Politik

Gas-Streit im Mittelmeer Die Eskalation nimmt eine Pause

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Griechische Fregatten bei einer Übung.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Türkei lenkt ein und kündigt an, zunächst auf Forschungsfahrten in griechischen Gewässern zu verzichten. Gelöst ist der komplizierte Konflikt dadurch aber nicht.

Es waren beängstigende Szenen, die sich vergangene Woche in der Ägäis abspielten: 15 Kriegsschiffe und das Forschungsschiff "Oruc Reis" liefen aus türkischen Marinehäfen aus und nahmen Kurs auf griechische Gewässer. Es folgte ein Großalarm bei der griechischen Marine, die ebenfalls Schiffe entsandte. Sowohl in Griechenland als auch in der Türkei stiegen Kampfflugzeuge auf, selbst das griechische Heer auf dem hunderte Kilometer entfernten Festland wird in Alarmbereitschaft versetzt. Für einen Moment sah es danach aus, als könnte es zwischen den beiden Nato-Staaten zu einer direkten militärischen Konfrontation kommen.

Gut eine Woche später hat sich die Lage deutlich beruhigt: "Lasst uns konstruktiv sein und das eine Zeit lang aufschieben", sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan heute. "Das ist eine gute Entscheidung", sagte der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas. Und aus Kreisen des Verteidigungsministeriums in Athen hieß es, die Türkei habe die meisten ihrer Kriegsschiffe aus der Region abgezogen. Auch die meisten griechischen Schiffe seien in ihre Stützpunkte zurückgekehrt. Doch gelöst ist der Konflikt damit nicht, höchstens vertagt. Worum geht es dabei?

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Das Forschungsschiff "Oruc Reis" auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2018.

(Foto: REUTERS)

Die Geschichte der Beziehungen beider Länder ist gespickt von Kriegen, Konflikten und Spannungen. Zuletzt standen sich 1996 türkische und griechische Kriegsschiffe gegenüber. Der damalige US-Präsident Bill Clinton soll eine ganze Nacht durchtelefoniert haben, um die Lage zu entspannen. Der Auslöser damals war banal: Ein türkischer Zivilist hatte auf einer unbewohnten, rund vier Hektar großen Insel die türkische Flagge gehisst. Betrachtet man hingegen den Gegenstand der aktuellen Auseinandersetzung, lässt sich erahnen, welches gefährliche Potenzial der Konflikt dieses Mal entwickeln könnte.

Ankara beruft sich auf selbstgemachtes Recht

Denn es geht um weit mehr als einen ungelösten Territorialstreit um ein unbewohntes Eiland. Das Forschungsschiff "Oruc Reis" sollte im Auftrag der türkischen Regierung mögliche Gasvorkommen auskundschaften. Unter dem Meeresboden der Region lagert ein gewaltiger Schatz. Im Jahr 2010 schätzte der geologische Dienst der US-Regierung USGS die Größe der Gasvorkommen im auch Levantischen Meer genannten östlichen Mittelmeer auf gewaltige 30.000 Kubikkilometer. Das würde rechnerisch ausreichen, um einen Staat wie Deutschland für rund 40 Jahre mit Gas zu versorgen.

Und Erdogan hat bereits Anfang des Jahres deutlich klargemacht, wie er mit diesen Vorkommen umgehen will. Die Türkei werde nicht lange warten, um "ihr Recht" wahrzunehmen und im östlichen Mittelmeer nach Gas zu suchen, sagte er am 16. Januar. Das "Recht", auf das er sich dabei bezieht, hat er zuvor selbst geschaffen. Mit der von den Vereinten Nationen anerkannten Regierung in Libyen hatte er ein Abkommen unterzeichnet, mit dem die Türkei Territorium beansprucht, das völkerrechtlich klar zu Griechenland gehört. Bewohnten oder bewohnbaren Inseln eines Landes steht nach dem UN-Seerechtsabkommen von 1982 eine ausschließliche Wirtschaftszone von 200 Seemeilen zu.

Für die griechische Insel Kastellorizo, vor deren Küste die "Oruc Reis" vergangene Woche nach Gas suchen wollte, erkennt Ankara dieses UN-Abkommen nun scheinbar nicht mehr an, sondern beruft sich auf den Vertrag mit Libyen. Die Insel liege nur drei Kilometer vom türkischen Festland entfernt, aber mehr als 500 Kilometer von Athen, argumentierte jüngst der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Dennoch beanspruche Athen mit der Insel zu Lasten der Türkei 200 Seemeilen als ausschließliche Wirtschaftszone. Cavusoglus Sprecher, Hami Aksoy, machte vergangene Woche klar, es könne nicht sein, dass die Insel Kastellorizo im Mittelmeer ein Gebiet von 40.000 Quadratkilometern beanspruche.

