Panorama

Polens Frauen in Not Zur Abtreibung über die Grenze

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Weil Abtreibungen in Polen nur in extremen Ausnahmefällen erlaubt sind, suchen immer mehr Frauen in Deutschland Hilfe.

(Foto: imago/photothek)

In Polen gelten sie vielen als Mörderinnen, in Deutschland finden sie Hilfe. Weil Abtreibung in ihrem Heimatland weitestgehend verboten ist, lassen immer mehr Frauen den Eingriff im Ausland vornehmen. Der Verein "Tante Barbara" unterstützt sie dabei.

Der erste Anruf war hart. Die Frau am Telefon war völlig aufgelöst. Gleich fünfmal infolge rief sie an. Alex Kowalski* wusste nicht, wie sie reagieren soll. Heute weiß sie es besser, auch wenn diese Anrufe noch immer nicht leicht für sie sind. Alex arbeitet ehrenamtlich bei "Tante Barbara", auf Polnisch Ciocia Basia. Der Berliner Verein hilft polnischen Frauen, in Deutschland abzutreiben. Was in Polen verboten ist, ist hier zwar nicht legal, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei. Die rund 15 ehrenamtlichen Helfer von "Tante Barbara" organisieren das erforderliche Beratungsgespräch, den Termin in einer Berliner Klinik und wenn nötig auch die Unterkunft. Vom Erstkontakt bis zum Schwangerschaftsabbruch vergeht ungefähr eine Woche.

Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas. Eine Schwangerschaft beenden dürfen Frauen nur dann, wenn ihr Leben unmittelbar bedroht ist, wenn sie durch eine Vergewaltigung oder Inzest schwanger geworden sind oder der Fötus schwer missgebildet oder krank ist. Wenn es nach der Regierung der rechtskonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ginge, könnten die Vorschriften noch weiter verschärft werden. Allerdings gibt es Widerstand in der Bevölkerung. Zuletzt gingen im März Zehntausende gegen ein strengeres Abtreibungsrecht auf die Straße.

"Sie denken, sie seien Mörderinnen"

Bisher wurden entsprechende Gesetze nicht verabschiedet. Doch Alex geht davon aus, dass die Abtreibungsgegner in Polen es darauf nicht beruhen lassen werden. Schon jetzt erhalte eine Frau einmalig 1000 Euro, wenn sie einen nicht überlebensfähigen Fötus austrage, erzählt Alex. Damit man das Kind danach noch taufen könne. Für polnische Verhältnisse wäre das eine Menge Geld, mehr als das durchschnittliche Monatsgehalt, das bei knapp 940 Euro Brutto liegt. Zum Vergleich: In Deutschland werden im Schnitt 3200 Euro Brutto pro Monat verdient.

Rund 86 Prozent der polnischen Bevölkerung sind katholisch. Der Einfluss der Kirche im Land ist groß. "Besonders seit den letzten Wahlen ist es extrem", findet Alex. "Die Trennung von Kirche und Staat existiert nur noch auf dem Papier. Alles ist moralisch aufgeladen, alles ist katholisch." Die katholische Kirche würde ein schärferes Abtreibungsgesetz sicherlich begrüßen. Papst Franziskus zog vor einigen Wochen jedenfalls noch Parallelen zwischen der Abtreibung behinderter Embryos und der NS-Praxis zur Vernichtung sogenannten unwerten Lebens.

Alex macht das alles sichtlich wütend. "Die Frauen stehen unter einem unfassbar großen psychischen Druck", erzählt sie. "Sie müssen die Abtreibung nicht nur organisieren und bezahlen. Sie denken, sie seien Mörderinnen." Für Alex sind sie das auf keinen Fall. Trotzdem kann sie ihnen die Bedenken nicht nehmen. Die Schuldgefühle der Frauen sitzen tief, sie lassen sich nicht einfach wegreden. "Ich sage ihnen: ‚Du denkst das nur, weil du mit diesem Gedankengut aufgewachsen bist.‘" Dann zuckt Alex die Schultern und lacht verlegen: "Man sagt so was eben und hofft, dass die Frauen es glauben."

