Reisners Blick auf die Front"Die Ukrainer stoßen vor wie im Ersten Weltkrieg"

Während Europa beteuert, wie sehr es an Kiews Seite steht, macht US-Präsident Trump weiter Druck auf Selenskyj. Der kann von der Front Erfolge vermelden, aber sind sie nachhaltig?
ntv.de: Vor einigen Tagen gab es nochmals eine Verhandlungsrunde zwischen der Ukraine, Russland und den USA. Wieviel Druck machen die Amerikaner, sich den Forderungen Wladimir Putins zu beugen?
Markus Reisner: Die russische wie auch die amerikanische Seite wollen beide, dass sich die Ukraine aus dem Donbass zurückzieht. US-Präsident Donald Trump hat zuletzt zweimal gesagt, das Hindernis zum Frieden heiße Selenskyj. Wolodymyr Selenskyj, der ukrainische Präsident, so heißt es, war auf der Münchner Sicherheitskonferenz und noch einmal unmittelbar vor den Verhandlungen in Genf großes Thema. Die USA möchten aus diesem Krieg rauskommen.
Dringender denn je, vermutlich – Stichwort Iran?
Der dortige massive Aufmarsch der US-Truppen kostet extrem viel Geld, ein begrenzter Luftschlag ist zu erwarten. Als zweites Thema poppt gerade Mexiko auf. Bei der Festnahme eines Kartell-Bosses ist es zu massiven Ausschreitungen gekommen, zu Kämpfen zwischen Angehörigen des Drogenkartells und der mexikanischen Armee. Die Festnahme des Drogenbarons basierte auf Geheimdienstdaten des US-Militärs. Geheimdienstlich und mit weitreichender Aufklärung unterstützen die USA die Ukrainer auch weiterhin, aber die Hilfeleistungen sind rapide zurückgegangen. Die große Masse der Bürde trägt momentan die Europäische Union, vor allem finanziell.
Die russischen Luftschläge gegen Umspannwerke und das Gasnetz verlangen den Ukrainern gerade enorme Widerstandskraft ab. Beeinflusst das die Verhandlungen?
Ja, innerhalb der ukrainischen Delegation soll sich eine Spaltung abzeichnen. Ein Flügel, angeführt von General Kyrylo Budanov, seit Januar Chef des Präsidialamts, plädiert für eine rasche Einigung auf ein Abkommen, geführt von den USA. Die Gruppe um Budanov befürchtet, dass sich das Zeitfenster für Maßnahmen bald schließen könnte. Die Gegenposition vertritt Andryj Yermak der ehemalige enge Berater des ukrainischen Präsidenten.
In Genf konnte sich Yermak offenbar durchsetzen?
Offenbar, es gab ja noch keine Zugeständnisse und die Verhandlungen am zweiten Tag waren nach nur zwei Stunden vorbei. Man hat sich angenähert bei Themen wie Gefangenenaustausch. Aber substanziell inhaltlich gibt es kein weiteres Ergebnis, was aus meiner Sicht für mehr Einfluss von Yermak spricht. Man darf auch nicht vergessen: Selenskyj hat sich im vergangenen Jahr signifikant bewegt. Im Frühjahr 2025 äußerte er erstmals die Bereitschaft, den Krieg an der Frontlinie einzufrieren - völlig konträr zu seiner Position bis dahin.
Drei Jahre lang galt das Ziel, die Ukraine zurückzuerobern, inklusive der Krim. Da kam er dem Kreml 2025 schon massiv entgegen, oder?
Ja. Wenn die Russen nun darauf bestehen, den gesamten Donbass bekommen zu wollen, dann würde das bedeuten: mit allen dort noch befindlichen Verteidigungsstellungen. Das wäre extrem ungünstig für die Ukrainer, denn niemand kann ausschließen, dass die Russen in eine paar Jahren wieder angreifen. Die nächste Invasion wäre ohne diese Verteidigungslinie wesentlich schwieriger abzuwehren. Vor allem auch, weil bislang noch niemand die nötigen Sicherheitsgarantien zugesagt hat. Die USA verlangen dafür weiterhin eine Einigung. Die konkrete Unterstützung überlässt Donald Trump den Europäern. Ich erkenne keinerlei Äußerungen in Richtung der Ukraine, die hier Mut machen.
Auch das forciert wahrscheinlich die geteilten Positionen der Ukrainer?
