirkung hat - noch besser, als es die klinischen Daten der Phase-3-Studien nahegelegt haben.

Was bedeutet es denn, wenn ein Wirkstoff zu 95 oder zu 60 Prozent wirksam ist?

Diese Prozentangaben geben den Vergleich zwischen der Placebo-Gruppe und der Gruppe der Geimpften in der Phase-3-Studie wieder: In der Placebo-Gruppe infizieren sich dann entsprechend mehr Menschen als in der Impfgruppe. Umgekehrt heißt das aber nicht, dass sich im wirklichen Leben die fehlenden Prozentpunkte bis 100 auf jeden Fall infizieren. Um die geimpften Menschen herum werden ja ganz viele Menschen auch geimpft sein. Und man muss auch noch die Wahrscheinlichkeit einberechnen, dass das Virus einen tatsächlich erwischt.

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Wie groß ist der Unterschied zwischen den mRNA-Impfstoffen und Astrazeneca?

Wir haben Daten aus Schottland vorliegen, die tatsächlich sehr gut sind. Sie zeigen, dass der Astrazeneca-Wirkstoff auch bei den Älteren sehr gut wirkt. Wir reden von einer Schutzwirkung von um die 90 Prozent. Er beruht auf einem sehr gut ausprobierten Wirkprinzip, nämlich einem Vektorvirus. Deswegen kann man ihn uneingeschränkt empfehlen.

Quelle: ntv.de, jog

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