Politik

Bundeswehr-General zum Donbass Die Truppen kämpfen dort "Haus um Haus"

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Präsident Wolodymyr Selenskyj besuchte am Wochenende Soldaten nahe der Frontlinie in der Oblast Donezk.

(Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian Presidential Press Office/AP)

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nennt den Kampf um die Stadt Sjewjerodonezk eine "Schicksalsschlacht", Bundeswehrgeneral Christian Freuding erklärt bei ntv.de, welche Rolle die Stadt spielt und warum die letzte Brücke über den Fluss Siwerskyj Donez für beide Gegner so wichtig ist.

ntv.de: Seit Tagen tobt der Kampf um Sjewjerodonezk, zugleich haben es die russischen Truppen geschafft, den Kessel um das umkämpfte Gebiet im Donbass bis auf einen Korridor von 20 Kilometern Länge im Westen zu schließen. Wie sieht die Situation aktuell aus?

Christian Freuding: Nach unseren Beobachtungen hat sich der Korridor nicht signifikant verändert. Die russischen Geländegewinne sind sicher nicht in dem Ausmaß, wie sie es sich vorstellen. Sie sind klein, aber sie sind stetig. Es geht den Russen derzeit darum, die Stadt Sjewjerodonezk einzunehmen. Dort kämpfen die Truppen Straße um Straße, Haus um Haus.

Der Bürgermeister sagt, es befänden sich noch 10.000 Zivilisten vor Ort.

Auch wir gehen davon aus, dass dort noch Bevölkerung vor Ort ist, bei aller Tragik, die sich daraus ergibt. Als wichtige Großstadt würde die Einnahme von Sjewjerodonezk nicht nur von Tag zu Tag einen größeren symbolischen Charakter gewinnen, sondern in der Stadt sind auch wichtige Übergänge über den Fluss Siwerskyj Donez, die die russischen Streitkräfte versuchen zu nehmen.

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Brigadegeneral Christian Freuding leitet das Lagezentrum Ukraine im Bundesministerium der Verteidigung.

(Foto: Bundeswehr)

Welche Rolle spielt dieser Fluss?

Der Fluss ist ein natürliches Hindernis für den weiteren Vormarsch der russischen Streitkräfte. Die Russen sind nahezu an sein östliches Ufer herangestoßen. Die Ukrainer verteidigen im Zuge des Flusslaufes. Die Brücken über den Siwerskyj Donez sind bis auf eine alle zerstört. Daher ist sie zum Nadelöhr für beide Seiten geworden.

Über diese eine Brücke müssten alle ukrainischen Soldaten zurück zum Westufer, falls sie zu sehr in Bedrängnis geraten?

Also zumindest alles, was mechanisierte Kräfte umfasst. Soldaten mit Gefechtsfahrzeugen, Nachschubeinrichtungen, Versorgungseinrichtungen, das muss alles über die Brücke gebracht werden. Infanteriekräfte, sprich Fußsoldaten, sind nicht zwingend auf die Brücke angewiesen.

Sie sagten, die russischen Truppen haben kleine, aber stetige Geländegewinne. Heißt das, ebenso stetig weichen die Ukrainer nach Westen zurück, in Richtung dieser letzten Öffnung von 20 Kilometer Länge, wo der russische Kessel noch nicht geschlossen ist?

Auf der großen Linie kann man das so beschreiben. Wir beobachten, dass die russischen Angreifer versuchen, von der Stadt Lyman im Norden der Region aus und aus Richtung Popasna im Süden die ukrainischen Truppen einzuschließen. Die Taktik der Ukrainer wird es sein, so lange wie möglich östlich des Flusses und auch mit dem Fluss zu kämpfen, ohne in einem möglichen Kessel eingeschlossen zu werden. Nach unserer Kenntnis haben sich die Ukrainer weiter in westlicher Richtung auf eine sehr hinhaltende Verteidigung vorbereitet.

Wie können die Ukrainer "mit dem Fluss" kämpfen?

Das bedeutet, den Fluss als Hindernis für den Gegner auszunutzen. Anfang Mai haben die Russen versucht, eine Gewässerüberquerung an einer anderen Stelle durchzuführen, die dann ganz dramatisch fehlgeschlagen ist. Das ist für den Verteidiger eine ganz starke Stellung, den Angreifer an den Fluss herankommen zu lassen und ihm dann den Übertritt zu verwehren. Für die Ukraine ist das eine Möglichkeit, ihren Gegner dort intensiv abzunutzen.

Weil dann die Truppen derart damit beschäftigt sind, das Hindernis zu überwinden, dass sie Angriffen gegenüber wehrlos sind?

Genau. Wenn die Ukrainer nach Westen ausweichen müssen, werden sie versuchen, diese letzte Brücke in Sjewjerodonezk so zur Sprengung vorzubereiten, dass sie nach dem Rückzug nicht mehr existiert. Ich spekuliere jetzt, aber es würde mich sehr wundern, wenn man nicht so agieren würde. Dann sind die Russen auf Übergänge angewiesen, die sie selber schaffen müssen.

Wie aufwändig ist das?

Das ist eine sehr aufwändige und schwierige Aufgabe. Die Uferbeschaffenheit muss ergründet werden, sie müssen wissen: Wie ist die Bodenbeschaffenheit im Fluss? Dazu müssen sie Taucher herankriegen, die den Grund aufklären. Sie müssen eine Stelle finden, die es von der Bodenbeschaffenheit her erträgt, dass Hunderte von gepanzerten Fahrzeugen die Uferböschung hochkommen. Das ist in der Regel die größte Herausforderung.

