Politik

Russische Armee Der Soldat als Kanonenfutter

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Beisetzung eines russischen Soldaten am 9. März in Ust-Kyakhta, einer Ortschaft in der russischen Region Burjatien.

(Foto: Alexander Garmayev/TASS / Imago)

Die russische Armee führt in der Ukraine einen brutalen Krieg. Viele Meldungen und Zahlen offenbaren aber auch die rücksichtslosen Strukturen innerhalb der russischen Armee, in welcher der einzelne Mensch nicht viel zählt.

Es sind bedrückende Augenzeugenberichte und Videos, die man zu lesen und sehen bekommt aus der umkämpften Stadt Mariupol oder den Kiewer Vororten wie Irpin und Butscha, wo die russische Armee bei ihrem Abzug ukrainische Männer, alles Zivilisten, zwischen 16 und 60 Jahren ermordet hat. Zudem gibt es Berichte über Vergewaltigungen, Schikanen und Plünderungen, die erahnen lassen, was für einen Horror die Menschen in den letzten Wochen unter russischer Besatzung durchlebt haben. Nicht vergessen sollte man auch den Einsatz international geächteter Bomben durch russische Streitkräfte. Es sind Belege für die unfassbare Brutalität eines sinnlosen Krieges, der sich trotz aller Beteuerungen aus Moskau auch gegen Zivilisten richtet.

Doch so seltsam das auch klingen mag nach den jüngsten grauenvollen Bildern hingerichteter Zivilisten in Butscha, so muss man feststellen, dass Verrohung und Brutalität auch innerhalb der Strukturen der russischen Streitkräfte zu finden, ja sogar ein fester Bestandteil sind. Denn immer wieder gibt es auch Meldungen, bei denen man den Eindruck bekommt, der einzelne Mensch zähle nichts in der russischen Armee und dient nur als Kanonenfutter. Was, wie hervorgehoben werden muss, keine Entschuldigung ist für die von russischen Soldaten begangenen Kriegsverbrechen in der Ukraine.

Bestes Beispiel sind die jüngsten Berichte über russische Soldaten im "Roten Wald" von Tschernobyl, einer radioaktiv hochverstrahlten Zone in der Nähe des Unglückskraftwerks. Sie sollen dort nicht nur mit Panzern unterwegs gewesen sein, sondern angeblich auch Gräben ausgehoben haben. Alles ohne Schutzausrüstung, ohne Vorkenntnisse über Tschernobyl. "Als sie gefragt wurden, ob sie von der Katastrophe von 1986 wussten, der Explosion des vierten Reaktorblocks, hatten sie keine Ahnung", sagte einer der Kraftwerksmitarbeiter. Auch von ihren Vorgesetzten wurden die Soldaten offenbar nicht über den Einsatzort aufgeklärt. "Sie hatten keine Ahnung, in welcher Art von Anlage sie sich befanden. Die Soldaten hätten nur erklärt, dass es sich um kritische Infrastruktur handle", so der bereits erwähnte Mitarbeiter der Anlage.

Russland will Gefallene offenbar nicht zurück

Einer Armee, die so mit ihren lebenden Soldaten umgeht, sind die gefallenen Militärangehörigen offenbar erst recht egal. Die ukrainische Seite klagt jedenfalls seit Wochen darüber, dass diese nicht nur zurückgelassen werden, sondern die russische Armee die eigenen Gefallenen nicht mal zurückhaben will. Was die Ukrainer zwingt, russische Soldaten in Massengräbern zu bestatten, um unmenschliche Bilder und Seuchen zu verhindern. In sozialen Netzwerken findet man immer wieder Videos, auf denen zu sehen ist, wie streunende Hunde und andere Tiere an den Leichen toter russischer Soldaten nagen.

Dem Militärexperten Gustav C. Gressel sind diese Bilder bekannt. "Der Rückzug der russischen Armee aus der Region um Kiew scheint chaotisch verlaufen zu sein, wenn diese ihre gefallenen Soldaten so zurücklässt", sagt der Politikwissenschaftler des European Council on Foreign Relations ntv.de. Gressel finde dies auch verwunderlich. "Beim Krieg im Donbass ließ die russische Armee ihre toten Soldaten verbrennen, um so ihren Einsatz zu vertuschen. Seit dem 24. Februar ist die russische Armee aber offiziell im Einsatz. Eigentlich hat sie für den fragwürdigen Umgang mit ihren toten Soldaten keinen Grund", sagt er.

