Politik

Linksjugend fordert Mitsprache "Die Linke hat auf jeden Fall Nachholbedarf"

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"Die schwarze Null gehört auf den Scheiterhaufen der Wirtschaftspolitik", sagt Rebekka Grotjohann von der Linksjugend.

(Foto: REUTERS)

Die Linksjugend will "ein schönes Leben für alle". Im Interview mit ntv.de erklärt ihre Bundessprecherin Rebekka Grotjohann, warum Politikerinnen und Politiker radikaler sein sollten. Und warum es junge Menschen in der Politik oft schwer haben - auch bei den Linken.

ntv.de: Die Linksjugend fordert auf ihrer Homepage: "Wir müssen die Gesellschaft anders organisieren" und "Der Kampf für eine andere Gesellschaft beginnt jetzt". Was für eine Gesellschaft soll das sein?

Rebekka Grotjohann ist eine der Bundessprecher*innen der Linksjugend "solid" sowie Bundesschatzmeisterin. Die 22-Jährige studiert Sozialwissenschaften und ist Mitglied im Landesvorstand der Linken in Sachsen-Anhalt.

Rebekka Grotjohann ist eine der Bundessprecher*innen der Linksjugend "solid" sowie Bundesschatzmeisterin. Die 22-Jährige studiert Sozialwissenschaften und ist Mitglied im Landesvorstand der Linken in Sachsen-Anhalt.

(Foto: linksjugend)

Rebekka Grotjohann: Es kann nicht sein, dass der Reichtum so ungleich verteilt ist. Wie möchten eine Gesellschaft, in der es den Vielen gut geht, nicht nur den Wenigen. Die Rede ist von einer sozialistischen Realität. Solange die CDU noch an der Macht ist, reden wir aber wohl eher von einer sozialistischen Utopie.

Ist inmitten einer Pandemie der richtige Zeitpunkt dafür?

Gerade in der Corona-Zeit zeigt sich doch, dass es anders geht. Wenn die Notwendigkeit da ist, können Produktionen schnell umgestellt werden - Autohersteller produzieren plötzlich Beatmungsgeräte und Luxusmodehersteller stellen Masken her. Auf einmal wird an der schwarzen Null gerüttelt und konservative Politiker*innen reden über Vergesellschaftung. Warum kann man das nicht auch tun, wenn keine Pandemie herrscht? Wir müssen auch im Sinne des Klimaschutzes die Produktionen umstellen und wir müssen in Zukunft in Jugend und in Bildung investieren. Meiner Meinung nach gehört die schwarze Null schon lange auf den Scheiterhaufen unserer Wirtschaftspolitik.

Treibt die Corona-Krise die soziale Ungleichheit an?

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Bestehende Ungleichheiten verschärfen sich. Es ist natürlich besser, sich in seine Villa zurückzuziehen, in der jedes Kind seinen eigenen Laptop, viel Platz und gutes Internet hat. Gleichzeitig haben viele Kinder von Hartz-IV-Empfängern nicht einmal die Möglichkeit, in einem eigenen Raum Homeschooling zu machen. Die soziale Ungleichheit wirkt darauf hin, dass die, die wenig haben, auch weniger Chancen haben, gerade in einer Pandemie. Jetzt zum Beispiel ist Bildung digital. Aber wer es sich nicht leisten kann, hat Pech gehabt.

Auf Ihrem Instagram-Account schreiben Sie, die Reichen würden in der Pandemie immer reicher, die Armen immer ärmer. Man müsse die Wirtschaft für einige Wochen komplett lahmlegen, um die Pandemie zu bekämpfen. Was ist mit Soloselbstständigen, Clubbesitzern und Co., denen es weniger um Reichtum als vielmehr um ihre Existenz geht?

Natürlich sind die mittelständischen und kleinen Unternehmen nicht die großen Gegner. Sondern die, die in der Corona-Krise Wirtschaftshilfen eingestrichen haben und trotzdem Dividenden auszahlen konnten und dann noch Arbeiter*innen entlassen haben. Das passt ja vorne und hinten nicht zusammen. Während das private Leben vollkommen eingeschränkt wird, können immer noch Großraumbüropartys ohne Abstand und Maske stattfinden. Clubs hingegen haben seit einem Jahr zu. Ich glaube, wir haben eine viel bessere Chance, das Virus wirklich zu überwinden, wenn wir ein, zwei oder drei Wochen alles - auch die Großkonzerne - schließen. Dann können zum Beispiel Clubs in einem halben Jahr wieder öffnen. Wir müssen ohnehin mal darüber reden, dass wir unsere Kultur gerade komplett abbauen. Es ist einfach zum Schämen, wie damit umgegangen wird.

Als große Hoffnung gilt das Impfen. Was sagen Sie zur angekündigten Änderung der Impfreihenfolge?

Warum haben wir eigentlich so wenig Impfstoff, dass es darauf ankommt, eine so krasse Impfreihenfolge zu haben, bei der vorher das Risiko verschiedener Menschen, am Virus zu erkranken, gegeneinander abgewogen wird? Gesundheit sollte eigentlich keine politische Verhandlungsmasse sein. Wir müssen anfangen, überall wo es möglich ist, Impfstoffe zu produzieren, sodass es mehr gibt und die Impfreihenfolge zweitrangig wird.

