Politik

Größer, jünger, weiblicher Das ist der neue Bundestag

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Der Bundestag ist in der 20. Legislaturperiode so groß wie nie zuvor.

(Foto: AP)

Im neuen Bundestag ist die SPD die stärkste Kraft, die Linke ist dezimiert und auf der Regierungsbank könnte Olaf Scholz sitzen - doch was muss man noch zum neuen Parlament wissen? Ein Überblick.

Der 20. Bundestag hat sich zu seiner ersten Sitzung getroffen und er ist schon jetzt in die Geschichte eingegangen. Denn mit 736 Abgeordneten verfügt er über mehr Mitglieder als alle seine Vorgänger. Die größte Fraktion stellt die SPD mit 206 Mitgliedern, gefolgt von der CDU/CSU mit 197. An dritter Stelle stehen die Grünen, die über 118 Abgeordnete verfügen. Danach kommen die FDP mit 92, die AfD mit 82 und die Linke mit 39 Mitgliedern. Hinzu kommen zwei fraktionslose Abgeordnete: Stefan Seidler vom Südschleswigschen Wählerverband und der AfD-Politiker Matthias Helferich.

Um 11.00 Uhr eröffnete Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die erste Sitzung des neu gewählten Bundestags. Der 79 Jahre alte CDU-Politiker sitzt seit 1972 im Bundestag und ist damit dessen Alterspräsident. Schäuble wäre gern Bundestagspräsident geblieben - doch dieses Amt geht traditionell an die stärkste Fraktion und damit jetzt an die SPD. So muss er sich nun damit begnügen, die Sitzung bis zur Wahl des neuen Bundestagspräsidenten zu leiten - und dann Platz für den Nachfolger machen.

Das wird diesmal eine Frau werden - erst die dritte in der Geschichte des Bundestags nach Annemarie Renger (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Die SPD hat ihre Abgeordnete Bärbel Bas nominiert. Ihre Wahl gilt als sicher, da üblicherweise die anderen Fraktionen diese Personalentscheidung mittragen. Bas wird nach ihrer Wahl die Sitzungsleitung übernehmen und in ihrer ersten Rede die Akzente für ihre Amtsführung setzen.

279 Neue, Trend zur Verjüngung

279 Abgeordnete sind neu im Parlament, darunter 104 von der SPD-Fraktion, 66 von Bündnis 90/Die Grünen, 48 von der Unionsfraktion, 28 von der FDP-Fraktion, 23 von der AfD-Fraktion, 8 von der Linksfraktion sowie der Abgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbandes und weitere fraktionslose Abgeordnete.

Der neue Bundestag ist im Schnitt zwei Jahre jünger als der alte. Das geht aus der Statistik des Bundeswahlleiters nach Vorlage des endgültigen Wahlergebnisses hervor. Demnach liegt das Durchschnittsalter der Abgeordneten jetzt bei 47,3 Jahren. Nach der Bundestagswahl 2017 lag es bei 49,4 Jahren. Mit 50 Abgeordneten ist die Gruppe der unter 30-Jährigen jetzt deutlich stärker vertreten. Nach der Wahl 2017 waren es zwölf.

Auch mehr 30- bis 39-Jährige haben ein Mandat bekommen: Ihre Zahl stieg von 115 auf 143. Gemessen an der Größe des Parlaments, ist damit jeder vierte Bundestagspolitiker noch unter 40 (26,2 Prozent). Nach der Wahl 2017 war es nicht mal jeder Fünfte (17,9 Prozent). Die jüngste Abgeordnete ist die 23-jährige Grünen-Politikerin Emilia Fester aus Hamburg.

Der allgemeine Trend zur Verjüngung hat absehbar politische Folgen: Bei der SPD gehört nunmehr ein Viertel der Abgeordneten der Nachwuchsorganisation der Jungsozialisten an, die bis ins vergangene Jahr hinein von Kevin Kühnert geführt wurde. Die neue Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal zog ebenfalls in den neuen Bundestag ein. Die traditionell links vom Establishment der SPD stehenden Jusos könnten zum spannenden Faktor werden in einer Regierungskoalition unter Führung des eher konservativen Scholz mit der FDP.

