Politik

Freiwillige in Griechenland Das treibt die Flüchtlingshelfer an

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Blick in die "Eko Kitchen": Essen für 1200 Flüchtlinge täglich.

(Foto: Oscar Wellenstein)

Sie kochen Essen, versorgen Flüchtlinge mit dem Nötigsten und sortieren Hilfslieferungen: Freiwillige Helfer sind das Rückgrat der Flüchtlingsversorgung in Griechenland. Geld bekommen sie nicht, die meisten tragen sogar ihre Reisekosten selbst - und doch kehren viele reicher nach Hause zurück.

Lässig baumeln die Beine von Josh Turner Hunt von dem metallenen Tresen, auf den er sich gerade schwungvoll gewuchtet hat. Die Dose Alfa in seiner rechten Hand zischt verlockend, als der Brite sie mit zwei Fingern öffnet. Schon aus einiger Entfernung ist deutlich zu erkennen: Dieser Mann hat sich seinen Feierabend redlich verdient.

Die Szene könnte direkt aus einer Bierwerbung stammen, nur dass die Männer dort in der Regel entweder ihren Garten auf Vordermann gebracht oder einen langen Tag auf dem Bau hinter sich haben. Hunt dagegen hat gerade Essen für 1200 Flüchtlinge in einem illegalen Camp kurz vor der mazedonischen Grenze zubereitet - freiwillig und ohne dafür auch nur einen Cent zu sehen.

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Der junge Syrer Adi hatte das ewige Warten im Camp satt und schnippelte bis zur Schließung des Lagers in der "Eko Kitchen" mit.

"Die Menschen hier brauchen Hilfe, und ich habe Zeit, ihnen zu helfen", antwortet Hunt lakonisch auf die Frage, was er hier macht, Tausende Kilometer von zu Hause weg. Es ist, zumindest in seinen Augen, eine dämliche Frage - was gibt es schließlich Besseres, als anderen Menschen zu helfen? Auch deshalb machte sich der Brite vor fast drei Monaten mit seinem klapprigen roten Sprinter auf den Weg nach Nordgriechenland und hilft seitdem, wo er kann. Zusammen mit einer fränkischen Hilfsorganisation baute er die "Eko Kitchen" auf, die jedem Bewohner des letzten verbliebenen illegalen Lagers in Nordgriechenland zumindest eine warme Mahlzeit pro Tag garantierte.

Als Hunt an diesem schwülen Juniabend mit seinem Bier vor der Küche sitzt, ahnt er noch nicht, dass Camp Eko bereits zwei Tage später Geschichte sein wird. Hier und jetzt ist die Welt so in Ordnung, wie sie in einem Flüchtlingslager mit minimalen hygienischen Standards und unmenschlichen Lebensbedingungen nur sein kann. Ein gutes Dutzend Kinder rennt lachend auf dem Vorplatz der "Eko Kitchen" einem Ball hinterher, während auch die anderen Helfer langsam in Feierabendstimmung kommen. Catalina aus Tschechien erzählt von ihren Erfahrungen in Kroatien, als die Balkanroute noch offen war, die Potsdamerin Ulrike trainiert ihr Arabisch mit dem Syrer Hassan, der ebenfalls in der Küche hilft - und der Franzose Quentin verzückt eine Handvoll Kinder mit seinen Jonglierkünsten. Am Himmel machen die letzten Sonnenstrahlen Platz für die ersten Sterne. Lagerfeuerromantik im Flüchtlingslager.

"Nur rumgehangen und mich gelangweilt"

Fast könnte man vergessen, dass genau hier noch vor nicht einmal einer halben Stunde die Luft gebrannt hat: Schnell und effizient versorgte das Küchenteam - ein gutes Dutzend Menschen, freiwillige Helfer und Flüchtlinge gleichermaßen - die in zwei getrennten Schlangen wartenden Männer und Frauen, während Ordner darauf achteten, dass sich niemand ein zweites Mal anstellte. "Gerade am Anfang hatten wir nie genug Essen, weil sich viele dreisterweise dazwischenmogelten und die hinten Stehenden nichts mehr abbekamen", sagt Hunt. 1200 Menschen gerecht mit Essen zu versorgen, ist eine Aufgabe, die gut organisiert sein will - etwas, das der Brite in den vergangenen Monaten auf die harte Tour gelernt hat.

Nicht nur die Essensausgabe selbst, sondern auch Einkauf und Zubereitung koordinierte Hunt, und das auch noch enorm effektiv: 35 Cent gab die "Eko Kitchen" zuletzt durchschnittlich für eine Mahlzeit aus, viel günstiger geht es kaum. Der Brite wirkt so souverän im Umgang mit Helfern und Flüchtlingen, als würde er seinen Job schon seit Jahren machen. Darauf angesprochen grinst Hunt nur und sagt: "Ich mache das zum ersten Mal in meinem Leben. Mann, ich bin doch erst 22 Jahre alt, wie viel Erfahrung soll ich denn haben?" Schwer zu glauben, dass so ein junger Typ so viel Ruhe und Selbstsicherheit ausstrahlen kann, aber Hunt wiegelt ab: "Vor einem halben Jahr hättest du mich garantiert nicht wiedererkannt, ich habe eigentlich nur rumgehangen und mich gelangweilt. Wenn sich das nicht so kitschig anhören würde, könnte man sagen, dass ich erst hier zum Mann geworden bin. Oder, besser gesagt, hier habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen."

So wie Hunt denken viele der freiwilligen Helfer, die aus aller Herren Länder hierhergekommen sind - ganz egal, ob sie bei der täglichen Verpflegung helfen, den wenigen Ärzten vor Ort unter die Arme greifen oder ankommende Hilfslieferungen sortieren. Hunts französischer Kollege Quentin bringt es auf den Punkt: "Ich hatte die Wahl, zu Hause Zahlenkolonnen in den Computer zu tippen, ohne wirklich zu wissen, wofür das gut sein soll, oder hier helfen zu können und endlich zu erfahren, was eine sinnvolle Beschäftigung ist." Natürlich klopft bei den allermeisten Helfern früher oder später die Realität in Form finanzieller Verpflichtungen an die Tür - Geld verdient man mit Helfen in der Regel schließlich nicht. Aber zurück kommt man mit einem ganz neuen Selbstvertrauen, davon ist zumindest Hunt überzeugt: "Die Erfahrungen, die ich hier sammle, sind mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Ich behaupte mal, dass allein die letzten drei Monate mich weiter gebracht haben als die zehn Jahre davor." Spricht's, guckt in den Sternenhimmel und nimmt einen Schluck Alfa - zufriedener kann man seinen Feierabend kaum genießen.

Quelle: n-tv.de

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