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Große Ratsversammlung gestartet Afghanen suchen Wege aus dem Krieg

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Vertreter aus allen 34 Provinzen Afghanistans sitzen vier Tage zusammen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit mehr als 17 Jahren herrscht in Afghanistan Krieg. An ein baldiges Ende der Kämpfe zwischen Taliban und Regierungskräften ist nicht zu denken. Doch Letztere versuchen nun einen Friedensprozess einzuleiten - mit einer riesigen Versammlung.

Mit großen Emotionen hat die Große Ratsversammlung in der afghanischen Hauptstadt Kabul begonnen. Rund 3200 Stammesälteste, geistliche Führer und kommunale Delegierte aus allen 34 Provinzen des Landes am Hindukusch beraten vier Tage lang über Wege zu einem Ende des Krieges mit den radikalislamischen Taliban. Sie wollen einen Weg zu Friedensgesprächen und die roten Linien für mögliche Verhandlungen mit den Aufständischen bestimmen, die ihr Einflussgebiet wieder stark ausgeweitet haben.

Seit Sommer des Vorjahres führen die Taliban mit den USA direkte Gespräche über eine politische Beilegung der mehr als 17 Jahre dauernden Kämpfe. Präsident Donald Trump will den längsten Krieg der USA beenden. Er begann Ende 2001 wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September in New York, als von den USA unterstützte Streitkräfte die damals herrschenden und mit den Al-Kaida-Islamisten verbündeten Taliban stürzten. Trump will für einen Abzug der US-Truppen von den Taliban eine Garantie, dass Afghanistan nicht wieder ein Unterschlupf für Extremisten wird, die weltweit Anschläge verüben.

Allerdings weigern sich die Taliban, mit der Regierung zu verhandeln, die sie als ausländische Marionette bezeichnen. Sie lehnten auch die Einladung von Präsident Aschraf Ghani zur Teilnahme an der Loja Dschirga ab und riefen zu einem Boykott der Versammlung auf. Die USA-Taliban-Gespräche sollen aber schlussendlich innerafghanische Gespräche in die Wege leiten.

Zu Beginn der Dschirga wurde ein Video abgespielt, das Szenen des Krieges, trauernde Eltern und Begräbnisse zeigte, aber auch Demonstrationen für Frieden und Szenen des kurzzeitigen Waffenstillstands im Vorjahr, als sich Taliban und Soldaten umarmten. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sich Dutzende Delegierte der Dschirga, Männer wie Frauen, Tränen aus den Augen und von ihren Wangen wischten.

Taliban-Gegner sind sich nicht einig

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Eine Delegierte nutzte den Banner, auf dem in Persisch "Gute Konsultation, Frieden mit Würde" steht, als Selfie-Hintergrund.

(Foto: picture alliance/dpa)

Loja Dschirgas werden in Afghanistan einberufen, wenn große nationale Fragen geklärt werden sollen. Seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 wurden fünf Große Ratsversammlungen abgehalten, zuletzt 2013 zur Frage, ob ein Sicherheitsabkommen mit den USA unterzeichnet werden soll. Ergebnisse einer beratenden Loja Dschirga sind für den Präsidenten nicht bindend.

Präsident Ghani forderte zur Eröffnung der Dschirga die Teilnehmer auf, Einzelinteressen hintanzustellen und eine klare Botschaft der Einheit zu finden. "Das Geheimnis unserer erfolgreichen Zukunft liegt in unserer Einheit, nicht in der Spaltung", sagte Ghani. Bisher herrscht bei den Taliban-Gegnern in der Regierung, Opposition und Zivilgesellschaft Uneinigkeit über den Weg zum Frieden mit den Taliban. Das betrifft auch grundsätzliche Verhandlungspositionen, sollten die Taliban Verfassungsänderungen fordern, die Gerichtsbarkeit ändern oder Frauen weniger Rechte einräumen wollen.

Mit der Loja Dschirga wolle man einen nationalen Konsens schaffen und sicherstellen, dass sich alle Ethnien und gesellschaftlichen Schichten einbezogen fühlten, hieß es vor der Veranstaltung. Allerdings boykottierten mehrere namhafte Politiker und Präsidentschaftskandidaten die Dschirga, darunter der Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Sie fühlen sich bei der Vorbereitung ausgeschlossen oder kritisieren die Veranstaltung als Zeit- und Geldverschwendung, die nur dem Wahlkampf von Ghani diene.

"Show der Handlanger der USA"

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Kritiker werfen Präsident Ghani, der eine Rede hielt, vor, die Versammlung für den Wahlkampf zu nutzen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Präsident stellt sich im September seiner Wiederwahl. Während Ghanis Ansprache waren immer wieder emotionale Zwischenrufe zu hören. Ein Delegierter rief dazu auf, die zivilen Opfer des Krieges zu beachten und zu würdigen. Vergangene Woche hieß es in einem UN-Bericht, dass in den ersten drei Monaten des Jahres die Regierung und ihre Verbündeten für mehr zivile Todesopfer verantwortlich waren, als die Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ghani antwortete, dass er sich der zivilen Opfer dieses "brutalen Krieges" bewusst sei.

Die Taliban lehnten die Loja Dschirga als "Show der Handlanger der USA" in Afghanistan ab. Der Dschirga-Cheforganisator, Mohammed Omar Daudsai, dankte ihnen aber, dass sie den Teilnehmern erlaubt hätten, nach Kabul zu reisen. Weite Landstriche werden von den Taliban kontrolliert oder sind umkämpft. Für Vertreter der Regierung sind Reisen über Land daher oft schwierig und mit großen Gefahren verbunden.

Die Loja Dschirga wird von massiven Sicherheitsvorkehrungen begleitet. In Kabul wurden Dutzende zusätzliche Kontrollposten und Straßensperren errichtet, Lastwagen dürfen bis zum Ende der Dschirga nicht in die Stadt. Frühere Große Ratsversammlungen waren mit Raketen angegriffen worden. Für die gesamte Dauer der Dschirga wurden Feiertage angesetzt.

Quelle: n-tv.de, fzö/dpa/rts

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