Politik

Der Unfaire verlangt Fairness Die Tragik des Donald Trump

2020-11-09T110257Z_220480501_RC2NZJ92Q3BP_RTRMADP_3_USA-ELECTION-TRUMP-PROBES.JPG

Hat eine schwere Zeit: (Noch-)US-Präsident Trump.

(Foto: REUTERS)

Auch in der Niederlage bleibt sich der US-Präsident treu: Er verhält sich jämmerlich. Damit macht er es Demokraten schwierig bis unmöglich, ihn ernst zu nehmen und zu respektieren. Leider heizt das die Polarisierung weiter an.

Auch Kayleigh McEnany, die Sprecherin des US-Präsidenten, schießt im "totalen Krieg" um das Weiße Haus, wie Donald Trump Junior den demokratischen Wettstreit nannte, mit der Lieblingswaffe ihres Chefs: Sie twittert. Zu den Jubelfeiern der Anhänger des Wahlgewinners schrieb sie: "Wo ist Joe Biden und ruft dazu auf, die massiven Superspreader-Events, die in seinem Namen abgehalten werden, zu beenden?" Und: "Präsident Trump wurde falsch angeklagt und ausspioniert. Seine Anhänger wurden dämonisiert, angegriffen und ausgegrenzt. Jetzt wird erwartet, dass wir uns hinter Joe Biden vereinen, ohne Fragen zu stellen? Nein."

Diese wenigen Sätze fassen vier Jahre Trump zusammen: Opferhaltung, Tatsachenverdrehung, Realitätsverlust, den Bock zum Gärtner machen und Messen mit zweierlei Maß. Der scheidende Präsident und Teile seiner Entourage haben seit der Erfindung "alternativer Fakten" ungeniert politische Gegner dämonisiert, angegriffen und ausgegrenzt. Wer dem weißen Riesen im Weißen Haus nicht huldigte und seine gefühlte Gottgleichheit verneinte, wurde verteufelt. Aber Gnade Gott, wenn die andere Seite etwas "erwartet" und Schadenfreude, auch boshafte, zeigt: Dann ist das natürlich unfair. Trump sind die Corona-Toten egal; er brauchte Fans auf seinen Wahlkampfveranstaltungen. Wenn allerdings die anderen jubeln, wird mit dem üblichen Sarkasmus ein Superspreader-Event beklagt.

Sein Wesen überschattet auch berechtigte Anliegen

Exakt in diesem schizophrenen Verhalten liegt die Tragik des Donald Trump. Sowohl die eine als auch die andere Kritik ist im Kern berechtigt. Der scheidende US-Präsident wurde von großen Teilen der US-Gesellschaft und auch hierzulande als Teufel an die Wand gemalt. Auch McEnanys Frage nach den Superspreader-Events ist gerechtfertigt. Allerdings fällt es schwer, sich auf eine sachliche Debatte einzulassen - aus dem simplen Grund, dass Trump sie selbst nie gewollt und stattdessen mit Emotionen überlagert hat. Jeder, der ihm gefühlt oder tatsächlich widersprach, wurde mit Verachtung und Hass überzogen. Wie heißt es doch so schön? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Trump aber hat nicht gerufen, sondern gebrüllt. Ihn zu respektieren und seine Meinungen ernst zu nehmen, fiel im Laufe der Jahre zunehmend schwerer. Sein Politikstil, seine Flegelhaftigkeit, seine Stinkwut, seine Hybris machten Trump zu einem der größten Unsympathen der Weltgeschichte. Wer versuchte, den scheidenden US-Präsidenten allein an seinen Taten zu messen, stieß rasch an die Grenzen, die dieser mit seinem Verhalten zog. Mit berechtigter Kritik etwa an China oder an der Knausrigkeit und Feigheit europäischer Nato-Partner drang Trump schon gar nicht mehr durch. Über allem Argumentativem stand sein inakzeptables Wesen.

Es geht ums Rechthaben

Das permanente Bashing - auch von Medien - wäre niemals so scharf ausgefallen, hätte Trump ein bisschen mehr Anstand gezeigt, hätte er ein einziges Mal öffentlich einen Fehler eingeräumt oder eine Entschuldigung für was auch immer geäußert. Warum sollte man jemanden respektieren, der jeden Tag mit Verachtung um sich wirft? Wer geht schon fair mit jemandem um, für den Fairness ein Fremdwort ist? Nicht alle Christen sind bereit, immer wieder die andere Wange hinzuhalten, wenn beide schon wund sind vor Schmerz.

Wie Trump zur Polarisierung nicht nur beiträgt, sondern sie verfestigt und anheizt, zeigt sich in seinem jämmerlichen Verhalten in der Niederlage. Gültig und über jeden Zweifel erhaben sind in seiner Welt selbstverständlich nur die Stimmen, die auf sein Konto gingen. Brutal für Trump ist, dass er sich - wie schon beim Coronavirus - die Realität nicht zurechtbiegen kann. Das Wahlergebnis hat die Blase zerstört, in der er und sein Gefolge sich bewegten.

Trump hat alles Recht, die Korrektheit der Wahlergebnisse vor Gerichten überprüfen zu lassen. Soll er es tun. Nur würde er es allen leichter machen, wenn er wenigstens jetzt Anflüge von Größe, Anstand und Gewissen zeigen würde. Er geht Golf spielen, lässt seine Spießgesellen twittern und Pressekonferenzen abhalten - und wenn sie nicht liefern, was er will, schmeißt er sie halt raus. Wie immer geht es Trump nicht um Recht, sondern um Rechthaben. Greta Thunberg, die ewige Nervensäge, textete einen an sie gerichteten Trump-Tweet marginal um, indem sie lediglich ihren Vornamen durch "Donald" ersetzte. "So lächerlich. Donald muss an seinem Wutbeherrschungsproblem arbeiten und dann mit einem Freund einen guten, altmodischen Film anschauen! Chill, Donald, Chill!" Ihr Wort in Gottes Ohr.

Quelle: ntv.de