Politik

Massaker von Distomo "Deutschlands Verhalten ist eine Schande"

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Im Mausoleum von Distomo werden Schädel und Knochen der Opfer des Massakers aufbewahrt.

(Foto: Nadja Kriewald / n-tv)

Der Bruder von Lukas Sechremilis wurde in den Armen seiner Mutter erschossen. "Das Blut des kleinen Krisakis spritzte ihr ins Gesicht", erzählt er. Für die Überlebenden von Distomo ist das Massaker nicht verjährt.

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Deutsche Soldaten am 10. Juni 1944 in Distomo. Das Foto wurde von einem Deutschen aufgenommen - offenbar unmittelbar nach dem Massaker.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der kleine Ort Distomo liegt eingebettet zwischen den Hügeln des Parnass-Gebirges. Man kann sich vorstellen, dass es nicht schwer war für die SS-Division, das Dorf zu umzingeln an diesem Schicksalstag, dem 10. Juni 1944.

"Die Partisanen hatten drei deutsche Soldaten getötet", erinnert sich Jorgos Sfonduris, der damals gerade 16 Jahre alt war, "und jetzt kamen die SS-Soldaten ins Dorf, sie wollten Rache." Sfonduris hält sich gerade in seinem Stuhl vor dem kleinen Café im Zentrum. Er wirkt erstaunlich fit für seine 87 Jahre, trägt Anzug und Krawatte.

Die SS-Soldaten drohten, alle Bewohner sollten im Haus bleiben - wen sie draußen erwischen würden, der würde erschossen. Sfonduris floh trotzdem. Seine Eltern arbeiteten draußen auf den Feldern. Dort ging er hin. Tagelang blieben sie in den Bergen.

Programmhinweis

Eine TV-Reportage von Nadja Kriewald über Distomo läuft am Freitag um 15.10 Uhr im Auslandsreport bei n-tv.

Lukas Sechremilis hatte weniger Glück, er war damals 11. Sie waren im Haus der Nachbarn, seine Mutter, sein dreijähriger Bruder, die vierjährige Schwester. Zusammen versteckten sie sich im Weinkeller. Die Soldaten brachen die Tür auf und dann schossen sie. Töteten die Nachbarin, ihre Mutter, den Mann. Der Elfjährige kauerte mit seiner kleinen Schwester hinter einem Fass im Weinkeller. Wir wagten kaum zu atmen, sagt er. Dann entdeckte der Soldat seine Mutter und schoss.

"Sie hatte meinen kleinen Bruder im Arm. Das Blut von dem kleinen Krisakis spritzte ihr ins Gesicht. Meine Schwester und ich waren erstarrt, wie Eis. Ich weiß nicht, wie lange wir uns nicht bewegen konnten."

"Ich erwarte nichts von Deutschland"

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Bürgermeister Lukas Zisis in der Gedenkstätte vor den Namen der rund 218 Opfer.

(Foto: Nadja Kriewald / n-tv)

Seine Mutter überlebte, sie hatte die Kugel in der Schulter. Die Kugel, die seinem Bruder den Kopf durchschlagen hatte. Seine Mutter hat das nie überwunden, sagt er. Er wischt sich über die Augen. "Ich erwarte nichts von Deutschland. Das kann man nicht wieder gutmachen. Ein Leben kann man mit Geld nicht ersetzen. Niemand kann das."

Jorgos Sfonduris widerspricht ihm: "Nein, Deutschland muss zahlen! Das Gericht hat uns Recht gegeben. Es geht um die Zukunft unserer Kinder. Wenn wir schon nichts mehr davon haben." Der 87-Jährige wird ganz energisch.

1997 hatte das Landgericht von Livadia den Angehörigen der 218 Opfer von Distomo rund 28 Millionen Euro Entschädigung zugesprochen. Später wurde das Urteil in höherer Instanz bestätigt. Lukas Zisis, der stellvertretende Bürgermeister von Distomo, war einer der Kläger. Schon damals wollte man deutsches Eigentum in Griechenland pfänden, sagt er, das Goethe-Institut, die deutsche Schule in Athen. Doch der damalige griechische Justizminister verweigerte die Unterschrift nach dem deutschen Ja zu Griechenlands EU-Beitritt.