Ebenso verhält es sich mit den Grünen: 19 Prozent der Grünen-Abgeordneten sind zwischen 23 und 29 Jahre alt. Viele haben sich in der Klima-Bewegung politisiert. Ihre Erwartungen an die klimapolitischen Maßnahmen der nächsten Bundesregierung sind hoch. Auch spannend: Die beinahe aus dem Bundestag geflogene Linke stellt als - nach ihrem Selbstverständnis - progressive Partei die zweitälteste Fraktion nach der AfD.

Im Bundestag sind Menschen mit Migrationsgeschichte immer noch unterrepräsentiert. Nach Recherchen des Mediendienstes Integration war die Bundestagswahl dennoch ein kleiner Fortschritt: Der Anteil an Abgeordneten mit Migrationshintergrund stieg von 8,2 auf 11,3 Prozent.

Mehr Frauen

Die Zahl der weiblichen Abgeordneten stieg von 218 auf 256. Dass der Anteil der Frauen gestiegen ist, lässt sich nur zum Teil auf die Parteien des linken Lagers zurückführen: In der Union nämlich ist der Anteil der Frauen von rund 25 auf rund 31 Prozent gestiegen, weil die herben Verluste der Union insbesondere die Herren von der CDU trafen: Die sind stärker unter den Direktwahlkandidaten vertreten als auf den Landeswahllisten, wo sich die Landes- und Bundesparteien um mehr Parität bemühen. Wen allerdings die Wahlkreise als Kandidaten aufstellen, lassen sich die männlich dominierten Ortsverbände nicht aus irgendwelchen Hauptstädten sagen. Während die CSU trotz Stimmenverlusten fast alle Wahlkreise halten konnte, verloren viele CDU-Männer ihren Wahlkreis an SPD, AfD und sogar an Grüne.

Wie schon beim Alter bewegen sich Grüne und AfD auch beim Geschlecht an unterschiedlichen Enden des Spektrums. Mit einem Frauenanteil von 59 Prozent stellen die Grünen die weiblichste Fraktion, wobei zu den 69 Frauen auch Tessa Ganserer und Nyke Slawik zählen, die ersten offen transgeschlechtlichen Abgeordneten. Sollte es transidentitäre AfD-Abgeordnete geben, so sind diese zumindest nicht öffentlich bekannt. Das Geschlechterverhältnis in dieser Fraktion steht bei 72 zu 11, also rund 13 Prozent - die Hälfte des Bundestagsdurchschnitts.

Merkel nicht mehr drin

Bei der Verteilung der Berufe hat sich nicht viel geändert: Die meisten Abgeordneten kommen aus dem Bereich "Unternehmensorganisation, Recht, Verwaltung": 532 der 736 Bundestagsabgeordneten sind entweder Rechtsanwälte, Steuerberater, kommen aus dem Rechnungs- oder Finanzwesen, der Verwaltung oder Unternehmensführung (2017: 511). Dahinter folgen Geisteswissenschaftler, Werbe- und Marketing-Fachleute und Kultur- und Medienschaffende (65, 2017: 53) vor Gesundheits- und Sozialberufen, Lehrkräften und Erziehern (59, 2017: 54). Handwerker, Landwirte (8) oder Kaufleute (16) sind kaum vertreten.

Klar ist auch: Im Bundestag wird nun mindestens eine Physikerin weniger sitzen. Angela Merkel scheidet aus dem Parlament aus und wird an diesem Dienstag auch formell von Bundespräsident Steinmeier mitsamt ihren Ministern entlassen werden. Sie bleibt aber bis zur Bildung einer neuen Regierung kommissarisch im Amt. Trotz fehlendem Mandat ist die Kanzlerin bei der ersten Bundestagssitzung nach der Wahl mit dabei. Sie verfolgt die Angelegenheit von der Ehrentribüne aus.

Quelle: ntv.de, shu/vpe/AFP/dpa

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