Politik

Einsparungen werden bezweifeltÄrzte und Ökonomen gegen Attestpflicht ab Tag eins

04.07.2026, 08:13 Uhr
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Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung von Tag eins an, das sehen die Pläne der Koalition vor. (Foto: picture alliance/dpa)

Die von Schwarz-Rot geplante Krankschreibung ab dem ersten Tag findet wenig Beifall: Ärzte und Experten warnen vor Chaos in Praxen, mehr Ansteckungen und sogar längeren Ausfällen – während die Regierung auf strengere Regeln setzt.

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze, hat die von der Koalition geplante Pflicht zum Arztbesuch gleich am ersten Krankheitstag kritisiert. "Das Aufsuchen einer Arztpraxis ist bei vielen Krankheitsbildern eine unnötige Belastung für alle und erhöht die Ansteckungsgefahr", sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Zudem zeigte er sich auch skeptisch bei der geplanten Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Es sei mit den geplanten Regeln zu befürchten, dass sich "künftig noch mehr Arbeitnehmende krank zur Arbeit schleppen, nicht genesen und letztendlich aufgrund langwieriger Verläufe mehr Krankheitstage aufweisen", sagte Schwartze. Er forderte die Politik auf, digitale und telemedizinische Angebote weiter auszubauen.

"Katastrophe für Praxen"

Auch der Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, warnte vor den Folgen der Regierungspläne: "Für unsere Praxen ist das eine Katastrophe", sagte er den Funke-Zeitungen. Sollten Beschäftigte künftig bereits am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigen, müssten die Praxen "mit Millionen zusätzlichen Patientinnen und Patienten rechnen". Darunter würden vor allem schwer und chronisch Kranke leiden, weil weniger Zeit für ihre Behandlung bleibe.

Die Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth nannte die geplanten Regelungen zur Krankschreibung "in dieser Form reine Symbolpolitik". "Sie werden weder den Krankheitsstand reduzieren noch Missbrauch verhindern", sagte sie der "Rheinischen Post". "Würde man wirklich das Ziel verfolgen, Missbrauch bei Krankschreibungen zu verhindern, hätte man dem Wildwuchs bei verschiedenen Videosprechstunden-Anbietern einen Riegel vorgeschoben. Da werben einzelne Anbieter teils aggressiv mit unkomplizierten und schnellen Krankschreibungen."

Bei den klassischen Hausärzten sei die telefonische Krankschreibung dagegen daran gebunden, "dass wir die Patientin oder den Patienten kennen", führte Buhlinger-Göpfarth aus. Dies sei "der beste Schutzschild" gegen Betrug. "Wir kennen unsere Pappenheimer und wir können sehr gut einschätzen, wann jemand wirklich krank ist und wann etwas anderes dahintersteckt."

Andere Gründe für viele Fehltage

Der Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt sogar davor, dass die von Union und SPD geplanten Verschärfungen den Krankenstand in Deutschland erhöhen könnten. Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag könne zu mehr Praxisbesuchen führen und Ansteckungsrisiken in Wartezimmern erhöhen. "Sollte dies dazu führen, dass Menschen trotz leichter Infekte an den Arbeitsplatz gehen, könnten Ansteckungen am Arbeitsplatz am Ende zu mehr Fehltagen führen, als wenn diese Beschäftigten einfach zu Hause geblieben wären", so Graeber.

Einen kausalen Zusammenhang zwischen den hohen Krankenständen der vergangenen Jahre und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung sieht Graeber nicht. Analysen auf Basis von Daten der Krankenkasse Barmer gäben keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen. Der Anteil der Telefon- oder Video-Krankschreibungen habe bei lediglich etwa 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen gelegen, sagte er.

Wichtiger seien andere Faktoren wie die seit Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) vollständigere Erfassung von Krankmeldungen, starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen. So hätten 2024 Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausgemacht hätten. Häufig gehe es dabei um Muskel-Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Hier würde gesundheitliche Prävention mehr helfen, so Graeber.

Die Spitzen der schwarz-roten Bundesregierung hatten sich am Mittwochabend beim Koalitionsausschuss auf tiefgreifende Änderungen bei der Krankschreibung geeinigt. So soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Zudem soll künftig ab dem ersten Tag der Erkrankung die verpflichtende Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gesetzlich vorgeschrieben werden. Die genaue Ausgestaltung dabei ist aber noch offen.

Quelle: ntv.de, sba/AFP/dpa

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