Kommentare

Nur "ein bisschen holprig"?Weidel hält sich für "liberaler", doch Abwertung ist das Kerngeschäft der AfD

06.07.2026, 16:32 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Ein Kommentar von Hubertus Volmer
00:00 / 05:24
Erfurt-Thueringen-Deutschland-Messe-AfD-Bundesparteitag-Alice-Weidel
Alice Weidel auf dem AfD-Parteitag in Erfurt. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Alles nur "ein bisschen holprig", sagt AfD-Chefin Weidel, wenn sie auf Passagen der Abwertungsideologie ihrer Partei angesprochen wird, die sie selbst betreffen. Wenn es um andere Gruppen geht, beteiligt sie sich gern an Ausgrenzung und Abwertung.

Was AfD-Chefin Alice Weidel am Wochenende gemacht hat, nicht zum ersten Mal, ist bemerkenswert: Wenn sie selbst von der Abwertung betroffen ist, die ihre Partei betreibt, leugnet sie, dass es diese Abwertung gibt.

"Steigende Abtreibungs- und sinkende Geburtenraten hängen auch damit zusammen, dass sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen mittlerweile mehr Akzeptanz genießen und offensiver beworben werden als die normale Familie aus Mann und Frau", heißt es in im Landtagswahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt.

Klingt verdreht? Die Sachsen-Anhalt-AfD hat nur die Beschlusslage der Gesamtpartei weitergedacht. In ihrem Bundestagswahlprogramm definiert die AfD Familie als "bestehend aus Vater, Mutter und Kinder". Ihre Familienpolitik soll auch "unsere Kulturweitergabe" sicherstellen. "Andere Formen des Zusammenlebens als die Ehe zwischen Mann und Frau sind zu respektieren, damit aber nicht gleichzustellen", heißt es im Europawahlprogramm der Partei.

AfD-Chefin Weidel lebt mit einer Frau in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft - und wischt die Sätze aus dem AfD-Wahlprogramm aus Sachsen-Anhalt beiseite. "Wir leben mittlerweile in einer anderen Realität", sagte sie während des Parteitags in Erfurt im Interview mit RTL und ntv. Die Sätze seien "ein bisschen holprig formuliert". Sie gehe da nicht mit, "weil ich deutlich gesellschaftlich liberaler aufgestellt bin".

"Ihr wisst, was ich meine"

Ähnlich hält sie es beim Rassismus ihres Verbündeten Björn Höcke. "Wir heißen jeden willkommen in Deutschland, der sich positiv in unsere Gesellschaft einbringt", sagte Weidel, angesprochen auf Höcke-Äußerungen. Der Thüringer AfD-Chef hatte mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft gesagt, die "westliche Hemisphäre" wirke "wie gleichgeschaltet".

Seine Sätze fielen auf einem Sommerfest der AfD in Thüringen: "Ihr wisst, was ich meine. Wenn man das Trikot dann tauscht, weiß man gar nicht mehr, wer ist jetzt von welcher Mannschaft." Das Publikum dürfte in der Tat gewusst haben, was Höcke meint: Die Hautfarbe, nicht der Geburtsort und schon gar nicht die Staatsbürgerschaft definieren für ihn, wer ein echter Deutscher ist. In der AfD wird dafür gern der Begriff der "Passdeutschen" benutzt.

"Es geht hier nicht um Hautfarben", behauptete Weidel in Erfurt. Was Höcke meine, sei, "dass unser Land völlig überrannt wurde von Millionen von Menschen". Den Satz würde Höcke natürlich unterschreiben. Aber gemeint hat er das in seinem Trikot-Satz sicher nicht.

Alles nur "Kinderkacke"

Betroffen ist Weidel bei beiden Themen: Ihre Frau ist in Sri Lanka geboren ist. Das bedeute keineswegs, dass ihre Partnerin Migrationshintergrund habe, sagte Weidel: "Meine Frau ist Schweizerin und ist ein Adoptionskind und dementsprechend begreift sie sich selbst nicht mit Migrationshintergrund." Dass ihre Frau in Höckes Logik nur "Passschweizerin" ist, ignoriert Weidel.

Bemerkenswert ist dieses Vorgehen nicht nur, weil Weidel Parteichefin ist. Sondern auch, weil Ausgrenzung und Abwertung das Kerngeschäft der AfD sind. Wenn es um andere Gruppen geht, beteiligt sich die Vorsitzende fleißig daran. Im Bundestag sprach sie von "Kopftuchmädchen" und "alimentierten Messermännern", über den in Hessen geborenen Journalisten Deniz Yücel sagte sie, dieser sei "weder Journalist noch Deutscher", die Klage gegen Höcke wegen Verwendung des NS-Spruchs "Alles für Deutschland" nannte Weidel "Kinderkacke". Auf einem Parteitag vor der Bundestagswahl skandierten Delegierte, leicht abgewandelt, "Alice für Deutschland". Sicher nur ein Zufall.

Höcke sagte in Erfurt, er wolle "einen Teil der Nation auf die Couch legen und therapieren". In einem Buch hat er deutlich gemacht, wie er sich so eine Therapie vorstellt. "Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen", schrieb er vor ein paar Jahren, am Ende würden "noch genug Angehörige unseres Volkes vorhanden sein", mit denen "wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können".

Wer da keine Vernichtungs-, mindestens aber Vertreibungsfantasien hört, glaubt auch, dass die AfD eine bürgerliche Partei ist. Oder, wie Weidel es sagen würde: Wahrscheinlich ist das nur ein bisschen holprig formuliert.

Quelle: ntv.de

AfDParteitagBjörn HöckeErfurtAlice Weidel