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Sturm auf das Kapitol Donald Trump wusste alles

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Als ein bewaffneter Mob das Parlament in Washington stürmt, um dafür zu sorgen, dass Donald Trump Präsident bleiben kann, ist dieser nicht etwa entsetzt über seine Anhänger. Im Gegenteil. Er wollte zu ihnen. Die Aussage von Cassidy Hutchinson belastet den Ex-Präsidenten schwer.

Diese Anhörung kam überraschend, und sie war Sprengstoff. Mit nur etwas mehr als 24 Stunden Vorlauf hatte der Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses, der den Kapitolsturm vom 6. Januar 2021 aufarbeitet, eine Sondersitzung einberufen. Wer dort aussagen würde, blieb zunächst geheim. Als die Anhörung vorbei war, gab es auf den Fluren des Kapitols in Washington unter den Reportern nur noch Stimmen, die sagten: Jetzt müssen sie Donald Trump anklagen.

Die Zeugin: Cassidy Hutchinson. Einen großen Namen hatte die 25-Jährige bisher nicht in Washington - seit gestern kennt man sie überall in den USA. Als sie den Anhörungsraum betritt, beenden die Journalisten den Smalltalk, die Kameras klicken im Sekundentakt. Hutchinson geht zu ihrem Stuhl, ohne überflüssige Blicke nach links oder rechts. Sollte ihr Herz vor Aufregung schneller schlagen, man sieht es ihr nicht an. Sie wirkt gefasst und vorbereitet. Mit souveräner Stimme sagt sie aus, was die politische Welt in Washington zum Beben bringt.

Cassidy Hutchinson war damals Mitarbeiterin von Mark Meadows, Trumps letztem Stabschef im Weißen Haus. Ihr Büro lag nur wenige Meter vom Oval Office entfernt - fünf Sekunden, wie sie sagt. Das zeigt auch eine Animation, die der Ausschuss demonstrativ einspielen lässt, um für jeden sichtbar zu unterstreichen, wie nah die Zeugin an Trump war.

Wutanfall im "Beast"

Noch vor dem Tag des Kapitolsturms sagte ihr Chef, Mark Meadows, zu ihr, es werde "wirklich, wirklich schlimm am 6. Januar". Womit er Recht behalten sollte. Hutchinson macht in ihren Aussagen klar, dass im Weißen Haus bekannt war, dass die Menschen, die am 6. Januar zu Trumps Kundgebung kamen, bewaffnet waren, dass bei ihnen sogar Waffen im Vorfeld beschlagnahmt worden waren. Trumps Aussage dazu sei gewesen, das sei ihm egal, schließlich seien die Menschen nicht hier, um ihn zu verletzen. Die "effing Metalldetektoren sollten endlich weggeräumt werden", damit die Leute einfacher auf das Gelände kommen, sagte er - Hutchinson sagt "effing", um einen Fluch mit F abzukürzen, den Trump in seinen Wutanfällen offenbar häufiger benutzte. Auch, dass die Capitol Police auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitet war, wusste man laut Hutchinson im Weißen Haus genau.

Donald Trump wollte am 6. Januar 2021 den ganz großen Auftritt auf einer Kundgebung seiner Fans. Er hatte gerade die Wahl verloren, wollte das aber nicht eingestehen und suchte nun Wege, trotzdem Präsident zu bleiben. Er setzte Beamte unter Druck, log über seinen angeblichen Sieg, der ihm "gestohlen" werde, und rief die Demonstranten auf, zum Kapitol zu ziehen, wo gerade der Sieg des Demokraten Joe Biden amtlich bestätigt wurde. Nach seiner Rede wollte er selbst zum Kapitol. Der Secret Service lehnte das aus Sicherheitsgründen ab. Hutchinson berichtet von einem Vorfall im gepanzerten Dienstwagen des Präsidenten, dem "Beast". Trump, so hätten ihr Mitarbeiter erzählt, habe wütend versucht, ins Lenkrad zu greifen. Dabei habe er geschäumt: "Ich bin der effing Präsident, bringt mich zum Kapitol!" Sein Sicherheitschef habe geantwortet, das gehe nicht, man fahre zurück ins Weiße Haus. Wie man heute weiß, saß Trump dann dort und sah sich den Sturm auf das Kapitol im Fernsehen an.

"Hängt Mike Pence", Trump fand das richtig

Am Capitol Hill begann unterdessen sein Vizepräsident Mike Pence damit, die Stimmen der Wahlleute offiziell zusammenzutragen und damit Bidens Wahlsieg offiziell zu bestätigen. Dass die Trump-Anhänger zur gleichen Zeit am Parlament mit einem Galgen marschierten und riefen "hängt Mike Pence" fand Trump "common sense", gesunden Menschenverstand. Meadows habe gesagt, Trump sei der Meinung, Pence habe das "verdient", so Hutchinson.

Noch während ihre Zeugenaussage läuft, reagiert Trump auf seinem eigenen sozialen Netzwerk. Er kenne sie kaum, höre aber nur schlechte Dinge über sie, schreibt der 76-Jährige in seinem üblichen Tonfall.

Alles an diesen Vernehmungen des Untersuchungsausschusses macht deutlich, dass es sich bei Trump um einen wütenden Mann handelte und augenscheinlich noch immer handelt, der die Wahrheit nicht akzeptieren kann. Hutchinson berichtet, als Trump gelesen hatte, dass sein Justizminister William Barr erklärte, es gebe keine Belege für Wahlbetrug, habe er wütend sein Mittagessen an die Wand geworfen. Als sie danach den Raum betrat, lief noch Ketchup von der Wand.

Das Weiße Haus wusste nicht nur, wie gefährlich der 6. Januar werden kann - der Präsident zog auch zu keinem Zeitpunkt die Reißleine, um zu deeskalieren. Erst als die Gewalt am Kapitol schon tobte, ließ er sich zu einem schmallippigen Video überreden, in dem er seine Anhänger lobte, sie seien "besondere Menschen", und sie bat, trotzdem jetzt nach Hause zu gehen. All dies lässt viele zu dem Schluss kommen: Jetzt muss Trump angeklagt werden.

Der Ausschuss hofft auf weitere Aussagen

Aber eine Anklage ist auch gefährlich. Scheitert sie, hat Trump einen weiteren Freispruch, nach dem gescheiterten Impeachment, dem Amtsenthebungsverfahren. Seine Anhänger könnten ihn noch stärker glorifizieren, nach dem Motto: Seht her, er ist unschuldig, wir haben es euch immer gesagt.

Cassidy Hutchinson hat mit ihrer Aussage den Druck auf andere ehemalige Trump-Mitarbeiter erhöht, sich nun ebenfalls zu äußern - darunter ihr ehemaliger Chef, Mark Meadows. Sie hat viel Mut bewiesen, mit ihrem Schritt, so offen über ihre Sicht auf die Vorfälle rund um den 6. Januar zu sprechen. Es habe sie angewidert, was an diesem Tag passierte. "Wir haben zugesehen, wie das Kapitol wegen einer Lüge verunstaltet wurde." Die 25-Jährige steht ab sofort unter Polizeischutz.

Der Ausschussvorsitzende, der demokratische Abgeordnete Bennie Thompson, beschließt die Sitzung mit seiner Erklärung. Wem nach diesem Tag noch etwas einfallen sollte, wer seine Erinnerung wiedergefunden habe oder eine Aussage korrigieren wolle - der Ausschuss ist jederzeit bereit, "die Türen stehen offen".

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 29. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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