Politik

Corona ist mit Wucht zurück Alles wieder auf Anfang?

136225914.jpg

Die Zahl der Patienten, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen, steigt in Deutschland schnell.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt wieder rapide. Die zweite Welle ist da. Doch die Pandemie scheint sich verändert zu haben. Und die Politik reagiert anders als im Frühjahr. Doch ist das gut?

Die Lage ist drastisch. In den vergangenen Tagen wurden wieder Corona-Rekorde gebrochen. In Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten ist die Pandemie zurück auf Platz eins der Tagesordnung. In Bezug auf die Neuinfektionen übertrifft sie vielerorts das Geschehen vom Beginn der Seuche deutlich. Wovor Virologen und viele Politiker gewarnt haben, scheint sich zu bewahrheiten: Die zweite Welle wird heftig. Die Politik zieht die "Zügel", wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder das mal nannte, wieder an. Doch anders als bei der ersten Welle im Frühjahr reagiert die Exekutive anders. Und auch medizinisch hat sich die Lage im Vergleich zum Frühjahr verändert.

Denn auch wenn die Zahlen hierzulande wieder rapide steigen, scheint die Pandemie weniger gefährlich zu sein. Die Neuinfektionen sind zwar längst wieder auf dem Niveau vom Beginn der Corona-Krise angekommen. Mehr als 4000 neue Fälle pro Tag - so viel waren es zuletzt Anfang April. Doch die Zahl der Toten bleibt weit dahinter zurück. Der 7-Tages-Durchschnitt bei den Neuinfektionen liegt bei rund 2700 Infektionen pro Tag, so hoch wie zuletzt Mitte April. Damals registrierten die Behörden teilweise mehr als 300 Tote pro Tag. Aktuell liegt diese Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich. Mitte April starben Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge etwa sieben Prozent derjenigen, deren Coronatest-Ergebnis positiv war. Heute liegt dieser Anteil bei weniger als einem Prozent. Etwas in der zweiten Welle scheint anders zu laufen.

*Datenschutz

Dass es der Erreger ist, der sich grundlegend verändert hat, glauben mehrere Virologen allerdings nicht. "Prozesse, dass ein bestimmter Virustyp einen anderen weltweit ersetzt, dauern häufig Jahre", sagte bereits vor einiger Zeit der Virologe der Essener Uni-Klinik, Ulf Dittmer. Auch der Chef-Virologe an der Berliner Charité, Christian Drosten, schrieb schon vor zwei Wochen, es sei "unwahrscheinlich, dass sich das Virus verändert hat und weniger gefährlich geworden ist". Einerseits führe eine andere Teststrategie zu der sich verändernden Statistik. Zudem infizierten sich derzeit mehr junge Menschen. Erlangt der Virus also wieder seine Tödlichkeit aus dem Frühjahr?

Sterblichkeit sinkt auch bei älteren Patienten

In Israel stiegen die Infektionszahlen bereits ab Ende Juni wieder. Anfang September schien die Lage dann außer Kontrolle zu geraten. Teilweise mehr als 10.000 neue Infektionen meldeten die Behörden des kleinen Staates mit gerade einmal rund sieben Millionen Einwohnern an manchen Tagen. Wenig später starben auch wieder mehr Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 - mehr als jemals zuvor im Pandemieverlauf. Relativ jedoch ist die Tödlichkeit der Erkrankung nach Daten der Johns-Hopkins-Universität auch in Israel beständig gesunken: von mehr als 13 Prozent Ende März auf aktuell weniger als 0,9 Prozent. In Großbritannien, Spanien und Frankreich spielt sich ähnliches ab. Die Infektionszahlen steigen wieder. Doch die Zahl derer, die an Covid-19 sterben wächst deutlich langsamer. In Tschechien stellt das Infektionsgeschehen der zweiten Welle alles bisher Dagewesene in den Schatten. Mehr als 5000 neue Fälle meldet das Land pro Tag. Das ist fast 20 Mal so viel wie während der ersten Welle. Die Zahl der Toten ist jedoch nicht annähernd so stark gestiegen und hat sich zwischen der ersten und der zweiten Welle "nur" etwa vervierfacht.

Vieles spricht dafür, dass Corona auch in Deutschland wieder mehr Opfer fordern wird. Die Zahl der Patienten, die intensivmedizinisch betreut oder beatmet werden müssen, ist in den vergangenen Wochen stark gestiegen - wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Es ist nicht gesetzt, dass Covid-19 wieder so gefährlich wird wie im Frühjahr. So deuten etwa die Statistiken darauf hin, dass auch ältere Menschen inzwischen seltener an den Folgen einer Corona-Infektion sterben. "Ihre Sterblichkeit ist deutlich höher als die der jüngeren, aber sie ist von anfangs 30 Prozent auf zehn Prozent bei den neuesten Daten gefallen," sagte vergangene Woche der Statistiker Jason Oke von der Oxford Universität dem Deutschlandfunk. Oke hat immer wieder die Sterblichkeitsstatistiken in Deutschland untersucht.

