Politik

Toter Flüchtling in Schmölln Bisher kein Hinweis auf "Spring doch"-Rufe

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Der 17-Jährige stürzte sich aus dem fünften Stock seiner Unterkunft.

(Foto: dpa)

Berichte über Schaulustige, die einen Flüchtling zum Selbstmord ermuntert haben sollen, sorgen für Entsetzen. Die Polizei in Thüringen ermittelt, berichtet aber von widersprüchlichen Angaben. Die Worte "Spring doch" sollen so nicht gefallen sein.

Nach dem tödlichen Sprung eines Flüchtlings aus dem fünften Stock eines Hauses im thüringischen Schmölln ermittelt die Polizei, ob ihn Anwohner zum Suizid ermuntert haben. Bisher gibt es dafür keinen konkreten Hinweis: "Wir haben dort keine Person brüllen hören oder ähnliches", sagte ein Sprecher der Landespolizei.

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Die Ermittler kennen zudem eigenen Angaben zufolge bislang nicht die Person, die zu dem Suizid aufgerufen haben soll. "Wir gehen diesen Hinweisen aber nach", erklärte der Sprecher. Wie er weiter sagte, erklärte eine Mitarbeiterin der Einrichtung bei einer Befragung, dass die Worte "Spring doch" so nicht gefallen seien. Sie habe gemeint, etwas Ähnliches gehört zu haben.

Die vom Bürgermeister genutzte Quelle habe auf Polizeinachfrage gesagt, sie wisse von jemandem, der sinngemäß gehört haben wolle, dann soll er doch springen. Der Polizeisprecher sagte, schon wegen der vielen Konjunktive der Frau wisse er nicht, was tatsächlich gehört wurde. Er könne aber nicht definitiv ausschließen, dass tatsächlich solche Worte gefallen seien.

Feuerwehr hat keine Rufe gehört

Darauf deuteten Äußerungen von Schmöllns Bürgermeisters Sven Schrade von der SPD hin. Dem MDR hatte Schrade gesagt: "Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie 'Spring doch'." So etwas könne man nur verurteilen. Außerdem hätten ihn Bildaufnahmen erreicht, "die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren", sagte Schrade.

Der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, David Hirsch, sagte ebenfalls, dass eine Mitarbeiterin entsprechende Rufe gehört habe. Der Polizeisprecher sagte allerdings, auch Polizei und Feuerwehrleute vor Ort hätten während ihres mehrstündigen Einsatzes keine Rufe gehört und es sei auch kein besonderer Auflauf an Schaulustigen gewesen. Allerdings seien in dem Tatort, einem Plattenbau, sehr viele Balkone und natürlich immer Menschen, die irgendetwas rufen könnten.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow reagierte mit Entsetzen auf Berichte über den Selbstmord des Flüchtlings: "Diese Gier nach spektakulärem Geschehen lässt die Humanität auf der Strecke", schrieb der Linkspartei-Politiker auf Twitter. "Es lässt einen fassungslos zurück!" Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nannte den Fall in Berlin "menschenverachtend". "Ich finde es unfassbar, wie Verzweifelten und Schutzsuchenden in diesen Zeiten Hass und Verachtung entgegenschlägt. Wer so handelt, hat von Menschenwürde und unserem Grundgesetz nichts verstanden."

In Unterkunft randaliert

Laut einem MDR-Bericht wohnte der 17-jährige Flüchtling seit April in der Gegend. Er war über Libyen, Italien und die Schweiz nach Deutschland geflüchtet. Laut Polizei hatte sich der Flüchtling am Freitag aus dem Fenster seiner Unterkunft gestürzt. Vor seinem Suizid absolvierte er laut MDR eine Woche lang eine Therapie in der Psychiatrie von Stadtroda. Dann sei er in eine Wohngruppe für unbegleitete Flüchtlinge nach Schmölln zurückgekommen. Der Mann soll traumatisiert gewesen sein und an Depressionen gelitten haben.

Kurz vor der Tat habe er in der Unterkunft randaliert, weshalb die Polizei gerufen wurde. Als die Beamten eintrafen, befand sich der Flüchtling bereits auf der Fensterbank im fünften Stock. Von dort sei er neben ein von der Feuerwehr gespanntes Sprungtuch gesprungen und wenig später an seinen Verletzungen gestorben.

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Quelle: n-tv.de, mli/dpa

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