Gegen Geld am Gesetz vorbei

Alex ist Anfang zwanzig und Studentin. Sie ist für solche Gespräche nicht ausgebildet. Auf "Tante Barbara" ist Alex vor zwei Jahren durch Zufall aufmerksam geworden. "Das war beim ersten Schwarzen Protest hier in Berlin", erinnert sie sich. Damals demonstrierten Zehntausende im In- und Ausland gegen die Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Polen. Sie hatte sich bis zu dem Zeitpunkt nicht besonders mit dem Thema beschäftigt. Aber sie interessierte sich für Feminismus und sie war in Polen aufgewachsen. "Ich dachte, aufgrund meines bilingualen Hintergrunds könnte ich da vielleicht helfen."

Das Telefon des Vereins klingelt jeden Tag. Dazu kommen ungefähr 20 E-Mails. Vor einem halben Jahr seien es noch zehn E-Mails pro Monat gewesen, erzählt Alex. "Dann ist es einfach explodiert." Wie viele Frauen tatsächlich nach Deutschland kommen, kann sie nur schwer sagen. Nächste Woche kommen zwei, manchmal werden aber auch zehn Frauen gleichzeitig betreut. Ihre Geschichten sind ganz unterschiedlich. Manche Frauen sind in sich gekehrt, andere hadern. Manche haben keinen Partner, andere wollen mit dem, den sie haben, kein Kind. Die Frauen gehören zu unterschiedlichen Altersgruppen und zu unterschiedlichen sozialen Schichten.

Einer Sache aber ist sich Alex trotzdem sicher. "Abtreibung ist eine Klassenfrage", sagt sie. "Gesetze, die darauf abzielen, Abtreibungen einzuschränken oder zu verbieten, treffen im Endeffekt nur Frauen, die es sich nicht leisten können, das Gesetz zu umgehen." Polnische Frauen weichen nicht nur nach Deutschland oder in ein anderes Nachbarland aus. Die Warschauer NGO "Bündnis für Frauen und Familienplanung" schätzt, dass 15 Prozent der Eingriffe im Ausland vorgenommen werden. Alex ist sich aber sicher, dass auch in Polen Ärzte für viel Geld illegal Abtreibungen vornehmen. Nach offiziellen Statistiken gibt es dort 1000 bis 2000 Abtreibungen im Jahr. Die Dunkelziffer liegt bei 80.000 bis 150.000.

"Mir macht das Angst"

Wer sich eine Abtreibung in Deutschland oder die Kosten für Fahrt und Unterkunft nicht leisten kann, bekommt von "Tante Barbara" Unterstützung. Alex schätzt, dass der Verein etwa der Hälfte der Frauen zumindest teilweise finanzielle Hilfe leistet. Bisher finanzierte sich der Verein durch Privatspenden und Spendenveranstaltungen, sogenannte Soli-Partys. Als immer mehr Frauen aus Polen Hilfe suchten, startete man eine Kampagne bei der Crowdfunding-Plattform GoFundMe. Das Spendenziel sind 20.000 Euro. Davon sind bisher fast 13.000 zusammengekommen. 400 Euro kostet ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland durchschnittlich. Weil nicht alle Frauen auf finanzielle Hilfe angewiesen seien, werde man mit der angestrebten Spendensumme wohl etwa ein Jahr lang auskommen, vermutet Alex.

Wenn Alex von ihrer Arbeit erzählt, tut sie das ernst und mit Nachdruck. Für sie geht es nicht um Sentimentalitäten und ethische Überlegungen. Es geht um echte Frauen in echten Notsituationen. Gerade war ein 17-jähriges Mädchen hier, erzählt Alex. Ihre Eltern waren mit dabei. Kürzlich kam eine Mutter dreier Kinder. Zwei hatte sie bei Verwandten unterbringen können, eins hatte sie auf dem Arm. Was wohl aus ihnen geworden ist? "Die meisten schreiben eine kurze Mail, wenn sie wieder zuhause sind", sagt Alex. Sie hofft, dass es ihnen gut geht. Was die junge Frau antreibt, ist jedoch die Sorge um die Zukunft. "In Polen kann man zusehen, wie alles, was die Frauenrechtsbewegung erreicht hat, zurückgedreht wird", erklärt sie. "Es ist unglaublich, was für undemokratische Sachen da gerade passieren - das ist direkt nebenan! Mir macht das Angst."

(*Name von der Redaktion geändert)

Quelle: n-tv.de