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Wenn Krieg auf Katastrophe trifft "Der Jemen wird Jahrzehnte brauchen"

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Hunderttausende Kinder leiden unter chronischer Mangelernährung - wie dieses zehn Monate alte Mädchen.

AP

Dieser Krieg scheint weit weg zu sein, hat aber ähnlich viele Menschen hilfsbedürftig gemacht wie der Syrienkrieg: Seit einem Jahr bombardiert Saudi-Arabien den Jemen. Hilfsorganisationen wie Oxfam können das entstandene Leid kaum auffangen. Im Interview mit n-tv.de berichtet Sultana Begum, Mitarbeiterin von Oxfam in Sanaa, was sie täglich erlebt.

n-tv.de: Seit einem Jahr leidet der Jemen unter den Luftangriffen einer saudisch-geführten Koalition. Wie gestaltet sich da die Arbeit als Hilfsorganisation?

Sultana Begum: Es gibt regelmäßig Luftschläge. Daher ist unser Bewegungsradius sehr begrenzt, besonders in der Hauptstadt Sanaa, wo unser Hauptquartier ist. Im Land haben wir noch mehrere Regionalbüros, wo wir auch von Sanaa aus hinfahren können. Oxfam arbeitet auf mehreren Gebieten: von sauberem Wasser über Lebensmittelmarken bis hin zu Zelten für obdachlos gewordene Familien.

Der Krieg im Jemen

In der Nacht vom 25. auf den 26. März begann Saudi-Arabien mit Verbündeten, Luftangriffe auf den Jemen zu fliegen.

Monate zuvor hatten die Huthi-Rebellen de facto die Macht im Land übernommen und den von Saudi-Arabien unterstützten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi verjagt.

Ein Jahr später ziehen die Vereinten Nationen und internationale Hilfsorganisationen eine verheerende Bilanz:

  • Seit Beginn des Krieges wurden mehr als 6300 Menschen getötet, darunter rund 950 Kinder.
  • Ungefähr ebensoviele Kinder wurden als Soldaten und Kämpfer rekrutiert, beklagt Unicef in einem Bericht.
  • Rund 10.000 Kinder sind nach Schätzungen zudem an vermeidbaren Krankheiten gestorben, weil die Gesundheitsversorgung nicht mehr funktioniert.
  • Zehn Millionen Kinder sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, 320.000 davon sind von schwerer akuter Mangelernährung bedroht.

Was hören Sie von den Zivilisten im Jemen?

Es liegt ein Jahr eines intensiven Konflikts hinter uns. Doch schon vor dieser Eskalation hatten zehn Millionen Menschen im Jemen nicht genug zu essen. So hören wir jetzt von den Menschen, dass sie einfach noch hungriger seien als vor dem Krieg. Viele können sich nur noch auf Pump Essen kaufen, da sie ihre Arbeit und Lebensgrundlagen verloren haben. Geschäfte füllen zum Teil ihre Vorräte gar nicht mehr auf, weil die Leute ohnehin nicht bezahlen können.

Wie kommt diese Entwicklung von schlecht zu schlimmer zustande?

Die meisten Jemeniten sind vollkommen abhängig von den lokalen Märkten. Doch es wird so gut wie nichts mehr produziert. 90 Prozent der Nahrungsmittel müssen importiert werden, doch über die Häfen wurde eine Blockade verhängt. So kommt einfach nichts mehr ins Land hinein. Falls doch einmal etwas durchkommt, so erreicht es kaum die Bedürftigen, weil Straßen und Brücken zerstört sind. Das führt zu Engpässen bei Nahrungsmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Hinzu kommt eine Finanzkrise, die die jemenitische Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat. Dadurch kann die Zentralbank keine stabilen Preise mehr für Zucker garantieren und wir befürchten, dass dies auch bald bei Weizen und Reis der Fall sein wird.

Welche Regionen sind am stärksten betroffen?

Der größte Mangel herrscht in den heftig umkämpften Regionen. Das sind unter anderem die Grenzregion zu Saudi-Arabien und andere Teile des Nordens. In der zentraljemenitischen Stadt Taizz ist es sehr schwierig, dort sind mehr als 200.000 Menschen von der Grundversorgung abgeschnitten. Im Süden hat vor allem die Hafenstadt Aden eine Menge Zerstörung erlebt.

Wie polarisiert ist die Gesellschaft angesichts dieser Katastrophe?

Wir treffen bei unserer Arbeit auf Menschen, die den Konflikt sehr unterschiedlich beurteilen – je nachdem, wie er ihr Leben beeinträchtigt oder zerstört hat. Als Hilfsorganisation liegt unser Fokus aber nicht auf den politischen Ursachen. Von allen Menschen hören wir, dass dieser Krieg alles noch schlimmer gemacht hat, als es zuvor schon war. Immerhin hat der Jemen in den vergangenen Jahren schon eine Revolution und diverse Nahrungskrisen hinter sich gebracht. Die Menschen sagen, sie litten enorm und dass dieser Krieg beendet werden müsse. Manche sind auch optimistisch, denken lieber an eine Zukunft, in der sie wieder ein normales Leben führen und ihre Kinder wieder in die Schule schicken wollen.

Es gibt eine weitere Bedrohung in dieser unübersichtlichen Situation: Dschihadistische Gruppen sollen im Jemen auf dem Vormarsch sein.

Es gibt viele verschiedene Gruppen, die sich im Jemen tummeln, und das ist Teil der Herausforderungen für das Land. In einigen Teilen gibt es ein Sicherheitsvakuum, vor allem im Süden. Für eine Hilfsorganisation macht das die Arbeit nicht einfacher. Es kann gefährlich sein, sich draußen zu bewegen, Waren zu verteilen oder zu helfen. Je länger dieser Krieg dauert, desto mehr Gruppen können auftauchen und diese blinden Flecken nutzen.

Wie groß ist das Vertrauen, dass die angekündigten Friedensgespräche Frieden bringen werden?

Es gibt einen gewissen Optimismus. Wir hoffen, dass die Waffenruhe hält und die Friedensgespräche wirklich geführt werden. In der Vergangenheit haben wir leider erlebt, dass Waffenruhen gebrochen wurden, bevor sie richtig angefangen hatten. Es muss dieses Mal wirklich verlässlich sein, damit die Menschen sich frei bewegen können, um zu handeln, einzukaufen und so etwas. Wir können alle Kriegsparteien nur aufrufen, miteinander zu verhandeln und auch Gruppen wie die Frauen miteinzubeziehen. Klar ist aber auch: Dieses Mal müssen den Worten auch Taten folgen. Bisher fühlt sich noch keiner sicherer von der bloßen Ankündigung der Friedensgespräche.

Manche sagen, es werde Jahrzehnte dauern, bis der Jemen auch nur das Niveau eines unterentwickelten Landes erreicht haben werde. Sehen Sie das auch so?

Selbst wenn der Krieg morgen endete, wäre es genau so: Es würde Jahrzehnte dauern, bis die Wasserinfrastruktur, das Gesundheitswesen, Schulen, Märkte und Geschäfte wieder auf einem Standard sein werden, dass die Gesellschaft im Jemen wieder halbwegs existieren kann. Und dabei wäre noch nicht der Zusammenbruch der Wirtschaft durch die Finanzkrise abgewendet.

Mit Sultana Begum sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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