Woran liegt das, wenn sich der Virus nicht grundlegend verändert hat? Das ist unklar. Ein Grund dürfte sein, dass Ärzte inzwischen besser mit dem Virus umgehen können. Während Mediziner bei Ausbruch der Pandemie nicht wussten, welche Medikamente und Behandlungsmethoden helfen, hat sich das geändert. Die Infektiologin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt sagte im Deutschlandfunk, "die klinische Erfahrung, die die Ärzte gewonnen haben", sei dabei entscheidend. Den meisten Ärzten sei - im Gegensatz zum Frühling - etwa klar, dass Covid-19 keine reine Lungenkrankheit ist - weshalb frühzeitig auch Herz, Niere oder Blutgerinnung beobachtet würden. Und insgesamt sei das medizinische Personal gelassener geworden, auch, weil es genug Schutzausrüstung gibt.

Ein gelassenerer Umgang mit einer Krankheit, die allem Anschein nach an Gefährlichkeit einbüßt - gilt das auch für die Entscheider im Land? Wie hat sich der Umgang der Politik mit der Pandemie verändert?

Als die täglichen Neuinfektionen zum ersten Mal an der Marke von drei-, vier- oder fünftausend pro Tag kratzten, reagierte die Politik mit Wucht. Anfang April waren die Straßen leer, viele Geschäfte geschlossen, Restaurants dicht, viele Betriebe stellten die Arbeit ein. Der Shutdown, der im Wesentlichen von Ende März bis Ende April andauerte, verursachte einen gewaltigen wirtschaftlichen Schaden. Das ifo-Institut kalkuliert Kosten von 165 bis 265 Milliarden Euro für nur einen Monat, in dem die Wirtschaft derart heruntergefahren ist. Das Bruttoinlandsprodukt brach im zweiten Quartal des Jahres um mehr als 10 Prozent ein - der höchste jemals gemessene Rückgang. Um mehr als 300 Milliarden Euro haben sich Bund und Länder verschuldet, um die Folgen der Pandemie abzufedern. Die Corona-Politik der ersten Stunde war Chefsache. Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich verkündete die Maßnahmen, die das Land wie ein Hammer traf. Für den gewaltigen Preis bekam die Bundesrepublik einen Pandemieverlauf, der im internationalen Vergleich deutlich milder war - bisher.

Maßnahmen, die nur wenige verstehen

Statt mit einem zentralistischen Hammer wird die Pandemie hierzulande inzwischen mit einem föderalen Tanz bekämpft. Vor allem die Länder entscheiden, welche Maßnahmen sie einsetzen. Beschränkungen des öffentlichen Lebens, Kita- und Schulschließungen werden teils auf Landkreisebene beschlossen. Kanzlerin Merkel spricht nicht nur mit den Länderchefs, sondern auch mit Bürgermeistern. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist, einen zweiten Lockdown zu verhindern. Aber wird das funktionieren? Eine Frage, die sich momentan stellt, ist die nach der Ursache der wieder rasant steigenden Zahlen. Ist es die kalte Jahreszeit, die allmählich übers Land zieht? Viele Virologen hatten im Frühjahr gewarnt, dass die Zahlen im Herbst wieder steigen werden. Oder waren es lockere, föderale Regeln, die vielleicht zu früh den "harten" Lockdown abgelöst haben?

Umfragen zufolge genießt die Regierung bei ihrem Handeln noch großes Vertrauen. Dem aktuellen ZDF-Politbarometer zufolge halten nur 12 Prozent der Deutschen die Corona-Maßnahmen für übertrieben. Fast 90 Prozent halten sie für angemessen oder sogar zu milde. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv zeigt allerdings auch, dass einzelne Regeln durchaus umstritten sind. Auf das innerdeutsche Beherbergungsverbot für Reisende aus Risikogebieten angesprochen, sagten etwa 68 Prozent der Befragten, dass sie die Regelung nicht verstehen. Das ist insofern bemerkenswert, als das Beherbungsverbot seit längerer Zeit die erste Corona-Maßnahme ist, die fast bundeseinheitlich beschlossen wurde. Nur wenige Bundesländer wollen sie nur teilweise oder, wie Thüringen, gar nicht umsetzen.

In der Politik geht die Befürchtung um, dass die Regierung ihr gutes Ansehen mit derartigen Regeln verspielen könnte. "Die Exekutive genießt derzeit hohes Vertrauen. Meine größte Sorge ist, dass dieses Vertrauen bröckelt, wenn die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zunehmend in Frage gestellt wird", sagt etwa CDU-Mittelstandschef Carsten Linnemann ntv.de. Beim Beherbergungsverbot sei "ein Punkt erreicht, wo überzogen wird". Der Unionspolitiker glaubt, es sei extrem wichtig, dass die Menschen das Vertrauen in die Regierung behalten. "Geht das verloren, wächst indirekt auch die Gefahr, die von der Pandemie ausgeht", warnt er.

Insgesamt steht das Land vor einer schwierigen Gemengelage. Viele Menschen scheinen sich an den vergleichsweise lockeren Flickenteppich aus föderalen Regeln gewöhnt zu haben. Die Akzeptanz für neue bundesweite Regeln oder einen erneuten Lockdown ist jedoch gering. Fraglich ist aber, ob die explodierenden Fallzahlen ohne derartige Regeln in den Griff zu bekommen sind. Gleichzeitig könnte der Umstand, dass das Virus scheinbar an Gefährlichkeit einbüßt, die Akzeptanz für die Einschränkungen untergraben. Die Gefahr besteht, dass sich die Gesellschaft in einer trügerischen Sicherheit wähnt.

Quelle: ntv.de