Politik

Die neue grüne Stärke An Al-Wazir führt kaum ein Weg vorbei

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Tarek Al-Wazir im Gespräch mit potenziellen Wählern.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Tarek Al-Wazir ist der beliebteste Politiker Hessens. Bei der Wahl am Sonntag könnten Hessens Grüne auch noch zweitstärkste Kraft werden. Bleibt er Juniorpartner in einem Bündnis mit der CDU? Oder wird er gar Ministerpräsident?

Die Diagnose "Ausschließeritis" habe er zuerst gestellt. Darauf verweist Tarek Al-Wazir immer wieder. 2008 war das. In Hessen führte die "Krankheit", die Politiker befällt, zu einer Totalblockade. Nachdem die Union ihre absolute Mehrheit verloren hatte, stand jede rechnerisch mögliche Koalition im Widerspruch zu den Aussagen der Parteien im Wahlkampf. Die Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti ließ es letztlich darauf ankommen. Sie wagte eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Duldung der Linken, obwohl sie eine solche Kooperation vorher ausgeschlossen hatte. Genossen warfen ihr Wortbruch vor, sie scheiterte an der eigenen Fraktion.

Es versteht sich von selbst, dass der selbsternannte Entdecker der "Ausschließeritis", Al-Wazir, dem Leiden nicht selbst anheimfallen will. Kurz vor der jüngsten Wahl in Hessen will er sich deshalb nicht auf mögliche Koalitionen festlegen. "Ich lass mich nicht verrückt machen von Umfragen", sagte Al-Wazir im Interview mit n-tv.de. Er werde das Wahlergebnis abwarten und dann sehen, was rechnerisch möglich und in der Sache sinnvoll ist.

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Al-Wazir tut wahrscheinlich gut daran. Der Blick auf die Umfragewerte in Hessen zeigt: Ein halbes Dutzend Koalitionsoptionen sind realistisch. Al-Wazir kommt in zwei dieser Optionen als Ministerpräsident infrage. Doch es ist knapp. Würde er sich voreilig festlegen, stünde er sich am Ende womöglich selbst im Weg, zumindest aber der Regierungsbildung.

Mit einer einigermaßen sicheren Mehrheit kann mit Blick auf die Umfragen derzeit nur eine Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP rechnen (siehe Infografik). Doch es reichen bereits leichte Verschiebungen am Wahltag und möglich wären plötzlich auch eine Fortsetzung von Schwarz-Grün, eine hessische Variante der Großen Koalition oder Dreier-Bündnisse wie Grün-Rot-Gelb oder Grün-Rot-Rot. Liegen die Grünen knapp vor der SPD, könnte die alte Ökopartei sogar den Ministerpräsidenten stellen. Al-Wazir wäre nach Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg dann der zweite Grüne in diesem Amt. Eine große Versuchung.

Auch wenn er sich nicht dazu hinreißen lässt, Ansprüche auf Posten zu erheben, lässt Al-Wazir bewusst genügend Spielraum, um die Phantasie zu beflügeln. "Ich fürchte mich nicht, vor Erfolg schon gar nicht", sagte er im Interview. Dass Al-Wazir das Zeug zum Ministerpräsidenten hat, daran gibt es wenig Zweifel. Al-Wazir ist Politikprofi durch und durch. Seine Biografie eignet sich überdies bestens zur Profilierung.

Als Student in den Landtag

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Al Wazir kam 1971 im hessischen Offenbach als Sohn einer friedensbewegten deutschen Lehrerin und eines Diplomaten aus dem Jemen zur Welt. Die Eltern trennten sich, als Al-Wazir noch ein Junge war. Das Verhältnis zum neuen Mann der Mutter war schwierig. Als 14-Jähriger zog Al-Wazir für zwei Jahre zu seinem leiblichen Vater in den Jemen. Dort, auf einer internationalen Schule, lernte er auch seine spätere Frau kennen, mit der er mittlerweile zwei Kinder hat. Im Jemen fühlte er sich allerdings nie wirklich zuhause. Al-Wazir kehrte zurück.

Wieder in Deutschland, startete er früh in der Politik durch. Kurz nach dem Abitur wurde er Vorsitzender der Grünen Jugend in Hessen. Noch während seines Politikstudiums zog er im Alter von 24 Jahren in den Landtag ein. Schon mit 29 Jahren wählten die grünen Abgeordneten ihn zum Fraktionschef.

Al-Wazir ist bekannt dafür, dass er dem früheren Ministerpräsidenten Roland Koch den Handschlag verweigerte, weil dieser seiner Meinung nach mit Rassismus beim Wähler zu punkten versuchte. Die CDU ließ 2008 mit dem Slogan plakatieren: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen".

Al-Wazir gilt auch als angriffslustiger, scharfzüngiger Redner. Im grünen Spektrum steht er aber keineswegs links, sondern wird klar dem realpolitischen Flügel zugerechnet. 2013 war er denn auch bereit, selbst im bis dahin heftig polarisierten Hessen eine Schwarz-Grüne Koalition mit dem Christdemokraten Volker Bouffier als Ministerpräsidenten zusammenzuzimmern. Dem Bündnis wurde nachgesagt, es sei zum Scheitern verurteilt. Doch es kam anders. Die Koalition regierte fünf Jahre lang ruhig und unauffällig durch. Die Erfolge dieser Koalition rechneten die Wähler offensichtlich vor allem Al-Wazir an. Er ist mittlerweile der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes. Die CDU stürzte in Umfragen unterdessen um rund 10 Prozentpunkte ab. Was allerdings viele, auch Al-Wazir, dem Krach der Großen Koalition im Bund zuschreiben.

Liberale wollen Al-Wazir nicht wählen

Selbst wenn es das Wahlergebnis zulassen würde, ist aber noch lange nicht sicher, dass Al-Wazir dann auch Ministerpräsident wird. Denn es reicht nicht, dass Al-Wazir immun gegen Ausschließeritis ist. Die Liberalen in Hessen legen die alte Rote-Socken-Kampagne neu auf, und versuchen damit, Al-Wazir und seine Grünen unter Druck zu setzen. Dafür sind sie auch bereit, das zu tun, was Al-Wazir um jeden Preis verhindert. FDP-Chef Christian Lindner sagte "Spiegel Online": "Meine hessischen Freunde haben gesagt, dass sie den Grünen Tarek Al-Wazir nicht zum Ministerpräsidenten wählen." Lindner warnte in dem Interview vor einem "Linksruck" in Hessen. Ganz so drastisch äußerte sich der Spitzenkandidat der hessischen FDP, René Rock, nicht. Aber auch er machte keinen Hehl daraus, wie problematisch er einen Ministerpräsidenten Al-Wazir fände: "Uns geht es um Inhalte. Von denen wäre Tarek Al-Wazir als Ministerpräsident weit entfernt."

Al-Wazir könnte durch das Nein der FDP in die Situation geraten, in der er sich entscheiden muss für ein Bündnis mit der CDU (Schwarz-Grün oder Jamaika) oder für eine eher linke Koalition (Grün-Rot-Rot oder Rot-Grün-Rot). Aus Hessen ist zu hören, dass Al-Wazir eine Fortsetzung der Koalition mit der CDU bevorzugt, weil ihm die Linke zu unzuverlässig erscheint. Er selbst sagt das so deutlich selbstverständlich nicht. Als Ziel erklärt Al-Wazir: Die Grünen sollten so stark werden, dass an ihnen niemand vorbei kommt. So wie es aussieht, dürfte ihm das gelingen.

Quelle: n-tv.de

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