Politik

Anschläge in München und Aztec Deutschland droht Klage aus den USA

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Trauer in Aztec, New Mexico, nach dem Anschlag 2017, bei dem zwei Schüler getötet wurden.

(Foto: AP)

Hätte ein Mord an zwei Schülern in den USA durch deutsche Behörden verhindert werden können? Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart weist die Vorwürfe zurück.

Der Anschlag erschüttert ganz Deutschland: Im Juli 2016 erschießt der Rechtsradikale David Sonboly am Münchener Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und verletzt fünf weitere. Anschließend nimmt der 18-Jährige sich das Leben.

Nur drei Tage später wird ein weiterer Anschlag in Deutschland in letzter Minute verhindert. In Ludwigsburg wird der 15 Jahre alte David F. verhaftet. Bei ihm finden die Beamten Waffen und chemische Zutaten für den Bau einer Bombe. Gut ein Jahr danach erschießt der Rechtsradikale William Atchison zwei Schüler in der Kleinstadt Aztec im US-Bundesstaat New Mexiko und begeht dann Selbstmord. Alle drei kannten sich, sie alle vereinte ungehemmter Hass auf Ausländer und Juden. Nun stellt ein US-Anwalt kritische Fragen: Hätte der Anschlag in den USA verhindert werden können, wenn die deutschen Behörden ihre amerikanischen Kollegen besser informiert hätten?

Die Plattformen und Portale heißen Steam, 4chan, Discord oder Telegram. Dort wird online gechattet, gespielt und diskutiert. Alles legal, vieles spannend, anderes beeindruckend langweilig, aber nicht besorgniserregend. In einigen, zumeist geheimen Gruppen, fallen dann aber alle Hemmungen. Dort wird nach Leibeskräften gehetzt, zu Hass aufgerufen oder werden Anschläge und Massenmorde geplant. In einer dieser Gruppen, dem "Anti-Refugee-Club" auf der Plattform Steam, treffen vermutlich 2016 David Sonboly, David F. und William Atchison aufeinander.

"Diabolic Psychopath"

Roland Sieber, ein exzellenter Kenner des internationalen Rechtsextremismus, weiß, wie das hasserfüllte Trio transnational zueinanderfand: "Der Deutsche David F. fragte den US-Neonazi William Atchison, ob dieser potenzielle Massenmörder in Deutschland kenne. Atchison vermittelte daraufhin den Kontakt zu dem späteren Münchener Attentäter Sonboly. David F. nahm den Kontakt an und versprach Sonboly, nach der geplanten Tat sein Manifest zu verbreiten." Von da an ist die Gaming Plattform Steam ihr Zuhause.

David Sonboly hieß ursprünglich Ali, aber diesen Vornamen legte er zu seinem 18. Geburtstag ab. Seine Eltern kamen Ende der 90er Jahre als Asylbewerber aus dem Iran nach Deutschland. Vor dem Anschlag in München war David nur wegen polizeilicher Bagatelldelikte in Erscheinung getreten. Gesundheitlich aber hat er schon seit seiner Kindheit deutliche Probleme und leidet unter verschiedenen psychischen Störungen.

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Der damals 15-jährige David F., im Netz "Diabolic Psychopath", stammt aus der Region Ludwigsburg. Er hasst seine Schule, das Robert-Bosch-Gymnasium in Gerlingen, und verehrt Massenmörder wie Anders Breivik aus Norwegen. Und er ist hochgerüstet. Einige aufmerksame Internet-User, denen die Waffen-Posts des 15-Jährigen auffallen, verständigen die Polizei. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung stellen die Beamten Chemikalien für Sprengsätze und Rohrbomben sowie Munition für Schusswaffen, Dolche und Messer sicher. Somit kann vermutlich ein weiterer Anschlag 2016 noch rechtzeitig verhindert werden.

