Politik

John Bercow - Regent im Chaos Der Mann, der so schön "Order!" ruft

8d16544111a9a12028a04e67834c3b4f.jpg

John Bercow amüsierte mit seinem unkonventionellen Moderationsstil während des Brexit-Votums.

(Foto: REUTERS)

Während Theresa May bei der Abstimmung über den Brexit-Deal eine schwere Niederlage einstecken muss, erlebt ein anderer seine Sternstunde. John Bercow ist Vorsitzender des Unterhauses - und fällt nicht nur durch sein Faible für ausgefallene Krawatten auf.

Dienstagabend, 19.30 Uhr Ortszeit, britisches Unterhaus: Mit 432 Nein- zu 202 Ja-Stimmen beerdigen die Abgeordneten den mühsam ausgehandelten Brexit-Vertragsentwurf von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union. Der Mann, der die historische Entscheidung mit ungekämmten Haaren und reichlich Verve in der Stimme verkündet, heißt John Simon Bercow. Der 55-Jährige ist schon seit fast zehn Jahren Sprecher des House of Commons - doch erst in diesen Minuten erlangt er weltweit Aufmerksamkeit.

*Datenschutz

In den sozialen Medien überschlagen sich Nutzer mit amüsierten Kommentaren zu Bercows unkonventionellem Moderationsstil. "Der Mann ist unbezahlbar", schreibt einer auf Twitter. "Ich schaue jetzt öfter Unterhaus", meint ein anderer. Die Frage, die viele Nutzer aber am meisten beschäftigt, ist: "Wo hat er bloß diese Krawatte her?" Tatsächlich hat John Bercow nicht nur einen Hang zur Theatralik, er liebt auch ausgefallene Krawatten. Diesem Faible widmet ein Anhänger sogar eine eigene Tumblr-Seite; sie sei laut Beschreibung eine Widmung an den "farbenfrohen Stil" des Politikers.

Das Exemplar, das sich Bercow zur historischen Abstimmung über den Brexit-Deal ausgesucht hatte, reiht sich hervorragend ein in diese "Hall of Fame". In geometrischem Zick-Zack und allen Farben des Regenbogens erinnerte sie an die wohl schlimmste Modedekade der jüngeren Vergangenheit - die 1980er Jahre. "Es ist schwer, in den Verstand eines Mannes vorzudringen, der, wohl wissend, dass die ganze Welt zuschaut, denkt: 'Das ist definitiv die richtige Krawatte!'", urteilte ein Beobachter. Der Sohn eines Taxifahrers verkörpert - obwohl er vor seiner Wahl zum Speaker langjähriger Abgeordneter der Tories war - das Gegenteil des britischen Establishments.

Sticker des Anstoßes

*Datenschutz

Im Parlament und der eigenen Partei hat er sich in den vergangenen Jahren wenig Freunde gemacht. Er gilt als cholerisch. Kritiker werfen ihm zudem vor, in der Brexit-Debatte parteiisch zu sein. Er selbst hat zwar zugegeben, dass er beim Referendum 2016 gegen den EU-Austritt Großbritanniens gestimmt hat. Den Vorwurf, dies beeinflusse seine Arbeit als Vorsitzender des Parlaments, weist er allerdings zurück. Fast schon legendär ist seine Ansprache vom 10. Januar, als ein Konservativer auf einen Sticker an Bercows Wagen "mit abfälligen Bemerkungen über den Brexit" zu sprechen kam. Gemeint war die Aufschrift "Don't blame me. I voted Remain!" auf Bercows Rover.

Der 55-Jährige unterbrach seinen früheren Parteikollegen mit dem Hinweis, dieser habe wohl einen Fehler gemacht. Denn das Fahrzeug gehöre nicht ihm, sondern seiner Frau. Seit 2002 ist der Parlamentarier mit Sally Bercow verheiratet. Das Paar hat drei Kinder. Die Tatsache, dass die 49-Jährige der oppositionellen Labour-Partei angehört, hat den Speaker schon mehrmals ins Schussfeld gebracht. Bercow verteidigte sich stets damit, dass seine eigene Verpflichtung zur Unparteilichkeit nicht für seine Frau gelte - so auch in Bezug auf den Sticker. "Ich bin mir sicher", entgegnete er dem Abgeordneten, "dass der ehrenhafte Gentleman nicht einmal einen Moment lang andeuten wollte, eine Frau sei das Eigentum ihres Mannes".

"Order! Order! Order!"

Obwohl Bercow als egozentrisch gilt und immer wieder Rufe nach seinem Rücktritt laut werden, hat ihn das Unterhaus 2010 und 2017 wiedergewählt - wohlgemerkt auch mit den Stimmen der Labour-Abgeordneten. Sie schätzen offenbar, dass er auch Hinterbänkler zu Wort kommen lässt und Änderungsanträgen stattgibt - auch wenn sie den Interessen der Konservativen zuwiderlaufen. Dass Theresa May nach der gescheiterten Abstimmung am Dienstag nur wenige Tage hat, einen Plan B vorzulegen, ist ebenfalls Bercow geschuldet. Er hatte zuvor einem entsprechenden Antrag der Parlamentarier stattgegeben. Die Premierministerin steht deshalb nun erneut unter erheblichem Zeitdruck. Das ist ganz im Sinne der Opposition.

Und auch wenn es für ausländische Ohren befremdlich klingt: Die Art und Weise, wie Bercow mit ebenso lautem wie langgezogenen "Order! Order!" die völlig zerstrittenen Parlamentarier zur Räson ruft, sorgte zumindest bisher dafür, dass Abstimmungen im britischen Unterhaus überhaupt noch erfolgreich stattfinden konnten. "Bercow könnte durchaus auch Boxkämpfe ansagen", urteilte ein Nutzer auf Twitter. Offenbar ist es genau das, was das House of Commons aktuell braucht.

Quelle: n-tv.de, jug

Mehr zum Thema