Politik
"Wer das bis heute nicht verstanden hat, der wird das auch in Zukunft nicht verstehen", sagt Johannes Kahrs.
"Wer das bis heute nicht verstanden hat, der wird das auch in Zukunft nicht verstehen", sagt Johannes Kahrs.(Foto: AP)
Freitag, 30. Juni 2017

Interview mit Johannes Kahrs: "Das war Merkels Schabowski-Moment"

In der Debatte über die Ehe für alle sticht im Bundestag eine Rede heraus: Der SPD-Politiker Johannes Kahrs attackiert Kanzlerin Angela Merkel ungewöhnlich scharf – und erklärt im Interview mit n-tv.de, warum er so wütend ist.

Nach der Abstimmung feiern Thomas Oppermann, Johannes Kahrs und Martin Schulz (v.l.) die Ehe für alle.
Nach der Abstimmung feiern Thomas Oppermann, Johannes Kahrs und Martin Schulz (v.l.) die Ehe für alle.(Foto: dpa)

n-tv.de: "Peinlich", "erbärmlich", "vielen Dank für nichts". Sie haben Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Debatte über die Ehe für alle heftig angegriffen. Warum diese harte Wortwahl?

Johannes Kahrs: Die Kanzlerin blockiert seit 2005 die Gleichstellung von Lesben und Schwulen – sie hat alles getan, um die Öffnung der Ehe zu verhindern. Das geht mir auf den Senkel. Dieses Geheuchel ist unerträglich. Immerhin hat sie den Anstand besessen, heute mit "Nein" zu stimmen. Jetzt weiß man, wo sie steht.

Haben auch persönliche Erfahrungen bei Ihrer Attacke eine Rolle gespielt?

Frau Merkel hat auf der "Brigitte"-Veranstaltung gesagt, niemand habe mit ihr über die Öffnung der Ehe diskutiert. Na ja. Ich habe das mit der Kanzlerin zwei-, dreimal im Jahr gemacht. Das letzte Mal war das Ende vergangenen Jahres, als ich bei einem Essen neben ihr saß und sie bat, die Ehe für alle zu überdenken. Merkel sagte, das wolle sie gerne über Weihnachten und Silvester tun. Sie werde sich dann melden. Sie hat sich zwar nicht gemeldet, aber ich habe mich gemeldet. Die Kanzlerin sagte mir dann, dass sie nicht für die Öffnung der Ehe sei. Mit ihr gehe das nicht.

Hier könnte man einwenden: Die Äußerungen bei der Veranstaltung waren kalkuliert.

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Ehrlich, sie hat sich da verstolpert. Das war ihr Schabowski-Moment. Das war doch keine Strategie, sie hat schlicht eine Pirouette zu viel gedreht. Und deshalb muss man einfach mal benennen, wer seit 2005 blockiert – und heute sogar dafür gestimmt hat, dass das Thema nicht auf die Tagesordnung kommt, um eine Entscheidung zu verhindern.

Günter Schabowski hat auf einer denkwürdigen Pressekonferenz gesagt, dass eine neue Regelung für Reisen von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik "unverzüglich" in Kraft trete. Die Folgen sind bekannt. Heute nehmen viele für sich in Anspruch, dass es nun die Ehe für alle geben wird.

In jeder Fraktion gibt es Menschen, die dafür gekämpft haben. Beispielsweise Volker Beck von den Grünen, Michael Kauch von der FDP oder Stefan Kaufmann von der CDU. Sie haben alle ihren Beitrag in den letzten Jahren geleistet. Dass es am Ende heute geklappt hat, dafür habe ich allerdings Martin Schulz zu danken. Er hat gnadenlos zugeschlagen, als Merkel ihm diese Chance gegeben hat. Schulz hat das dann mit Thomas Oppermann einfach durchgezogen.

SPD-Fraktionschef Oppermann sagte in der Debatte, er habe Verständnis für alle, die diesen Schritt "noch nicht mitgehen" wollen. Stimmen Sie ihm zu?

Thomas Oppermann hat ein großes Herz und verhält sich staatsmännisch. Ich aber bin Beauftragter für Lesben und Schwule. Ich habe in dieser Frage kein Verständnis. Ich glaube auch nicht, dass man noch Zeit braucht. Wir diskutieren über die Öffnung der Ehe seit 1998. Wer das bis heute nicht verstanden hat, der wird das auch in Zukunft nicht verstehen.

Und wie verbringen Sie den Rest des Tages?

Erst wird mit Martin Schulz und der Fraktion eine Regenbogentorte angeschnitten. Dann fahre ich nach Hamburg und werde den Abend mit meinem Freund verbringen.

Mit Johannes Kahrs sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de