Der dritte im Bunde ist der 21 Jahre alte Amerikaner William Atchison. "Er gehört zu den Mitgründern dieser Gruppe", so Roland Sieber. "Im Juli 2016 gab es 261 Mitglieder. Als die Hass-Gruppe am 23. September 2017 deaktiviert wurde, waren es schon 770." Seine Mitschüler beschreiben Atchison als "nett und immer lächelnd". Sein auffälligstes Merkmal ist ein Trenchcoat, den er fast immer trägt. Er gerät ins Visier des FBI, als er sich online nach Schusswaffen erkundigt, die man für einen Massenmord am besten benutzen könne. Bei der anschließenden Durchsuchung finden die Ermittler aber nur eine Softair-Waffe und verzichten deshalb auf weitere Ermittlungen.

Im "Anti-Refugee-Club" aber entladen sich ihre hasserfüllten Fantasien. Auf Steam diskutieren sie ihre rassistischen Mordgelüste und tauschen sich über die Möglichkeiten der Waffenbeschaffung aus, so die Ermittler. Und sie trainieren online für ihr mörderisches Finale. Laut dem Politikwissenschaftler Florian Hartleb sind allein bei David Sonboly 4000 Stunden "Counter Strike" belegt.

Staatsanwaltschaft Stuttgart weist Vorwürfe zurück

Als Erster setzt David Sonboly seine mörderischen Fantasien in die Tat um. Am 22. Juli 2016 erschießt er neun Menschen, alle mit Migrationshintergrund, und dann sich selbst. Bei den anschließenden Ermittlungen stoßen die Beamten drei Tage später auf David F. Nach der Wohnungsdurchsuchung lässt sich der 15-Jährige freiwillig in eine Jugendpsychiatrie einweisen. Nun identifizieren die Ermittler auch den dritten, den Amerikaner William Atchison. David F. gibt bei den Ermittlern 2016 an, dass der Amerikaner großes Interesse an Anschlägen geäußert habe. Das bestätigt er auch später gegenüber dem ARD-Magazin "Fakt". Angeblich sollen aber die deutschen Behörden, genauer gesagt die Staatsanwaltschaft in Stuttgart, ihre Kollegen jenseits des Atlantiks nicht davon in Kenntnis gesetzt haben. Wenn dem so ist, dann war dies möglicherweise ein Fehler. Denn der 21 Jahre alte William Atchison erschießt nur einige Monate nach dem Anschlag in München zwei hispano-amerikanische Schüler an seiner ehemaligen Highschool in Aztec und anschließend sich selbst.

Hätte dieser Anschlag verhindert werden können, wenn das FBI von den deutschen Behörden informiert worden wäre? Hätten zwei Teenager nicht sterben müssen, wenn die amerikanische Polizei gewusst hätte, dass William Atchison mit seinen deutschen Gesinnungsgenossen im Netz über Anschläge gesprochen hat? Diese Fragen will vor allem der Anwalt einer Opferfamilie nun klären lassen. Luis Robles, der Jamie Lattin, die Mutter eines der Opfer vertritt, prüft, wie weit die Deutschen eine Mitschuld haben.

Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart weist die Vorwürfe auf Nachfrage von ntv.de zurück. "David F. hat [während der Vernehmungen] angegeben, auf einer Internet-Plattform Kontakt mit einem US-amerikanischen User gehabt zu haben, den er allerdings nur mit seinem im Internet verwendeten Pseudonym benennen konnte. Zu den etwaigen Anschlagsplänen dieses Users hat David F. keine Angaben gemacht", sagt Michael Allmendinger, der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Demnach "hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart (…) weder Kenntnis von der Identität des US-amerikanischen Users, der mit Davis F. in Verbindung stand, noch von etwaig in den USA geplanten Anschlägen dieses Users."

Sicher ist jedenfalls, sagt Experte Roland Sieber, "dass für die Attentäter von München und Aztec in New Mexico sowie für viele andere wie den Mörder von Halle (oder den Massenmörder von Christchurch, der 51 Muslime erschoss), diese Plattformen eine zentrale Rolle bei der Radikalisierung, der Planung und Durchführung von rechtsterroristischen Straftaten spielten".

Ob und wann eine mögliche Klage droht, ist noch unklar. Der Anwalt will in den nächsten Wochen zuerst die Akten intensiv studieren.

Quelle: ntv.de