Politik

Austritt ohne Knall und mit Zoff Brexiteers müssen auf Feuerwerk verzichten

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Der Big Ben ist Wahrzeichen Großbritanniens, symbolbeladen und momentan ziemlich still.

(Foto: picture alliance / Dominic Dudle)

Die meisten Briten dürften erleichtert sein, dass es bald endlich vorbei ist, das Drama um den Brexit. In einer Woche verlässt Großbritannien die EU, aber bis dahin wird weiter gestritten: um die Feier zum EU-Austritt, um Briefmarken und Flaggen.

In wenigen Tagen wird geschehen, woran zwischenzeitlich nur noch wenige geglaubt haben: Die Briten werden tatsächlich die EU verlassen. Jahrelang lagen sie im Clinch mit Brüssel - aber vor allem mit sich selbst. Diese Zerrissenheit prägt auch die Vorbereitungen auf den Austrittstag selbst. Was am 31. Januar passieren wird:

"Wir sind drin - aber ohne Feuerwerk", titelte die britische Zeitung "Guardian" am 1. Januar 1973 zum mit wenig Euphorie begangenen Eintritt der Briten in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft - den Vorläufer der heutigen EU. "Wir sind draußen - und wieder ohne Feuerwerk", könnte sie am 1. Februar 2020 titeln.

Denn die große Brexit-Party, die Nigel Farage, Chef der Brexit-Partei, seinen Anhängern versprochen hat, wird zwangsweise ohne großen Knall auskommen müssen. Er habe keine Erlaubnis für Raketen oder anderes Knallzeug bekommen, musste Farage einräumen. Die Organisatoren der Party auf dem Parlamentsvorplatz in Westminster versprechen den Tausenden erwarteten Besuchern dennoch "Spaß, Lieder und viele Überraschungen".

Farage kündigte auch große Redner an - der britische Premierminister Boris Johnson wird allerdings höchstwahrscheinlich nicht darunter sein. Es wird erwartet, dass der Ober-Brexiteer und seine Kabinettskollegen von allzu großen Triumphsignalen Abstand halten, um die vielen Brexit-Gegner im Land nicht zu verärgern.

Countdown zum Brexit am Regierungssitz

Die Regierung will nur den Parlamentsvorplatz mit dem Union Jack beflaggen und eine Uhr an die Hauswand des Regierungssitzes Downing Street Nr. 10 projizieren, die den Countdown zum Brexit markiert. Johnson selbst wird am Donnerstag mit seinem Kabinett zu einer Sondersitzung im Norden Englands zusammenkommen, wo er bei der Parlamentswahl Mitte Dezember überraschend zahlreiche Wahlkreise erobern konnte. Abends wird er sich Medienberichten zufolge in einer Fernsehansprache an seine Landsleute wenden, in der er zur Einheit aufruft.

Viele Brexit-Befürworter fordern derweil, dass die berühmte Parlamentsglocke Big Ben am Donnerstag um Mitternacht die neue Ära einläuten soll. Das Problem: Der Turm wird derzeit renoviert, und die tonnenschwere Glocke ist ohne Schlagwerk. Die Kosten für das Anbringen des Schlagwerks und die Verzögerung der Bauarbeiten werden auf 500.000 Pfund geschätzt – das sind immerhin rund 600.000 Euro.

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Johnson will aus Furcht vor der öffentlichen Meinung kein Steuergeld dafür ausgeben und hat deshalb eine Crowdfunding-Kampagne vorgeschlagen, die auch schnell Hunderttausende Pfund an Spenden einsammelte. Die Parlamentsverwaltung sperrt sich dennoch gegen den aus ihrer Sicht zu großen Aufwand, sodass Farage wohl mit einer Aufnahme des berühmten Läutens aus Lautsprechern vorliebnehmen muss.

Welches Banner wird an Klippen von Dover hängen?

Streit gibt es auch um die berühmten weißen Klippen bei Dover. Die Stadt stellt mit ihrem Hafen die wichtigste Verbindung Großbritanniens nach Festland-Europa dar. Der scheidende Europaabgeordnete der EU-freundlichen Liberaldemokraten, Antony Hook, will dort ein 150 Quadratmeter großes Banner aufhängen mit dem Schriftzug: "We still love Europe" ("Wir lieben Europa immer noch"). Er hat bereits mehr als 10.000 Pfund an Spenden dafür eingesammelt. Der konservativen Parlamentsabgeordneten Natalie Elphicke gefällt das gar nicht. Sie will stattdessen ein großes "We love the UK"-Banner ("Wir lieben das Vereinigte Königreich") aufhängen.

Reisende müssen sich übrigens vorerst keine Sorgen machen - sie können die Grenzübergänge in Dover und anderswo an Häfen, Bahnhöfen und Flughäfen auch nach dem 31. Januar allein mit Personalausweis und ohne Visum überqueren. Denn bis Ende des Jahres gelten in Großbritannien übergangsweise weiterhin EU-Regeln.

"Friede, Wohlstand und Freundschaft allen Nationen"

Der Kampf um die Deutungshoheit beim Brexit wird aber nicht nur an den großen Symbolen ausgefochten. Auch über die kleinen Dinge wird erbittert gestritten: Jahrelang weigerte sich die britische Post, spezielle Briefmarken für den Brexit zu entwerfen. Immer wieder wurde ihr dabei vorgehalten, zum Eintritt der Briten in die EU im Jahr 1973 eine Briefmarke gedruckt zu haben. Vor zwei Tagen dann wurde verkündet, Premierminister Boris Johnson habe in der Chefetage der Royal Mail interveniert und sei nun "sehr zuversichtlich", dass die ersehnten Briefmarken bald gedruckt würden.

Die britische Münzprägeanstalt zeigte sich im Verbund mit dem britischen Finanzministerium dagegen früh gedenkbereit. Zweimal sogar hatte das Ministerium bereits spezielle Gedenkmünzen angekündigt - und diese nach den Verschiebungen des Austrittsdatums jedes Mal wieder einschmelzen müssen. Nun plant das Ministerium, ab dem 31. Januar insgesamt drei Millionen 50-Pence-Münzen mit der Aufschrift "Friede, Wohlstand und Freundschaft allen Nationen" in Umlauf zu bringen.

Quelle: ntv.de, lwe/AFP