Auf dem kommenden Linken-Parteitag gilt die Wahl von Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow als neue Parteivorsitzenden als sicher. Was fordert die Linksjugend von den neuen Vorsitzenden?

Zum einen fordern wir, dass wir als Linke wieder den Mut haben, neu zu denken. Wir können nicht immer sagen: "Ach Mensch, die Position, die wir seit den Achtzigern haben, die bleibt jetzt für immer so." Es geht darum, darauf einzugehen, dass sich die Gesellschaft verändert.

Finden sich die Forderungen der Linksjugend im Parteiprogramm der Linken wieder?

Im Großen und Ganzen schon. Aber natürlich sind wir programmatisch oft ein wenig radikaler.

Wo zum Beispiel?

Zum Beispiel im Bereich Feminismus. Die Partei ist da nicht schlecht aufgestellt, aber ich glaube, dass die Linksjugend da noch programmatisch radikaler rangeht. Auch beim Klimaschutz kommt sehr viel Bewegung aus der Linksjugend. In der Migrations- und Asylpolitik haben wir auch sehr fortschrittliche Forderungen.

Die Linksjugend schreibt: "Die Integrationspolitik der Regierung ist verlogen". In Thüringen und Berlin regiert die Linke mit. Läuft es da besser?

Damit habe ich mich persönlich nicht auseinandergesetzt. Ich würde sagen, überall wo "links" regiert wird, wird besser regiert, aber ich könnte das jetzt nicht an der Integrationspolitik festmachen.

Sieht die Linksjugend die Partei in der Bundesregierung? Wer kommt als Koalitionspartner infrage?

Die Frage ist natürlich umstritten. Die Linksjugend will eine schöne Welt für alle. Wir wollen das Gute für alle erkämpfen und Reichtum für alle. Als sozialistischer Jugendverband streben wir nach einem sozialistischen Land, vielleicht sogar einer sozialistischen Welt. Eine Regierungsbeteiligung der Linken wird uns natürlich nicht sofort zum Sozialismus führen. Wenn die Linke nicht regiert, passiert das aber genauso wenig. Dafür müssen aber auch die Koalitionspartner*innen stimmen. Natürlich regieren wir nicht mit der AfD, der FDP oder der CDU. Am Ende muss man die Inhalte allerdings klar in den Koalitionsverhandlungen besprechen, da kann man schlecht sagen, wer am besten passen würde.

Der SPD-Parteivorsitzende Norbert Walter-Borjans sagte, die Linke müsse über Kompromisse nachdenken, um regierungsfähig zu sein. Er nannte die Auslandseinsätze der Bundeswehr als Beispiel. Sollte die Linke über solche Kompromisse nachdenken?

Wir müssen erst einmal für jede Diskussion offen sein. Was am Ende dabei rauskommt, muss dann die Basis entscheiden.

Apropos Austausch mit anderen Parteien: Haben Sie als Linksjugend Kontakt zu anderen Jugendverbänden der Parteien?

Ja, natürlich. Es ist kein großes Geheimnis, dass wir mehr Kontakt zur Grünen Jugend und den Jusos als zu der Jungen Union und den Jungen Liberalen haben. Es gibt auf jeden Fall eine kritische Zusammenarbeit, bei der wir sagen, wir müssen für eine gute Zukunft für alle kämpfen, gerade als junge Menschen. Es ist ja nicht so, dass junge Menschen überall in den Parteien einfach gerne angenommen und gewählt werden. Jung und politisch zu sein, ist nicht leicht. Das erleben natürlich andere Jugendverbände genauso.

Sie sind auch im Landesvorstand der Linken in Sachsen-Anhalt. Auf die Landesliste für die kommende Landtagswahl hat es jedoch kein Vertreter der Jugendorganisation geschafft. Sie kritisierten, die Partei hätte sich nicht genug für die Jugend eingesetzt. Hat die Linke keinen Bezug zur Jugend?

Ich würde nicht sagen, dass die Partei gar keinen Bezug zur Jugend hat. Sie hat vielleicht ein wenig verkannt, was es bedeutet, jung zu sein. Alle loben Fridays for Future und wollen, dass sich junge Leute politisieren. Wenn es aber darum geht, dass junge Leute Verantwortung übernehmen, dann zögert man erst einmal. Heutzutage braucht man einerseits gute inhaltliche Politik. Andererseits muss man aber auch repräsentativ sein, um mit den Menschen ehrlich zu reden und die Inhalte unter die Leute zu bringen. Und das ist es, glaube ich, was einige Genoss*innen der Linken noch nicht erkannt haben. Es tut sich schon etwas, aber die Linke hat auf jeden Fall Nachholbedarf. Es wird spannend, wie es sich mit jungen Direktkandidat*innen bei der Bundestagswahl verhält.

Mit Rebekka Grotjohann sprach Sarah Platz

Quelle: ntv.de