Ja, und Sie können davon ausgehen, dass es auch kein Zufall ist, dass das – in einem Bericht des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ - an die Öffentlichkeit gelangt ist. Man möchte damit zusätzlich Druck ausüben. Es kommt noch etwas dazu: Das europäische Hilfspaket wird gerade massiv in Frage gestellt. Ungarn und die Slowakei haben angekündigt, dass sie die Zusage für das 90-Milliarden-Paket verweigern werden. Ungarn befindet sich im Wahlkampf, am 15. April wird gewählt, und zum ersten Mal seit 15 Jahren wackelt die Position von Präsident Viktor Orbán. Der will die Blockade für das Hilfspaket erst aufheben, wenn wieder Öltransit nach Ungarn über die Druschba-Pipeline erfolgt. Orbán macht mit seiner Weigerung vor allem Innenpolitik. Die Ukraine gerät dadurch zusätzlich unter Druck, denn die Luftangriffe der Russen verursachen derzeit schwere Schäden.
Von der Front gab es ja zuletzt auch positive Meldungen. Wie haben sich die ukrainischen Vorstöße entwickelt?
Der Informationsraum ist voll von dieser Offensive, die aber aus meiner Sicht keine tatsächliche Offensive mit weitgesteckten operativen Zielen ist. Es ist eher eine Bereinigung, die sich ergeben hat. Die Abschaltung von Starlink hat das begünstigt, aber zu wenig in der Fläche. Sonst hätten wir in mehreren Abschnitten sehen müssen, dass die Russen massiv unter Druck kommen. Das war aber bisher nicht der Fall.
Warum können die Ukrainer an zwei Stellen vorstoßen und an vielen anderen nicht?
Das kam zustande, weil die Russen dort jeweils den Raum ausgedünnt hatten. Es war zum einen quasi die Flanke des russischen Vorstoßes, der südlich davon Richtung Saporischschja stattfindet. Dort war also ein ausgedehnter Raum, in dem teilweise Panik ausgebrochen sein soll bei den Russen. Das konnten die Ukrainer nutzen und die Russen über den Fluss Wowtscha zurückdrängen.
Die Geländegewinne haben sich aber nicht steigern lassen?
Nur marginal. Laut den positivsten Schätzungen wurden bis zu 400 Quadratkilometer zurückerobert. Die Ukrainer mussten nun diesen Raum halten und hatten dasselbe Problem wie die Russen zuvor: Sie mussten die Versorgungslinien für Soldaten und Munition über den Fluss stabil halten. Dazu muss man die Übergangsstellen über das Wasser sichern, während der Himmel voller Drohnen ist. Das ist extrem schwierig. Die Ukrainer stoßen zu Fuß vor. Ohne Panzer, ohne Fahrzeuge. Soldaten, die in kleinen Trupps vormarschieren, wie im Ersten Weltkrieg. In anderen Abschnitten ist der russische Druck unverändert hoch, wie zum Beispiel bei Siversk, bei Konstantinowka und noch immer Richtung Saporischschja.
In München wurde bekannt, dass das erste Werk für die ukrainische Drohne Flamingo von russischen Angriffen zerstört wurde. Hat man diesen Notstand lösen können?
Es ist gelungen, die Produktion an einen anderen Standort auszulagern. Die ersten Einsätze wurden geflogen. Die Erfolge sind bemerkenswert, weil die Angriffe tatsächlich auf strategische Ziele abzielen. Bei Votkinsk, etwa 1400 Kilometer vom ukrainisch kontrollierten Territorium entfernt wurde eine Fertigungsfabrik getroffen, die in die Produktion von Iskander-Raketen, Oreschnik und Kinzhal eingebunden ist. Satellitenbilder zeigen ein großes Loch im Dach des Gebäudes, etwa 30 mal 24 Meter groß. Als zweites wurde ein Munitionsdepot in Kotluban, etwa 1460 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Territorium entfernt, beschossen. Beides also relevante Ziele, aber die Schäden waren noch überschaubar.
Hat das dennoch Perspektive?
Stellen Sie sich vor, es würden Dutzende dieser Flamingos eingesetzt werden. Oder noch besser: Die Ukraine hätte Tomahawk Marschflugkörper aus den USA oder deutsche vom Typ Taurus. Das würde sofort ganz andere Effekte ergeben. Vor allem aufgrund der Möglichkeit, das Mittel der Navigation zu wechseln, sind die westlichen Marschflugkörper wesentlich schwieriger abzufangen. Zum Flamingo gibt es unterschiedliche Aussagen, auch aus der Ukraine.
Und die besagen?
Der Flamingo ist ein Produkt, das aus der Not heraus geboren ist. Er hat gewisse Fähigkeiten, ist aber zum Beispiel relativ schwerfällig und gegen russische Abfangmaßnahmen wenig beständig. Käme das System in höherer Stückzahl zum Einsatz, oder sogar kombiniert mit Tomahawk oder Taurus, dann ließe sich die russische Abwehr überwältigen und der Effekt wäre wesentlich größer. Ein solcher Angriff auf die Militärfabrik hätte wirklich nachhaltige Folgen.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer