Politik

"Es war Völkermord" Bosnien gedenkt der Opfer von Srebrenica

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Die Überreste von etwa 6900 Opfern sind auf dem Gedenkfriedhof bestattet.

(Foto: dpa)

Noch immer sind nicht alle Opfer geborgen. 25 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica werden auf dem Gedenkfriedhof in Potocari weitere Menschen beigesetzt, die erst kürzlich identifiziert werden konnten. Bundespräsident Steinmeier findet klare Worte - auch an die Adresse Serbiens.

25 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica haben die Menschen in Bosnien-Herzegowina dem schlimmsten Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht. Srebrenica habe sich als "das dunkelste Kapitel der Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien" ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer Videobotschaft für die zentrale Gedenkzeremonie. Auf dem Gedenkfriedhof in Potocari wurden dabei neun erst kürzlich identifizierte Opfer beigesetzt.

Die Ereignisse in und um Srebrenica machten bis heute fassungslos, sagte Steinmeier. "Der tausendfache Mord, der hier an muslimischen Jungen und Männern verübt wurde, ist in seiner Brutalität und Dimension singulär für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg", sagte der Bundespräsident und betonte: "Es war Völkermord."

Am 11. Juli 1995 ereignete sich in und um Srebrenica das schlimmste Kriegsverbrechen auf europäischem Boden seit 1945. Unter Führung des Generals Ratko Mladic marschierten bosnisch-serbische Milizen in die UN-Schutzzone ein und ermordeten innerhalb weniger Tage mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer, die hier mit ihren Familien Zuflucht gefunden hatten. Bis heute wurden die sterblichen Überreste von knapp 6900 Opfern des Massakers gefunden und identifiziert. Zahlreiche weitere Familien wissen bis heute nicht, wo ihre ermordeten Angehörigen sind.

Seine letzte Ruhe fand nun etwa Hasib Hasanovic. Seine sterblichen Überreste gehörten zu jenen, die erst im Laufe des vergangenen Jahres einem Opfer des Massakers zugeordnet werden konnten. Auch ihre vier Schwestern hätten bei dem Massaker ihre Männer verloren, sagte Hasanovics Witwe Ifeta vor Beginn der Trauerzeremonie. "Mein Bruder wurde getötet, ebenso sein Sohn. Meine Schwiegermutter hat einen weiteren Sohn sowie ihren Ehemann verloren", sagte die heute 48-Jährige.

Serbien relativiert Massaker bis heute

Trotz strengster Vorkehrungen wegen der Corona-Pandemie nahm auch der 27-jährige Sehad Hasanovic an der Zeremonie teil, um seines ermordeten Vaters Semso zu gedenken. Zwei Jahre alt war Hasanovic, als sein Vater "in den Wald ging und nie wieder zurückkehrte". Geblieben seien von Semso nur "wenige Knochen", fügte Hasanovic, der heute selbst eine zweijährige Tochter hat, noch hinzu.

Das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag stufte das Massaker von Srebrenica als Völkermord ein. Viele Vertreter der serbischen Seite lehnen diese Bewertung bis heute ab. Erst kürzlich relativierte der serbische Präsident Aleksandar Vucic das Massaker, indem er lediglich von "etwas, auf das wir nicht stolz sein sollten und können" sprach. Der bosnisch-serbische Bürgermeister des bis heute von Armut geprägten Srebrenica, Mladen Grujicic, behauptete am Freitag, es gebe "täglich neue Beweise, die die derzeitige Darstellung von allem, was passiert ist, widerlegen". Der Präsident der serbischen Teilrepublik Srpska in Bosnien, Milorad Dodik, spricht von dem Massaker sogar als "Mythos".

Viele Serben verehren Mladic, der vom UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien wegen Kriegsverbrechen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, bis heute. Zu lebenslanger Haft verurteilt wurde in Den Haag auch der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic.

Der Chef der größten bosnischen Partei SDA, Bakir Izetbegovic, erinnerte an das Versagen der internationalen Gemeinschaft in Srebrenica. Sie habe "Srebrenica vor 25 Jahren nicht verteidigt, aber sie hat die Möglichkeit, die Wahrheit zu verteidigen, die angezweifelt wird", sagte der Sohn des früheren bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic. Der bosnische Groß-Mufti Husein Kavazovic warb für Verständigung auf Grundlage einer Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Menschen könnten "eine bessere Zukunft aufbauen, wenn wir die Wahrheit als Leitlinie akzeptieren", sagte er.

Auch Steinmeier sprach sich für Dialog und Versöhnung aus. "Die Wunden, die vor 25 Jahren in Ihre Gesellschaft gerissen wurden, sind nicht verheilt", betonte er. Dafür sei auch eine Rhetorik verantwortlich, die "das vermeintlich Trennende" in den Vordergrund stelle. Stattdessen sollten geteilte Sorgen und Nöte überwiegen und der Wunsch nach einer guten Zukunft für die Kinder "in einem europäischen Bosnien und Herzegowina". Es gelte, das Gespräch zu suchen, "wo lange kein Wort mehr gesagt wurde". Bundesaußenminister Heiko Maas nutzte den Jahrestag des Massakers, um vor gefährlichem Nationalismus zu warnen. "Nationalistischen Tendenzen, wo immer sie uns begegnen, müssen wir entschieden entgegen treten", sagte er.

Quelle: ntv.de, mli/AFP