Politik

Rückkehr der ukrainischen Bahn Cherson empfängt den "Zug des Sieges"

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Ein Intercity-Zug im Jahr 2020 von Kiew über Mykolajiw nach Cherson. Im Zuge des Krieges wurde die Verbindung eingestellt.

(Foto: imago/Ukrainian News)

Mit der Befreiung von Cherson im Süden der Ukraine kehrt auch die Ukrsalisnyzja, die ukrainische Bahn, in die Stadt zurück. Das Land feiert die erste Zugfahrt wie einen Sieg über Russland - auch wenn die Gefahr für Mitarbeiter und Passagiere immer mitfährt.

Nur eine Woche ist vergangen, seit die ukrainische Armee Cherson befreit hat. Doch bereits am späten Freitagabend wird sich der erste ukrainische Zug von Kiew aus auf den Weg in die südliche Schlüsselstadt der Ukraine machen. Ursprünglich hatte Ukrsalisnyzja, die ukrainische Eisenbahn, erst kommende Woche mit der Wiederherstellung der Zugverbindung gerechnet. Doch nun startet die erste Fahrt vom sogenannten "Zug des Sieges", dessen Wagen von ukrainischen Künstlern in bunten Farben gemalt wurden, schon früher. Die Tickets konnten im Voraus ohne konkretes Datum gekauft werden. Die Einnahmen werden für gemeinnützige Zwecke verwendet.

Neben der Post ist Ukrsalisnyzja das ukrainische Staatsunternehmen, dessen Arbeit während des russischen Angriffskrieges am meisten Menschen in und außerhalb des Landes begeistert hat. Gleich nach der Befreiung von Cherson hat die Bahn die Verbindung nach Mykolajiw, einer anderen wichtigen südukrainischen Stadt nahe der Front, wiederhergestellt. Vorher wäre dies viel zu gefährlich gewesen. Und obwohl Russland am Dienstag mit mehr als 90 Raketen den bis dato größten Angriff gegen die ukrainische Energieinfrastruktur unternahm, schaffte es Ukrsalisnyzja unter anderem durch den schnellen Einsatz von Diesellokomotiven, die Verspätungen in Grenzen zu halten. Zwar kam es vereinzelt zu mehrstündigen Verspätungen, bei den allermeisten Zügen sind diese aber im Rahmen von einer Stunde geblieben.

Auch vor dem Krieg war die Bahn bei den Ukrainern nicht unbeliebt, obwohl man wie in jedem anderen Land ab und zu darüber meckerte. Seit den früher 2010er Jahren zeigt die Kurve generell eher nach oben. Als Startpunkt gilt für viele die Fußball-EM 2012, wegen der das Bahnnetz modernisiert und Hyundai-Schnellzüge eingekauft worden waren. Inzwischen fahren auch Schnellzüge von Skoda und ukrainische Züge. Darin gibt es kostenloses W-Lan und gute Verpflegung nach bestem europäischen Beispiel. Auch die Nachtzüge haben sich weiterentwickelt.

Ukrsalisnyzja mit "unlösbaren Problemen"

Noch vor dem Amtsantritt von Präsident Wolodymyr Selenskyj 2019 hatte die Struktur der Bahn größere Mängel. Oleksij Hontscharuk, der erste ukrainische Ministerpräsident unter Selenskyj, sprach damals von einer "totalen Korruption" beim Staatsunternehmen. Seine Aussage war nicht aus der Luft gegriffen, aber Ukrsalisnyzja hatte auch andere Probleme, die teils bis heute unlösbar bleiben. So ist der Personenverkehr für die Bahn ein ewiges Minusgeschäft, was kaum korrigiert werden kann, weil die Durchschnittsgehälter in der Ukraine so gering sind.

Eine Mammutaufgabe ist auch die Ersetzung des alten sowjetischen Schienennetzes, welches es selbst den Schnellzügen nicht erlaubt, schneller als rund 160 Stundenkilometer zu fahren. Die unter dem Verdacht der Korruption stehenden niedrigen Tarife im Güterverkehr für einige Großunternehmen haben die Bahn zusätzlich ihrer Struktur beraubt. Kein Wunder, dass die Anpassung dieser Tarife Ende des Jahres keine geringe Rolle im Konflikt zwischen dem reichsten Mann des Landes, Rinat Achmetow, und dem Präsidenten spielten. Ein Konflikt, der wegen der russischen Großinvasion auf Eis liegt.

Daran, dass Ukrsalisnyzja kontiniuerlich reformiert wird und auch im Krieg so effektiv ist, hat auch die Deutsche Bahn (DB) einen Anteil, die seit 2020 die ukrainischen Kollegen unternehmerisch und technisch berät. Die DB-Fachleute arbeiten vor Ort an einem fühjährigen Entwicklungsplan für die ukrainische Bahn. Seit Februar 2022 hat Ukrsalisnyzja zudem einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden: den ehemaligen hochrangigen DB-Funktionär Gebhard Hofer. Eine wichtige Rolle spielt die DB auch beim Transport des ukrainischen Getreides in deutsche Seehäfen, was für die Umsetzung des Getreide-Deals wesentlich ist.

300 Bahn-Mitarbeiter kamen ums Leben

Die oft sarkastischen Kommentare in Deutschland über die Effektivität der Bahn im Vergleich zur Ukrsalisnyzja mitten im Krieg sind daher etwas ungerecht - auch deswegen, weil das ukrainische Schienennetz viel weniger kompliziert aufgebaut ist. Der Ausfall eines Zuges führt meist nicht zu einer logistischen Katastrophe. Die Leistungen der ukrainischen Bahn in den letzten fast neun Monaten sind zudem ein Ergebnis wichtiger strategischer Entscheidungen in der vergangenen Jahren. So ist die Bahn nicht zuletzt deswegen weniger anfällig für russische Angriffe auf die Energie-Infrastruktur, weil sie 2019 und 2020 aus den USA 40 Diesellokomotiven einkaufte.

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Die Ukrsalisnyzja erhält aber auch deswegen Anerkennung, weil die Bahninfrastruktur ebenfalls gezielt angegriffen wurde - vor allem im Frühjahr, als die russischen Streitkräfte versuchten, die westlichen Waffenlieferungen zu unterbinden. Großen strategischen Erfolg hatten sie damit nicht. Die Mitarbeiter der ukrainischen Bahn haben gelernt, die eigene Infrastruktur schnell zu reparieren. Mit den Arbeiten beginnen sie in der Regel gleich nach der Aufhebung eines Luftalarms. Die zerstörte Brücke in Irpin nahe Kiew wurde beispielsweise innerhalb nur eines Monats repariert. Dennoch sind seit Beginn des Krieges mehr als 300 der insgesamt rund 250.000 Mitarbeiter der Ukrsalisnyzja ums Leben gekommen.

Trotz der Umstände schafft es Ukrsalisnyzja nicht nur, dass rund 90 Prozent der Züge pünktlich fahren, sondern bietet auch Zuflucht in einer schwierigen Lage. Kommt der Zug wegen einer kriegsbedingten Verspätung während der nächtlichen Sperrstunde an, finden die Reisenden an den meisten Bahnhöfen eine Notunterkunft und auch einen Verpflegunspunkt vor. Auch der Bahnhof von Cherson soll demnächst darauf vorbereitet werden.

Quelle: ntv.de

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