Politik

Das vergessene Krisengebiet Anschlagsserie erschüttert Afghanistan

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Taliban-Kämpfer bewachen am Fest des Fastenbrechens eine Moschee in Kabul

(Foto: AP)

Im Schatten des Kriegs in der Ukraine erlebt Afghanistan eine Serie tödlicher Terroranschläge mit vielen Opfern. Von den regierenden Taliban kommen erstaunlich wenige Reaktionen. Wer steckt hinter den Morden?

Fast sah es so aus, als verlaufe der Fastenmonat Ramadan in diesem Jahr in Afghanistan deutlich friedlicher als in den Jahren zuvor. Doch am 19. April ist die Hoffnung dahin: Zunächst wird der mehrheitlich schiitische Kabuler Stadtteil Dascht-e-Barchi von drei Explosionen in Schulen erschüttert, mindestens 25 Menschen sterben.

Zwei Tage später, am 21. April, explodieren im nordafghanischen Masar-i-Sharif in zwei Minibussen Sprengsätze, mindestens neun Menschen sterben. Am selben Tag explodiert ebenfalls in Masar-i-Sharif in einer schiitischen Moschee ein weiterer Sprengsatz, mindestens zwölf Menschen sterben.

Ebenfalls am 21. April explodieren sowohl in Kabul als auch im nordafghanischen Kundus Sprengsätze. Die Bombe in Kabul war auf dem Mittelstreifen einer Straße im vorwiegend von Schiiten bewohnten Stadtteil Dascht-e-Barchi deponiert, in Kundus war sie an einem Fahrrad befestigt. Der Anschlag galt wohl einem Fahrzeug, auf dem Taliban-Kämpfer saßen. Bei beiden Anschlägen gibt es ebenfalls zahlreiche Tote.

Einen Tag später, am 22. April, kommt es in einer sufistischen Moschee nördlich von Kundus zu einem Bombenangriff während des Freitagsgebets. Mindestens 36 Anhänger dieser religiösen Minderheit sterben, Dutzende weitere werden verletzt.

Den vorläufigen Höhepunkt erreicht die Anschlagsserie am vergangenen Freitag, dem 29. April, in Kabul. Wieder kommt es während des Freitagsgebets zu einem Anschlag in einer Moschee. Offensichtlich hat er auch hier der religiösen Minderheit der Sufisten gegolten. Auch hier sterben viele Menschen.

Wer steckt hinter den Anschlägen?

Zu einigen der Anschläge, zum Beispiel den beiden Angriffen auf Moscheen in Masar-i-Sharif und Kundus, bekannte sich der afghanische Ableger des "Islamischen Staats". Für andere, beispielsweise den Angriff auf die Schulen in Kabul, übernahm bisher niemand die Verantwortung.

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat mit verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen. Bei den Anschlägen der vergangenen Wochen fällt auf, dass die religiösen Minderheiten, vor allem die Ethnie der Hazara, überproportional betroffen waren. Die Hazara sind die drittgrößte Volksgruppe in Afghanistan, gehören jedoch anders als die paschtunisch-tadschikische Mehrheit nicht dem sunnitischen Glauben an, sondern sind Schiiten. Im Straßenbild fallen sie auf: In Hazara-Wohngebieten sind erkennbar mehr Frauen unterwegs, die Kopftücher sitzen deutlich lockerer.

Auch bei den Frauen, die aktuell noch für mehr Rechte auf die Straße gehen, handelt es sich fast ausschließlich um Mitglieder dieser Ethnie. Allein wegen dieser im Verhältnis sehr liberalen Weltanschauung sind die Hazara den radikalen Islamisten ein Dorn im Auge. Außerdem gelten Schiiten für die sunnitischen Extremisten des "Islamischen Staats" - aber auch für viele Vertreter der sunnitischen Taliban - generell als Glaubensabweichler und werden seit vielen Jahren bekämpft. Man sieht in ihnen Abtrünnige des wahren Glaubens.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Vertreter der Taliban-Regierung kaum mehr als ein paar Worte des Bedauerns über die sozialen Medien zum Ausdruck brachten. Groß angelegte Ermittlungen zu den Hintermännern der Anschläge sind bisher nicht bekannt geworden. Gefasst wurde niemand. Fast erweckt es den Anschein, als ob die Taliban die Morde an religiösen Minderheiten wohlwollend behandeln - oder zumindest billigend in Kauf nehmen.

Quelle: ntv.de

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