Opposition zerstrittenDen Exil-Iranern fehlt eine Führungsfigur

Abgesehen vom Exil und ihrer Abscheu gegen die regierenden Mullahs trennt die ins Ausland geflohenen Iraner ein tiefer Graben. Im Iran selbst dürften viele mit Skepsis auf die Diaspora blicken.
Die Proteste im Iran haben die im Exil lebenden Gegner der radikal-islamischen Regierung in Teheran mobilisiert. Allerdings ist die Opposition tief gespalten. Ein Riss, der bis in die Zeit vor der Islamischen Revolution von 1979 zurückreicht, verläuft vor allem zwischen den monarchistischen Anhängern von Resa Pahlawi, dem Sohn des gestürzten Schahs, und der linksgerichteten Gruppe der Volksmudschahedin (MEK). Diese Spaltung zeigt sich in sozialen Medien und sogar in Auseinandersetzungen bei Protesten in Europa und Nordamerika.
Wie viel Unterstützung die beiden Bewegungen innerhalb des Irans haben oder wie sie die Ereignisse dort beeinflussen könnten, ist schwer einzuschätzen. Experten und Diplomaten gehen seit Jahrzehnten davon aus, dass beide Gruppen unter Auswanderern weitaus beliebter sind als im Land selbst. "Das Problem ist, dass keine integrative Organisation aufgebaut wurde, die Iraner aus allen Gesellschaftsschichten zusammenbringen kann: religiös, ethnisch, sozioökonomisch", sagt Sanam Vakil, Nahost-Expertin des Londoner Chatham House. Die fehlende allgemein anerkannte Oppositionsbewegung oder Führungsfigur erschwert auch die internationale Reaktion auf die Unruhen.
Resa Pahlawi, der 65-jährige Sohn des 1979 geflohenen Schahs, lebt in den USA und wirbt für eine Demokratie im Iran. Seine Anhänger betreiben einen der wichtigsten persischsprachigen Satellitensender, der in den Iran ausstrahlt. Sie verweisen auf Videos von Demonstranten, die Pahlawis Namen rufen, als Beweis für dessen wachsende Popularität. Unter ausländischen Beobachtern gehen die Meinungen jedoch auseinander. Einem westlichen Diplomaten zufolge könnte der Name Pahlawis von Demonstranten lediglich benutzt worden sein, weil es kaum andere bekannte Oppositionsfiguren gebe. Ein europäischer Vertreter sagt hingegen, ein starker Anstieg der Proteste nach einem Aufruf Pahlawis zeige, dass seine Bedeutung möglicherweise größer sei als bisher angenommen.
Volksmudschahedin: "Kein Oberster Führer"
Die Volksmudschahedin (MEK), eine Bewegung, die linke und islamistische Ideen verbindet, teilt die Einschätzung einer wachsenden Popularität Pahlawis nicht. Ihre Anhänger sehen die Monarchie als vergleichbar mit der gegenwärtigen Theokratie an und nutzen oft den Slogan "Keine Monarchie, kein Oberster Führer".
Die MEK wurde 1981 von den herrschenden Geistlichen verboten und griff vom Irak aus iranische Truppen während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren an. Dies nehmen ihr viele Iraner bis heute übel. Einem europäischen Vertreter zufolge wird die MEK deshalb im Iran weithin verachtet. Obwohl die USA die Gruppe bis 2012 als Terrororganisation einstuften, wird sie von einigen westlichen Politikern wie dem ehemaligen US-Außenminister Mike Pompeo unterstützt.
Für viele Iraner dürften die Auseinandersetzungen zwischen dem theokratischen Establishment, den Monarchisten und der Revolutionsgruppe überholt wirken. Seit der Revolution hat sich die Bevölkerung des Irans verdoppelt, ist städtischer und gebildeter geworden. Die Demonstranten der jüngsten Protestwellen fordern umfassendere Veränderungen statt nur eine Reform der Islamischen Republik. "Ich glaube, die Iraner im Iran schauen für ihre Zukunft nicht nur auf die Diaspora", sagte die Expertin Vakil.