Das "Blaue Vaterland" reicht weit bis nach Griechenland herein

Die ursprünglich griechischen Inseln in der Ägäis und griechische Teile der heutigen Türkei wurden einst vom Osmanischen Reich erobert, die Inseln fielen dann nach Ende des Ersten Weltkrieges und spätestens mit dem Ende des Großreichs wieder an Griechenland. Athen beansprucht seither entsprechende Wirtschaftszonen um die Inseln - was die Ausbeutung von Bodenschätzen einschließt. Aus Sicht der Türkei hat Griechenland jedoch nur Anspruch auf zwölf beziehungsweise sechs Seemeilen breite Hoheitsgewässer. Die Doktrin vom "Mavi Vatan", zu Deutsch dem "Blauen Vaterland", definiert sogar einen 200 Kilometer breiten Streifen rund um die Türkei als türkische Einflusszone. Das ist aber nur ein Streitpunkt zwischen den beiden Staaten, der den Konflikt so brisant macht.

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Schon vergangenes Jahr gab es wegen türkischen Probebohrungen vor Zypern Streit. Auch damals bekam das Erkundungsschiff "Yavuz" militärischen Geleitschutz.

(Foto: REUTERS)

Ein anderer Aspekt ist die nach wie vor ungelöste Situation in Zypern. Nachdem griechische Putschisten 1974 einen Anschluss der Republik Zypern an Griechenland erreichen wollten, besetzten türkische Truppen den Norden der Insel. Nach blutigen Gefechten mit Hunderten Toten wurde die Insel geteilt. 1984 spaltete sich der Norden ab und rief eine eigene Republik aus. Sämtliche Versuche, Zypern wieder zu einen, sind in den vergangenen 56 Jahren seit Ende des blutigen Krieges gescheitert. Und seither sind auch die für die Erdgasbohrungen wichtigen Grenzverläufe ungeklärt.

Denn die Türkische Republik Nordzypern wird ausschließlich von der Türkei anerkannt. Für den Rest der Weltgemeinschaft ist es besetztes Gebiet. Dementsprechend reklamiert die Republik Zypern eine Wirtschaftszone um die gesamte Insel herum. Nordzypern, vor allem aber die Türkei, sieht das anders. Aus Sicht Ankaras gehören die Gewässer an der Nordküste der Insel zu Nordzypern, das den Verbündeten aus Ankara jederzeit Gas- oder Ölbohrungen gestatten würde. Festgefahren ist die Situation aber auch, weil der griechische Teil der Insel sich wenig kompromissbereit zeigt. Ein diplomatischer Vorstoß aus Brüssel, der Nordzypern Erlöse aus dem Gasgeschäft ermöglichen sollte, wurde vom Süden abgelehnt.

Ob Angela Merkel noch einmal vermittelt?

Außerdem gibt es noch Streit, weil auch weitere Anrainerstaaten nicht mit Ankara zusammenarbeiten wollen. Die größten Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer liegen im Levantischen Becken zwischen Zypern und Israel. Die Regierungen der beiden Staaten haben mit Ägypten und Griechenland vereinbart, die Gasfelder gemeinsam auszubeuten. Die Türkei wird dabei bewusst außen vor gelassen. Alle vier Staaten haben keine guten Beziehungen zu Ankara.

All diese Konfliktpunkte belasten die griechisch-türkischen Beziehungen, die seit der Unabhängigkeit Griechenlands vom Osmanischen Reich im Jahr 1830 zumeist von Konflikten und selten von Versöhnung geprägt sind. Besonders heikel macht die Lage auch, dass sowohl Griechenland als auch die Türkei Mitglied der Nato sind. Wie das Bündnis mit einem Angriff unter seinen Mitgliedern umgeht, ist unvorhersehbar. Artikel 5 des Vertragstextes, der den Verteidigungsfall definiert, unterscheidet nicht zwischen einem Angreifer innerhalb oder außerhalb der Nato.

Und es ist kein vielversprechender Vermittler in Sicht. Die USA halten sich heraus und vertreten zudem widersprüchliche Positionen. Im Konflikt um Libyen unterstützt Washington die Türkei, um den Einfluss Russlands zurückzuhalten. Im Gasstreit jedoch stellen sich die USA hinter Griechenland, Zypern, Ägypten und vor allem Israel. Und ob Angela Merkel dauerhaft moderieren kann, ist auch sehr unsicher. Denn sie wird sich im Zweifel für die EU, also Griechenland entscheiden.

Quelle: ntv.de