Politik

Erhebungsmethode in der Kritik Briten nennen keine Todesfallzahlen mehr

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Der britische Gesundheitsminister Hancock will die Erhebungsmethode der Zahl der Corona-Toten überprüfen lassen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vorerst bleibt unklar, wie viele Menschen in Großbritannien an Covid-19 sterben. Die Regierung stoppt die Veröffentlichung aktueller Zahlen. Grund sind Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit. Dass die vielen britischen Corona-Toten nur ein Rechenfehler sind, ist jedoch zweifelhaft.

Die britische Regierung hat die tägliche Aktualisierung der Todesfallzahlen durch die Coronavirus-Pandemie vorübergehend gestoppt. Das teilte das Gesundheitsministerium in London nun mit. Grund sei, dass die Statistik für England nicht berücksichtigt, ob Infizierte tatsächlich an der Lungenkrankheit Covid-19 oder an einer anderen Ursache gestorben sind. Bis diese Ungenauigkeit behoben sei, werde die Zahl der täglichen Todesfälle nicht mehr veröffentlicht, hieß es auf der Webseite des Ministeriums.

Gesundheitsminister Matt Hancock ordnete die Überprüfung laut "Guardian" an, nachdem eine wissenschaftliche Studie mit dem Namen "Warum niemand in England jemals von Covid-19 genesen kann" erschienen war. Deren Autoren kritisieren die Methoden der zuständigen Behörde: Public Health England (PHE). Ihrer Studie zufolge suche PHE in der Gesundheitsdatenbank nach Menschen, die irgendwann einmal positiv getestet wurden und überprüfe dann schlicht, ob sie noch am Leben seien oder nicht.

Dabei spiele für die Behörde keine Rolle, wie lange das Ergebnis des Corona-Tests zurückliege. Nach dem Verständnis der Wissenschaftler werden Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet und sich davon erholt haben, auf diese Weise als Corona-Tote gezählt, "selbst wenn sie drei Monate später einen Herzinfarkt hatten oder von einem Bus überfahren wurden".

Die zuständige PHE-Abteilungsleiterin bestätigte diese Zählweise laut "Guardian" und wies darauf hin, dass es international keine einheitliche Zählweise gebe. Sie sagte: "In England zählen wir all diejenigen, die gestorben sind und zu irgendeinem Zeitpunkt einen positiven Corona-Test hatten, um sicherzustellen, dass unsere Daten so vollständig wie möglich sind."

*Datenschutz

Bislang wurden in Großbritannien mehr als 45.000 Todesfälle bei nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten gezählt. Das Vereinigte Königreich gilt damit als das von der Pandemie am schwersten betroffene Land Europas. Ob die nun in der Zählweise erkannte Schwäche diese Zahl erheblich reduziert, gilt aber als zweifelhaft. Es gibt Grund zur Annahme, dass der Pandemie in Großbritannien viele Menschen zum Opfer gefallen sind, die nie auf das Coronavirus getestet wurden.

Zahlen der Statistikbehörden zufolge wurden inzwischen beinahe 55.000 Todesfälle erfasst, bei denen die Lungenkrankheit Covid-19 im Totenschein erwähnt wurde. Die sogenannte Übersterblichkeit für die Zeit der Pandemie liegt Berechnungen der "Financial Times" zufolge bei 65.700. Mit Übersterblichkeit ist dabei die Differenz zwischen der Zahl der Todesfälle in diesem Jahr und dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre gemeint.

Quelle: ntv.de, lwe/dpa