Zisis' Großvater und sein Onkel wurden damals von den Deutschen erschossen. Sein Vater überlebte, weil er geflohen war und sich in den Bergen versteckte.

"Das hier war eines der schlimmsten Massaker in ganz Griechenland. Die SS-Leute haben alles getötet, was lebte. Sie haben schwangere Frauen aufgeschlitzt, ihnen die Embryos aus dem Bauch gerissen, Säuglinge ermordet, Greise aufgespießt." Der 48-Jährige muss immer wieder schlucken, während er die Fotos der Opfer zeigt - Kinder, Alte und viele Frauen.

"Wir haben nicht einmal eine Entschuldigung bekommen, kein hochrangiger deutscher Politiker hat sich hier jemals blicken lassen." Deutsche Touristen würden kommen, sagt Zisis. Die wären oft ganz verstört, wenn sie im Museum die Fotos sehen. 1960 zahlte Deutschland 115 Millionen D-Mark an Griechenland als Entschädigung für die NS-Verbrechen. Davon hätten sie hier nichts gesehen, sagt Zisis.

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Agelis Castritis war 1944 acht Jahre alt. Dieses Foto ist alles, was ihm von seiner Mutter geblieben ist.

(Foto: Nadja Kriewald / n-tv)

"Es geht um Sühne, sagt Zisis. "Diese Untaten der deutschen Soldaten müssen gesühnt werden. Und das ist keine neue Förderung. Aber ja, jetzt geht es ihnen sehr schlecht hier in Distomo, sie haben nicht einmal Geld um die Schule zu heizen." Draußen sind an diesem Tag 8 Grad.

Doch Deutschland weigert sich seit Jahren. Die Forderungen seien verjährt.

"Ich schäme mich für Deutschland"

"Das ist ein schwieriger Fall", sagt der deutsch-griechische Historiker Hagen Fleischer, der an der Universität von Athen Geschichte lehrt. "Es würde einen Präzedenzfall schaffen. Und es hat viele solcher Massaker im Dritten Reich gegeben. Es würde viele Forderungen nach sich ziehen - auch aus anderen Ländern."

Anders sieht das mit der Zwangsanleihe aus. 467 Millionen Reichsmark waren das damals. Heute entspricht das etwa 10 Milliarden Euro. "Da es einen Besatzungskredit nur in Griechenland gab, besteht keine Gefahr des Präzedenzfalls", sagt Professor Fleischer.

Dass dies ein Kredit war, da ist sich der Historiker sicher. Zum Treffen in Athen hat er die Unterlagen mitgebracht. "Das Nazi-Regime hatte diese Schuld anerkannt - die deutsche Vertretung in Athen meldete alle drei Monate den Stand der 'Reichsverschuldung'. Ich habe die deutsche und die griechische Staatsangehörigkeit, und ich schäme mich. Wie Deutschland sich verhält, das ist eine Schande."

"Das Besatzungsregime hat diese Schuld anerkannt, die demokratische Nachfolge-Regierung erkennt es nicht an. Es ist absurd." Fleischer hat neben der deutschen auch die griechische Staatsbürgerschaft. "Ich schäme mich in Bezug auf die Argumentationsqualität meiner Regierung in Berlin."

"Deutschland muss zahlen"

Zurück in Distomo. Man sieht nur noch wenige alte Häuser, die SS hatte alles niedergebrannt. In den Straßen war alles voller Leichen, erinnert sich der fast 80-jährige Agelos Castritis. Er war nicht im Ort gewesen an diesem Tag, weil er eine Tante besucht hatte. Als der Achtjährige zurückkam, warnten ihn Nachbarn. Seine Mutter war im Hof erschossen worden, genauso wie seine Großeltern. Nur sein kleiner Bruder und sein Vater hatten überlebt.

Er zeigt eine Fotografie. "Nur ein paar Wochen zuvor ist meine Mutter mit der Familie zum Fotografen gegangen. Wir hatten uns alle fein angezogen und dann ist dieses Bild entstanden. Es war, als hätte meine Mutter es geahnt."

Es ist das einzige Bild, das ihm geblieben ist von seiner Mutter. Er stützt sich auf seinen Stock. "Deutschland muss zahlen, aber ich weiß nicht, ob ich das noch erlebe." Und dann humpelt er davon.

Quelle: ntv.de

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