AfD-Chef präsentiert BiografieChrupalla sieht sich nicht am Ende, er hofft auf Sachsen
Von Tom Kollmar
Beim Parteitag wurde Tino Chrupalla zwar als AfD-Vorsitzender wiedergewählt, aber er verliert in seiner Partei erkennbar an Einfluss. Rettet er sich nach zwei weiteren Jahren also in sein Heimatland Sachsen? Chrupalla lässt alles offen.
Um über sein Leben und den Weg vom Malermeister in der sächsischen Oberlausitz zum Politiker in Berlin zu sprechen, hat Tino Chrupalla ein bayerisches Brauhaus gewählt. Weiß-blaue Tischdecke, Brotzeitplatte, nur das Bier fehlt - vielleicht weil es 11 Uhr am Vormittag ist. Die Vorstellung seiner Biografie "Handwerk - Meister - Politik" in der Landesvertretung Sachsens zu veranstalten, sei "noch etwas schwierig", sagt er. Das "noch" kann ein Füllwort oder gezielt gesetzt sein.
Chrupalla selbst ist jedenfalls begeistert von seinem Buch. Ganz verzückt berichtet er von der Qualität des Papiers, auf dem es gedruckt worden sei. Darauf habe er "von Anfang an geachtet". Er wolle mit seiner Biografie als "Zeitzeuge" die DDR erklären, Lobby für das Handwerk machen und erläutern, warum er in die Politik gegangen ist.
"Handwerk - Meister - Politik" ist aber auch eine Abrechnung mit einer angeblich abgehobenen Berliner Blase, in der alle Beteiligten den Bezug zur Realität und der Stimme des Volkes verloren hätten. Oder anders gesagt: ein AfD-Klassiker. Der Pressetext bewirbt den Autor als einen "der noch weiß, wie man einen Dübel setzt und sich immer daran erinnern wird". Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Chrupalla seit sieben Jahren Chef der AfD ist und damit der dienstälteste Vorsitzende aller im Bundestag vertretenen Parteien. Er ist längst Teil der angeblichen Blase, von der er sich in seinem Buch distanziert.
"Nie etwas ausschließen"
Chrupalla ist Anfang 50. Eigentlich recht früh, um eine Biografie zu schreiben. Erst recht, wenn man als Fraktions- und Parteivorsitzender an der Spitze einer Partei steht, die nach eigenem Bekunden demnächst die Regierung übernehmen wird. Aber vielleicht ist das Buch gar nicht das Ende, sondern ein Beginn. So jedenfalls verkauft es Chrupalla. Nur: ein Anfang von was?
2029 wird nicht nur turnusgemäß ein neuer Bundestag gewählt, dann wählt auch Sachsen, sein Heimatland. Es ist die am häufigsten gestellte Frage bei der Buchvorstellung: Will Chrupalla dort antreten? Als Spitzenkandidat seiner Partei? Es spiele "aktuell" keine Rolle, die Entscheidung darüber werde "ein Denkprozess im Sommer bis zum nächsten Frühjahr" und er denke "über alles nach". Dann antwortet Chrupalla mit der klassischen Blasen-Floskel des politischen Betriebs: "Man sollte als Politiker nie etwas ausschließen." In Berlin ist es nicht selten ein Code für: "Ja, ich will!"
Die AfD ist jetzt "eine Höcke-Weidel-Truppe"
Wenige Tage zuvor: In Erfurt hat die AfD am Samstag ihren neuen Bundesvorstand gewählt. Schon vor der Wahl war klar, dass die Doppelspitze Chrupalla/Weidel weitermachen wird. Bei der Wahl in Essen 2024 hatte er mehr Stimmen bekommen als seine Co-Vorsitzende. In der Partei raunen viele, Chrupalla habe damals mit einer Nein-Stimmen-Kampagne gegen Alice Weidel dafür gesorgt, dass er vor ihr landet. Es ist, so die Erzählung, der Beginn des Bruchs zwischen beiden.
In Erfurt ist es andersherum. Weidel erhält rund 80 Prozent Ja-Stimmen, Chrupalla nur rund 70. Während die Delegierten ihr zujubeln, erhält Chrupalla lediglich höflichen Applaus. Der neugewählte Bundesvorstand ist mit Weidel-Vertrauten besetzt. Einer aus dem zwölfköpfigen Gremium sagt, man sei nun eine "Höcke-Weidel-Truppe". Viele in der AfD wünschen sich, dass in Zukunft eine Person allein die Partei anführt, unterstützt von einem Generalsekretär. Chrupalla muss in Erfurt einmal mehr bewusst geworden sein: Alles läuft auf Weidel hinaus.
Chrupallas Problem: Ihm fehlt die Unterstützung des einflussreichsten Netzwerks in der AfD, angeführt vom Bundestagsabgeordneten Sebastian Münzenmaier. Gleichzeitig haben Chrupallas Verbündete in Erfurt an Einfluss verloren. Für ihn ist es ein Kampf Handwerk gegen Netzwerk. Alt gegen neu. In Berlin prangert Chrupalla mit Rückblick auf den Parteitag an, in der AfD würden immer mehr Männer ohne echte Berufserfahrung die Macht übernehmen. In dem Punkt sei man "schneller Altpartei geworden als alle anderen". Es schwingt auch eine große Portion Frust in diesen Worten mit.
Es liefe auf einen Machtkampf in Sachsen hinaus
Und jetzt? Erstmal hat Chrupalla zwei Jahre Ruhe. So lange bleibt der Bundesvorstand im Amt. In der AfD halten viele folgendes Szenario für denkbar: Chrupalla scheidet 2028 freiwillig aus dem Bundesvorstand aus. Ein Jahr später, wenn in Sachsen gewählt wird, könne er dann als Ministerpräsidentenkandidat der AfD antreten. Soweit die Theorie. Doch auch der Landeschef in Sachsen, Jörg Urban, dürfte erneut als Spitzenkandidat in den Wahlkampf gehen wollen. Es liefe also auf einen Machtkampf hinaus.
Für den Moment blockt Chrupalla ab. "Eines nach dem anderen", sagt er. Zuerst müsse man die Wahlen in Sachsen-Anhalt abwarten. Im September soll, so die Hoffnung der AfD, Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt zum ersten Ministerpräsidenten der AfD gewählt werden. Ein Erfolg, so heißt es von manchen in der Partei, den Chrupalla gerne selbst erzielen würde.
Chrupalla beendet sein Buch mit einem Gespräch mit zwei Anhängerinnen. Sie rufen ihm zu, er werde der nächste Bundeskanzler. Im "knirschenden Kies" schaut er eingerahmt in zwei steinerne Löwen in eine ungewisse Zukunft. Die Szene trieft vor Kitsch. Doch sie macht auch klar: Chrupalla sieht sich nicht am Ende. Kanzlerkandidat, so wie von den angeblichen Chrupalla-Fans im Epilog, wird er, nach jetzigem Stand, wohl nicht. Aber er kann ja weiter auf Sachsen hoffen.