Politik

Stalins Winteroffensive 1945 Als die deutsche Front im Osten kollabierte

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Sowjetische Soldaten in einem Vorort von Königsberg.

(Foto: imago stock&people)

Mit einer riesigen Streitmacht startet die Rote Armee Anfang 1945 ihre lange geplante Offensive an der Weichsel. Bereits zwei Tage später bricht die deutsche Verteidigung zusammen. Erst an der Oder kommt der Angriff der sowjetischen Truppen zum Stehen - vorerst.

Nach mehrstündigem, schwerem Artilleriefeuer rollen in den Vormittagsstunden des 12. Januar 1945 die Panzertruppen der Roten Armee zum Angriff: Aus dem Brückenkopf Baranow an der oberen Weichsel südlich von Warschau heraus beginnen Zehntausende Soldaten der 1. Ukrainischen Front unter dem Kommando von Sowjet-Marschall Iwan Konew mit der kriegsbeendenden Großoffensive gegen Hitler-Deutschland.

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Bereits zwei Tage nach Beginn der Offensive verzeichnet die Rote Armee große Geländegewinne.

(Foto: imago stock&people)

Die Reichsführung in Berlin lässt sich von dem Angriff überrumpeln - unnötigerweise. Der Militärgeheimdienst Fremde Heere Ost von General Reinhard Gehlen meldet schon seit Wochen die Konzentration von Panzern, Artillerie und Truppen entlang der Ostfront, der Generalstab fordert eindringlich Verstärkungen. Vergebens. Hitler weigert sich energisch, auf Berichte über den massiven sowjetischen Aufmarsch zu reagieren. Er lässt die Truppen an der Westfront, obwohl die Ardennenoffensive von Mitte Dezember gegen die Alliierten bei seinen eigenen Militärs als gescheitert gilt. Für diesen Vorstoß, das letzte militärische Aufbäumen des Nazi-Reiches, hatte Hitler die Ausdünnung der östlichen Verteidigungslinien befohlen. Das rächt sich nun.

Entlang der Front von der Ostsee bis zu den Karpaten stehen an jenem Januarfreitag allein im Mittelabschnitt an der Weichsel 2,2 Millionen Sowjetsoldaten mit 32.000 Geschützen und rund 5000 Panzern. Ihre Luftwaffe beherrscht den Himmel. Die Übermacht ist erdrückend. Allein bei der Infanterie kommen in einigen Gebieten elf sowjetische Soldaten auf einen deutschen Verteidiger. Insgesamt stehen in der Roten Armee rund 5,3 Millionen Mann unter Waffen, im Deutschen Reich knapp 2 Millionen - verteilt auf mehrere Fronten.

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Georgi Schukow, Marschall der Roten Armee

Der Gegner hielt dem Angriff unserer Aufklärungsbataillone nicht stand ... Wir eröffneten daraufhin stärkeres Feuer der ganzen Artillerie und setzten die Luftwaffe ein. Dann begannen unsere Armeen den Angriff mit allen Kräften.

(Foto: picture alliance / dpa/dpa)

Der sowjetische Generalstab hat die Offensive seit Monaten vorbereitet, nachdem die Truppen im vorangegangenen Sommer bis zur Weichsel vorgedrungen waren und den Brückenkopf Baranow auf westlichem Ufer errichtet hatten. Die Befehlshaber der Roten Armee wollen eigentlich erst später losschlagen, doch der britische Premierminister Winston Churchill bittet Sowjetmachthaber Josef Stalin nach dem deutschen Angriff in den Ardennen um eine militärische Entlastung im Osten.

Es soll mehr als eine Entlastung werden. Einen Tag nach Beginn der Offensive Konews mit Zielrichtung auf das schlesische Industriegebiet setzt sich auch die 3. Weißrussische Front in Richtung Königsberg in Marsch. Am 14. Januar tritt die 1. Weißrussische Front unter Marschall Georgi Schukow zum Angriff an, um Berlin zu erobern. Am selben Tag marschieren die Truppen der 2. Weißrussischen Front in Richtung Danzig.

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(Foto: imago stock&people)

Schukow schreibt später in seinen Memoiren: "Der Gegner hielt dem Angriff unserer Aufklärungsbataillone nicht stand ... Wir eröffneten daraufhin stärkeres Feuer der ganzen Artillerie und setzten die Luftwaffe ein. Dann begannen unsere Armeen den Angriff mit allen Kräften."

In nur zwei Tagen dringt die Rote Armee auf frosthartem Boden auf 70 Kilometer Breite rund 40 Kilometer tief in die deutschen Verteidigungslinien ein, am 15. Januar gibt es im Mittelabschnitt keine zusammenhängende deutsche Front mehr. Ebenso schnell wie die Armeen Hitlers im "Blitzkrieg" 1939 in Polen voranmarschiert waren, rollt jetzt die sowjetische Angriffswalze nach Westen.

Nach einer Woche ist die Rote Armee bereits 160 Kilometer durchgebrochen. Warschau fällt am 18. Januar, am 20. Januar stehen die Vorhuten an der Oder, wenige Tage später beginnt der Kampf um das für die deutsche Rüstung lebenswichtige Industrierevier Oberschlesien. Ende Januar beziffern die Sowjets die deutschen Verluste mit 295.000 Toten und 86.000 Gefangenen. An Material haben die Verteidiger danach fast 3000 Panzer, 552 Flugzeuge, 15.000 Geschütze und 34.000 Fahrzeuge verloren.

Die Offensive aber treibt auch Heere verzweifelter Flüchtlinge vor sich her. Aus Ostpreußen und Schlesien fliehen Hunderttausende Zivilisten in eisiger Kälte - die Temperaturen sinken auf bis zu 30 Grad unter null - in schier endlosen Trecks nach Westen. Es herrscht Schrecken, Panik und Chaos. Denn die Soldaten der Roten Armee zeigen wenig Mitleid mit den verhassten Deutschen und rächen sich für den Vernichtungskrieg, die diese in der Sowjetunion geführt hatten. Die Vergeltung steigert sich häufig zu blindem Wüten, das auch weitsichtige Offiziere kaum stoppen können.

Als die Rote Armee Ende Januar in ihrer Offensive eine Atempause einlegt, hat sie unveränderliche Tatsachen geschaffen. Polen ist besetzt, Ostpreußen bis auf das Gebiet um Königsberg erobert, in Polen östlich der Weichsel verstärken die Sowjets ihre Positionen, in Schlesien bauen sie massive Brückenköpfe aus. Die politische und militärische Führung des Dritten Reiches liegt bereits in Agonie, drei Monate noch soll das Sterben dauern. Die letzte Radio-Ansprache Hitlers am 30. Januar zeigt den Wahnsinn seiner Diktatur. Der "Führer" prophezeit ernsthaft den "Endsieg" durch den Einsatz von "Wunderwaffen".

Quelle: ntv.de, jpe/dpa

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