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Inselstreit droht zu eskalieren "China hat kein Interesse an einem Krieg"

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Um die Senkaku-Inseln dreht sich der Streit. Im Kern geht es aber um den Stolz zweier großer Nationen.

(Foto: imago stock&people)

Asien im Alarmmodus: Mit Japan und China streiten zwei Supermächte. Eigentlich geht es nur um die seit Jahrzehnten umstrittenen Senkaku-Inseln. Die Angst vor einer militärischen Eskalation ist aber nicht unbegründet, meint die Forscherin Gudrun Wacker im n-tv.de Interview. Beide Staaten agieren mit breiter Brust. Warm anziehen muss sich dann auch Europa - weil die USA verwickelt sind und wichtige Handelswege gekappt würden.

n-tv.de: Mit Japan und China stehen sich zwei Weltmächte in einem komplizierten Konflikt um Inseln gegenüber. Wie gefährlich ist die Situation?

Gudrun Wacker: Ich denke nicht, dass Japan und China einen Krieg anfangen. Die Gefahr besteht aber, dass es einen Zwischenfall gibt, der dann eskaliert. Wenn ein Krieg droht, dann wäre es ein "war by accident", also durch einen Unfall, durch ein Missverständnis oder durch Fehlkalkulation. China hat wirklich kein Interesse an einem Krieg mit Japan. Denn die USA haben ein Verteidigungsbündnis mit den Japanern und müssten in irgendeiner Form eingreifen.

Hat es denn schon früher solche Zwischenfälle gegeben?

Es gibt immer wieder Vorfälle. Chinesische Flugzeuge sind auch schon früher in den Luftraum um die umstrittenen Inseln im Ostchinesischen Meer eingedrungen und abgedrängt worden. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Unklar ist vor allem, was genau passiert, wenn sich die Situation hochschaukelt. Es gibt kein "rotes Telefon" und keine verabredeten Mechanismen zwischen den Staaten, die dann in Gang gesetzt werden könnten.

Die Chinesen haben von sich aus eine Zone über dem Ostchinesischen Meer festgelegt, in der sie die  Kontrolle über den Luftraum haben wollen. Die USA sind demonstrativ mit Militärflugzeugen durchgeflogen, ohne Anmeldung. Warum diese Provokation?

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Dr. Gudrun Wacker forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin zur Außen- und Sicherheitspolitik Chinas.

(Foto: SWP Berlin)

Die USA wollten mit ihren B-52 Bombern ein klares Signal an China geben: Sie wollten klarstellen, dass sie die von China einseitig ausgerufene Zone der Luftraumüberwachung ignorieren. Damit haben sie zugleich deutlich gemacht, dass sie ernst zu nehmen sind als Verbündeter Japans.

Geht es im Kern des Konflikts wirklich um Fischvorkommen, Erdöl und Erdgas, wie viele jetzt vermuten?

Über Fischvorkommen und Rohstoffe könnte man sich einigen, indem man ein Abkommen schließt. Die Ressourcen sind nicht die eigentlichen Treiber. Hier geht es um nationale Identitäten, die Regierungen wollen ihre Legitimität und Stärke unter Beweis stellen.

Welche Bedeutung hat es für uns in Deutschland, wenn der Konflikt sich aufheizen sollte?

Wenn es irgendwo in der Region kracht, sei es im Ostchinesischen oder im Südchinesische Meer, hätte das gravierende Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft. Der ganze europäische Warenhandel mit Ostasien geht über diese Schifffahrtsrouten.        

Warum passiert das eigentlich gerade jetzt? Die Inseln gibt es doch schon ewig.

Den Konflikt gibt es ja auch schon seit Jahrzehnten. Beim Inselstreit geht es um einen historischen Anspruch. Japan argumentiert bis heute, es habe sich diese Inselchen und Felsbrocken im Jahr 1895 angeeignet, die bis dahin von niemandem beansprucht wurden. Im gleichen Jahr verlor aber China einen Krieg gegen Japan. Als Gewinner bekamen die Japaner die heutige Insel Taiwan als Kolonie. Bis 1945 blieb Taiwan japanisch. Die umstrittenen Inselchen liegen nahe an Taiwan, das dieselben territorialen Ansprüche wie China erhebt.

Was hat das mit dem aktuellen Streit zu tun?

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Die fünf Inseln und drei Felsenriffe liegen sehr nah an Taiwan, werden aber von Japans Küstenwache kontrolliert.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde festgelegt, dass Japan alle Inseln, die es sich angeeignet hatte, zurückgeben muss. Das galt aber nicht für die aktuell strittigen Inseln, denn sie gehörten zum Umkreis der Insel Okinawa. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA verwaltet, bis heute gibt es dort eine US-Militärbasis. Die Frage, ob man die umstrittenen Inseln auch jemandem hätte zurückgeben müssen, oder ob sie wirklich Niemandsland waren, ist bis heute offen. Im Augenblick streiten sich China und Japan also um die Geschichte.

Warum verstärkt sich der lang andauernde Streit ausgerechnet jetzt wieder ein bisschen?

Ein bisschen ist gut … Was aktuell besonders bedeutend ist: Die chinesische und auch die japanische Führung ist nationalistisch eingestellt, keine Seite zeigt sich bereit, nach einem Kompromiss zu suchen. In China gibt es traditionell eine anti-japanische Haltung, weil China im Zweiten Weltkrieg Opfer der japanischen Aggression wurde. Auch das Verhältnis zwischen Südkorea und Japan ist historisch belastet. Und auch hier gibt es einen Streit um eine Insel koreanisch Dokdo und japanisch Takeshima genannt.

Auch die Südkoreaner sehen ihre Hoheitsrechte durch die von China eingerichtete Luftüberwachungszone verletzt.

Diese Zone hat mit Hoheitsrechten nichts zu tun. Es ist ein Gebiet außerhalb des nationalen Luftraums. Üblicherweise ist die Praxis die, dass Flugzeuge sich identifizieren und über ihre Flugroute informieren, wenn sie diese Zone auf dem Weg in den nationalen Luftraum durchqueren. China hat noch nicht erklärt, ob es sich an diese Praxis halten wird oder von allen Flugzeugen diese Informationen erwartet, auch wenn sie nur die Zone durchfliegen.

Ist diese Zone also eine symbolische Machtdemonstration?

Im Prinzip ist das so. Japan und Südkorea haben schon längst solche Zonen festgelegt. Die neue Zone der Chinesen überlappt nun mit den bestehenden. Warum die neue Zone jetzt gerade festgelegt wurde, ist mir unklar. Wir können ja nicht in die Köpfe der chinesischen Entscheider gucken.  

Was schätzen sie, werden die sich bald wieder beruhigen?

Im Moment gibt es weder in Japan noch in China den politischen Willen, aufeinander zuzugehen. Aber vielleicht muss auch erst einmal alles schlechter werden, bevor es besser wird.

Mit Gudrun Wacker sprach Jens Twiehaus

Quelle: n-tv.de

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