Dieser Umgang mit den eigenen Soldaten ist offenbar ein Erbe der ehemaligen Sowjetunion. Millionen sowjetische Soldaten sind während des Zweiten Weltkriegs gefallen, mehr Tote hatte kein anderer Alliierter zu beklagen. Die Verantwortung dafür trägt natürlich die deutsche Kriegsführung, die mit aller Brutalität gegen die als "Untermenschen" angesehenen Soldaten vorging. Doch Stalins Regime spielte dabei auch eine Rolle. Seine Haltebefehle, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geratene Soldaten mit Deserteuren gleichsetzten und sogar Konsequenzen für ihre Familien mit sich brachten, offenbarten die Gleichgültigkeit gegenüber den einzelnen Menschen. Dabei war die deutsche Kriegsgefangenschaft für die meisten Soldaten der Roten Armee gleichbedeutend mit dem Tod.

Die "Herrschaft der Großväter"

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem einzelnen Soldaten zeigt sich auch in den Ehrenmalen für die Gefallenen der Roten Armee, die man unter anderem in Berlin findet. "Die Ehrenmale dienen hauptsächlich nicht dazu, an die gefallenen Soldaten zu erinnern, sondern den Ruhm und die Größe der Sowjetarmee zu symbolisieren", sagt Gressel, der sich auf die russische Armee spezialisiert hat.

Dass auch der heutigen russischen Armee sowie dem Kreml der Ruf und Ruhm wichtiger sind als das Leben der einzelnen Soldaten, zeigte sich bereits im August 2001. Damals, ein Jahr nachdem Putin zum ersten Mal zum russischen Präsidenten gewählt worden war, sank bei einem Manöver das Atom-U-Boot "Kursk". Wie sich später herausstellte, hätten 23 Mann der über hundertköpfigen Besatzung gerettet werden können, wenn die russische Marine das Unglück zuerst nicht nur verschwiegen, sondern auch die angebotenen Rettungsversuche aus dem Westen nicht abgelehnt hätte.

Ein weiteres bedrückendes Erbe der Sowjetarmee ist auch die Praxis der "Dedowtschina", der "Herrschaft der Großväter". Ein Schikanesystem innerhalb der Armee, bei dem jüngere Soldaten von ihren älteren Kameraden teilweise bis in den Tod gequält werden. Allein 2010 sprach das Verteidigungsministerium von über 1700 Dedowtschina-Opfern. "Mit einer Reform, zu der auch die Einführung des Unteroffizier-Dienstgrades gehörte, wollte man dieser Praxis ein Ende setzen. Das jedoch ohne Erfolg", erklärt Gressel. 2019 erschoss Ramil Shamsutdinow in einer Kaserne acht seiner Kameraden. Als Grund gab der Rekrut an, Angst vor der Dedowtschina gehabt zu haben.

Für Gressel ist dies nicht die einzige misslungene Reform innerhalb der russischen Armee. "Auch mit der Modernisierung ihrer Panzerfahrzeuge wollte die russische Armee das Leben der einzelnen Soldaten schützen", so Gressel. "Die hohen Verluste der russischen Streitkräfte in der Ukraine zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist", erklärt der Politikwissenschaftler, der die Zahl gefallener russischer Soldaten auf etwa 12.000 schätzt. Doch es sind nicht nur die hohen Gefallenenzahlen, die einen dunklen Schatten auf die Strukturen innerhalb der russischen Armee werfen, sondern auch die Angaben über die Verwundeten. "Die Zahl der Verwundeten beträgt ungefähr 20.000 Soldaten. Normalerweise ist diese aber vier bis fünfmal größer als die der Gefallenen", erläutert Gressel. "Was bedeutet, dass das Sanitätssystem innerhalb der russischen Armee entweder katastrophal ist oder dass man vor allem schwerverletzte Soldaten sterben lässt", mutmaßt Gressel. Beide Annahmen werfen kein gutes Licht auf die russische Armee und den Umgang mit ihren eigenen Soldaten.

Quelle: ntv.de

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