Das hört sich an, als müssten die Kräfte, die eine Flussüberquerung durchführen, spezialisiert sein. Hat man die in der Armee in großer Zahl zur Verfügung?

Ich kann nicht für das russische Potential sprechen, ich kann aber für uns sagen, dass wir unsere sogenannten amphibischen Brückenbau-Kräfte sogar in einem Bataillon mit den britischen Landstreitkräften zusammengefasst haben. Das Personal und Material hierfür ist so hochspezialisiert, dass wir die Kräfte hier multinational zusammengeführt haben.

Und Russland?

Die russischen Truppen sind mit einer versuchten Flussüberquerung an einer anderen Stelle über den Siwerskyj Donez bereits gescheitert. Dort haben sie in erheblichem Ausmaß Brückenbau-Kräfte verloren, und diese Fähigkeiten kann man nicht in zweieinhalb Wochen neu trainieren. Das schwächt sie zusätzlich.

In dieser Woche sind der Kommandeur der russischen Truppen der sogenannten "Volksrepublik Donezk" und ein ranghoher General gefallen. Wie sehr wirken sich solche Verluste auf Moral und Koordination der Truppe aus?

Zunächst mal ist es nichts Besonderes, dass Truppenführer vorne sind und auch mitkämpfen. Was wir aber glauben bei den Russen zu beobachten, ist, dass die mittlere Ebene fehlt, die bei uns die jungen Offiziere oder erfahrenen Unteroffiziere bilden, das eigentliche Rückgrat der Führungsfähigkeit. Bei uns hätten wir eine Gesamtstruktur, die solche Verluste an der Spitze viel besser auffangen würde, und auch ein anderes Führungsverständnis.

Wie genau unterscheidet sich das?

Wir sagen, wir führen "mit Auftrag". Derjenige, der den Auftrag durchführt, entscheidet in Eigenverantwortung, wie er zu dem gesetzten Ziel gelangt. Die russischen Streitkräfte hingegen scheinen danach zu führen, was wir "Befehlstaktik" nennen. Ihnen wird konkret vorgegeben, "ihr geht auf diesem Weg bis an diese Stelle vor und tut dort dieses und jenes". Punkt. Und wenn derjenige, der diesen Befehl vorgab, fehlt, hat das natürlich schwerere Konsequenzen als wenn die Leute ihr Ziel kennen, das sie auch ohne ihren Vorgesetzten erreichen können, wollen und sollen.

Wie schwierig wird es denn für russische Truppen, wenn sich herausstellt, dass das Ziel durch das vorgegebene Verhalten gar nicht zu erreichen ist?

Wenn der Weg geradeaus nicht funktioniert, sagt der russische Kommandeur nicht, "dann schauen wir mal, ob wir rechts rum weiterkommen". Die Bundeswehr hat da einen anderen Anspruch und bildet ihre Frauen und Männer so aus, dass sie dann eigenverantwortlich einen anderen Weg suchen.

Ist die Befehlstaktik ein Grund dafür, dass die Koordinationsfähigkeit der russischen Truppen so weit hinter den Erwartungen zurückbleibt?

Das sehen wir als eine Hauptursache an, ja. Zunehmend scheint es uns auch so, dass gewisse ständige Verfahren und Prozedere nicht genug geübt und ausgeprägt sind, insbesondere auch in konkreten Luftoperationen. Da haben wir in der NATO ganz standardisierte Verfahren, die ein Pilot vom ersten Tag an lernt. Bei den russischen Luftstreitkräften sehen wir da Schwächen. Insgesamt scheint die Abstimmung zwischen Land- und Luftstreitkräften und anderen Domänen nicht so reibungslos zu funktionieren, wie es unser eigener Anspruch wäre.

In der Öffentlichkeit fällt derzeit oft der Begriff "Abnutzungskrieg". Sehen wir einen solchen dort im Donbass?

Bei diesem Ausdruck entsteht in meinem Kopf ein Szenario aus dem Ersten Weltkrieg, mit Stacheldraht und Gräben, wo sich Truppen, Wochen, Monate oder gar Jahre gegenüberstehen. Das erkennen wir im Donbass derzeit nicht, es ist ein Bewegungskrieg, allerdings mit erheblichen Verlusten auf beiden Seiten, die militärische Fähigkeiten einschränken. Beide haben außerdem Schwierigkeiten, Material zu ersetzen. Die Sanktionen des Westens gegen Russland werden sich nun sicherlich auch auf die Produktion von Munition und Ersatzteilen auswirken.

Tatsächlich? Es hieß ja immer, die Sanktionen würden sich nur auf lange Sicht auswirken und hätten gar keinen direkten Einfluss auf die militärischen Kapazitäten Russlands. Könnten sie nun doch ein konkreter Faktor werden?

"Könnten" ist hier der richtige Begriff. Ich kann Ihnen nicht sagen, diese und jene Sanktion sorgt dafür, dass die vorn eingesetzte Panzer-Division irgendein Ersatzteil nicht mehr bekommt. Aber wir beobachten, dass auch russische Vorräte endlich sind - das lässt sich schon allein am Einsatz der Waffensysteme erkennen. Vielleicht erinnern Sie sich, wie die russischen Truppen in den ersten Tagen ganz gezielt Hochwert-Waffen, wie Präzisionsraketen, eingesetzt haben, um technische Überlegenheit zu zeigen. Von deren Einsatz sieht man immer weniger.

Mit Christian Freuding sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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